Der Fall von Konstantinopel 1453

Obwohl das Osmanische Reich seit Osman I. Gazi (um 1258-1326) sich auf Kosten des alten Byzantinischen Reichs immer weiter ausbreitete, hatte diese Ausbreitung der Türken auf „christlichem Gebiet“ zunächst keinen großen Effekt auf das Weltbild des europäischen Mittelalters.
Auch die Eroberungen weiter Teile des heutigen Bulgariens und des Balkans im beginnenden 15. Jahrhundert beschäftigte die katholischen Christen des „Abendlandes“ zunächst nicht. So musste die große Stadt Konstantinopel bis 1453 unzählige türkische Angriffe über sich ergehen lassen, nur schwach unterstützt von den italienischen Stadtstaaten Venedig und Genua. Unter Sultan Mehmet II. und mit Hilfe großer Bombarden gelang es den Osmanen schließlich das Zentrum des orthodoxen Glaubens zu erobern. Die romanische Kirche Hagia Sofia wurde zur Moschee umfunktioniert und die Stadt selbst zum neuen Zentrum des Osmanischen Reichs – einem Reich, das nun eine Weltmacht der beginnenden Neuzeit war.

Historiker betrachten diese Eroberung heute als so einschneidend für die europäische Geschichte, dass einige von ihnen das Mittelalter im Jahre 1453 enden lassen und hier den Beginn der Renaissance ansetzen. Doch wie haben die Zeitgenossen im katholischen „Abendland“ die Eroberung gesehen? Das Jahr 1453 kann in den Quellen deutlich als der Beginn der „Türkenfurcht“ gesehen werden, der Angst vor dem Angriff der „Ungläubigen“, der alten Feinde aus der Zeit der Kreuzzüge. Kann hier – vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte und im Schatten dieser neuen Gefahr – eine Spur von einer entstehenden europäischen Identität gesehen werden?

Eine hochinteressante Quelle erscheint uns hier besonders hilfreich:
http://www.europa.clio-online.de/site/lang__de/ItemID__96/mid__11373/40208215/default.aspx (letzter Aufruf 25.02.2013)
Enea Silvio Piccolomini über Europa und die Türken. Auszüge aus Asia, De Europa, Constantinopolitana clades, Epistula ad Mahometem, 1454-1461. In: Themenportal Europäische Geschichte (2006)

Es handelt sich dabei um eine beeindruckende Quelle des späteren Papst Pius II., der als Enea Silvio Piccolomini auf dem Reichstag zu Frankfurt ein Jahr nach der Eroberung „die Europäer“ zum gemeinsamen Gegenangriff auffordert. Er verwendet dabei in eindrucksvoller Weise, vielleicht zum ersten Mal nach Herodot, den kollektiven Begriff „Europäer“ und das mit der Intention tatsächlich eine kollektive Identität zu stiften, die gegen die Alterität der „Türkengefahr“ gerichtet ist. Faszinierend ist auch seine Bezeichnung Europas als „patria“, „domo propria“ und „sede nostra“.

Ist es also richtig, von einer entstehenden europäischen Identität im Sinne einer kollektiven Identität zu sprechen, die sich nach der These der „Selbstfindung durch Feindbildmarkierung“ zum ersten Mal konkret an den Türken als „Wetzstein“ (Helmrath) entwickeln konnte?

Für Interessierte sei folgender weiterführender Artikel empfohlen:
http://www.ieg-ego.eu/de/threads/modelle-und-stereotypen/tuerkengefahr-exotismus-orientalismus (letzter Aufruf 25.02.2013)
Von der ‚Türkengefahr‘ zu Exotismus und Orientalismus: Der Islam als Antithese Europas (1453–1914)? — EGO

Hier noch der hochinteressante Trailer zum neuen türkischen Film „Fetih 1453“, der zeigt, wie sehr die Zeit des Osmanischen Reichs heutzutage in der Türkei romantisiert wird:
http://www.youtube.com/watch?v=tINo6TJ82hc (letzter Aufruf 27.02.2013)

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Eine Antwort zu Der Fall von Konstantinopel 1453

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