„Gott will es!“ – mit diesem Ruf sollen im November 1095 Tausende Menschen auf den Aufruf von Papst Urban II. geantwortet haben. Es war der Beginn der Kreuzzüge, einer Reihe von Kriegszügen, die fast 200 Jahre lang das Verhältnis zwischen Europa und dem Nahen Osten prägten. Offiziell ging es darum, Jerusalem und die heiligen Stätten der Christen zu „befreien“. Doch war das wirklich der einzige Grund? In diesem Beitrag untersuchen wir, ob die Kreuzzüge tatsächlich ein Kampf um den Glauben waren.
Die Vorgeschichte
Jerusalem war für drei Religionen heilig: für Juden, Christen und Muslime. Seit dem 7. Jahrhundert stand die Stadt unter muslimischer Herrschaft, christliche Pilger konnten sie aber meist besuchen. Im 11. Jahrhundert eroberten die Seldschuken, ein türkisches Volk, große Teile Kleinasiens und des Nahen Ostens. Sie bedrohten das christliche Byzantinische Reich. Dessen Kaiser Alexios I. bat deshalb den Papst im Westen um militärische Hilfe.
Der Aufruf von Clermont 1095
Am 27. November 1095 hielt Papst Urban II. auf einer Kirchenversammlung im französischen Clermont eine berühmte Rede. Er rief die Ritter Europas dazu auf, den Christen im Osten zu helfen und Jerusalem zu erobern. Allen Teilnehmern versprach er, dass ihnen ihre Sünden vergeben würden. Die Kreuzfahrer nähten sich als Zeichen ein Stoffkreuz auf die Kleidung. Daher kommt der Name „Kreuzzug“.
Der Erste Kreuzzug (1096–1099)
Noch bevor die Ritterheere aufbrachen, zogen schlecht ausgerüstete Scharen einfacher Leute los, angeführt von Predigern wie Peter von Amiens. Auf ihrem Weg überfielen sie im Rheinland die jüdischen Gemeinden, etwa in Speyer, Worms und Mainz, und töteten Tausende Juden. Dieser sogenannte Volkskreuzzug endete 1096 in einer Katastrophe: Die Seldschuken vernichteten die Kreuzfahrer in Kleinasien.
Besser organisiert war der Ritterkreuzzug französischer, lothringischer und normannischer Adliger, darunter Gottfried von Bouillon. Nach einem langen, verlustreichen Marsch erreichten sie 1099 Jerusalem. Am 15. Juli 1099 eroberten sie die Stadt. Es folgte ein Blutbad, bei dem viele muslimische und jüdische Einwohner getötet wurden. Die Kreuzfahrer gründeten im Nahen Osten vier Kreuzfahrerstaaten: das Königreich Jerusalem, die Grafschaften Edessa und Tripolis sowie das Fürstentum Antiochia.
Weitere Kreuzzüge im Überblick
- Zweiter Kreuzzug (1147–1149): Nach dem Fall von Edessa 1144 rief Bernhard von Clairvaux zum Kreuzzug auf. Er scheiterte.
- Dritter Kreuzzug (1189–1192): 1187 hatte der muslimische Herrscher Saladin Jerusalem zurückerobert. Kaiser Friedrich I. Barbarossa ertrank auf dem Weg ins Heilige Land in einem Fluss. Der englische König Richard Löwenherz erreichte in einem Vertrag mit Saladin, dass christliche Pilger Jerusalem wieder besuchen durften.
- Vierter Kreuzzug (1202–1204): Statt nach Jerusalem zogen die Kreuzfahrer nach Konstantinopel und plünderten 1204 die christliche Stadt – ein deutlicher Hinweis darauf, dass es nicht nur um den Glauben ging.
- 1291: Mit dem Fall von Akkon ging die letzte große Festung der Kreuzfahrer verloren. Die Zeit der Kreuzzüge ins Heilige Land war vorbei.
Die Motive: Glaube, Macht und Geld
Um die Leitfrage zu beantworten, musst du die Motive der verschiedenen Beteiligten unterscheiden:
Religiöse Motive
Für viele Kreuzfahrer war der Glaube sehr wichtig. Die Menschen im Mittelalter hatten große Angst vor der Hölle. Die Vergebung der Sünden war deshalb ein starkes Versprechen. Außerdem galt eine Pilgerfahrt nach Jerusalem, wo Jesus gestorben und auferstanden war, als besonders verdienstvoll. Ohne echte Frömmigkeit hätten sich wohl kaum so viele Menschen auf die gefährliche Reise gemacht.
Politische Motive
Der Papst wollte seine Stellung als oberster Führer der Christenheit stärken – auch gegenüber dem Kaiser, mit dem er im Investiturstreit um die Macht rang. Außerdem hoffte er, die Ostkirche wieder enger an Rom zu binden. Ein weiterer Gedanke: Die ständigen Fehden der Ritter in Europa sollten aufhören, wenn sie ihre Kampfkraft gegen einen äußeren Feind richteten.
Wirtschaftliche und soziale Motive
Europa erlebte ein starkes Bevölkerungswachstum. Besonders jüngere Söhne von Adligen, die kein Erbe erhielten, hofften auf eigenes Land und Reichtum im Osten. Einfache Leute wollten der Armut entkommen. Die italienischen Handelsstädte Venedig, Genua und Pisa verdienten am Transport der Kreuzfahrer und sicherten sich wichtige Handelsstützpunkte im Mittelmeer.
Die Folgen der Kreuzzüge
Die Kreuzzüge hatten widersprüchliche Folgen. Einerseits kosteten sie Hunderttausende Menschen das Leben und vertieften das Misstrauen zwischen Christen, Muslimen und Juden. Die Plünderung Konstantinopels 1204 verschärfte die Spaltung zwischen katholischer und orthodoxer Kirche. Andererseits kam es zu Kontakten und zu Austausch: Europa lernte neue Waren kennen, der Handel im Mittelmeer blühte auf, und es entstanden die großen Ritterorden wie die Templer, die Johanniter und der Deutsche Orden. Allerdings kam viel Wissen aus der arabischen Welt auch über andere Wege nach Europa, vor allem über Spanien und Sizilien.
Ein Kampf um den Glauben? – Ein Urteil
Die Kreuzzüge waren sicher auch ein Kampf um den Glauben. Ohne die religiöse Begeisterung und das Versprechen der Sündenvergebung sind sie nicht zu erklären. Doch der Glaube war nicht das einzige Motiv. Machtinteressen des Papstes, die Hoffnung auf Land und Beute und die Geschäfte der Handelsstädte spielten ebenfalls eine große Rolle. Besonders der Vierte Kreuzzug zeigt, wie schnell religiöse Ziele politischen und wirtschaftlichen Interessen weichen konnten. Am besten beschreibt man die Kreuzzüge deshalb als religiös begründete Kriege, in denen sich ganz unterschiedliche Interessen mischten.
Quellen
- Planet Wissen: Die Kreuzzüge – Krieg um die Heilige Stadt
- Planet Wissen: Der Kreuzzug der Armen
- wissen.de Lexikon: Urban II., Papst
- Frag Machiavelli: Papst Urban II. und der Erste Kreuzzug
- Martin-Luther-Schule Marburg: Die Kreuzzüge – Materialien (PDF)
- Kreuzzüge – Enzyklopädie der Weltgeschichte
- Antiochia – Enzyklopädie der Weltgeschichte