Völkerwanderung: Warum ist das römische Reich untergegangen?

In unseren Stunden zur Völkerwanderung am Ende der 6. Klasse und zu Beginn der 7. Klasse haben wir eine These untersucht, die ehemalige Tagesschau-Moderatorin Eva Herman aufgestellt hat. Nach dieser These behauptete Frau Herman kürzlich, die Kultur und Religion, das Staatswesen und die Existenz des Römischen Reiches sei allein durch germanische Horden zerstört worden. In einer weiterführenden These vergleicht sie sogar die germanischen Einwanderer der ausgehenden Antike mit den jetzt in Europa eintreffenden syrischen und irakischen Flüchtlingen und unterstellt den Flüchtlingen die gleiche Absicht wie den germanischen Eroberern um 476 n. Chr.: Die Zerstörung der westlichen Zivilisation, des „zivilisierten Europa“.

Leitfrage: Ist das Römische Reich tatsächlich hauptsächlich von germanischen Einwanderern zerstört worden?

Transferfrage: Lassen sich die germanischen Völkerverbände der Völkerwanderung tatsächlich mit den syrischen und irakischen Flüchtlingen unserer Zeit vergleichen?

Zunächst haben wir die Kultur, die Herkunft, die Bewaffnung, die Geschichte und die Wanderungsbewegungen aller wichtigen Völkerverbände dieser Zeit untersucht. Es folgt ein kurzer Überblick, basierend auf den Ergebnissen der Gruppenarbeit.

Die Völkerverbände werden absichtlich nicht als „Völker“ bezeichnet, da sich in diesen Gruppen viele Menschen unterschiedlichster genetischer Abstammung, kultureller und geographischer Herkunft und verschiedener Religionen zusammentaten. So kämpften z.B. in Hunnenheeren zu großen Teilen Goten arianischer Religionszugehörigkeit, während das Weströmische Heer zum Großteil aus Germanen verschiedener Herkunft zusammengestellt war.

Völkerverbände der Völkerwanderungen

Die Hunnen

– zunächst einheitliches Reitervolk aus Asien, tauchten bereits Jahrhunderte vorher in chinesischen Quellen auf
– Nomadenvolk, das mit Vieh und Wägen umherreiste, völlig andere Kultur als Germanen und Römer
– schon die Kinder der Hunnen lernten Reiten und Bogenschießen bevor sie laufen konnten
– berüchtigtste Einheit der Hunnen war der berittene Bogenschütze, Bewaffnung mit Kompositbögen mit hoher Durchschlagskraft
– in der hunnischen Kultur war das Abbinden der Kinderköpfe mit dem daraus resultierenden Turmschädel sehr beliebt: die Eltern banden ihren männlichen Kindern dabei Tücher aus Stoff um den Kopf, dieser formte sich in den ersten Lebensjahren dabei zu einem Turm, was als Zeichen von Stärke galt
– klimatische Veränderungen in den Steppen in Zentralasien zwangen die Hunnen auf der Suche nach neuen Weideplätzen zur Wanderung nach Westen
– 375 erstes Erscheinen der Hunnen in Europa
– seit 434 Herrschaft Attilas und seines Bruders Bleda (ermordert 445) in Pannonien (heute Ungarn) und Bedrohung des Römischen Reichs, Plünderungen
– 451 Angriff auf Italien, allerdings ohne entscheidende Eroberungen
– entscheidende Niederlage auf den Katalaunischen Feldern gegen römisch-germanisches Heer, 452 Tod Attilas während seiner Hochzeit
– Rückzug der Rest des Hunnenheeres nach Pannoniens und rascher Zerfall des Völkerverbandes bis 453

Die Westgoten

– im Jahr 375 unterwarfen die Hunnen das Reich der Ostgoten im südlichen Skythien, da sie durch ihre berittenen Bogenschützen besser gerüstet waren
– im Jahr 376 zerstörten die Hunnen auch das Reich der Westgoten und siedelten nördlich der Donau in Dacien (heute Rumänien)
– Kaiser Valens siedelte die fliehenden Westgoten südlich der Donau in Thrakien (heute Bulgarien) an
– Römer versprachen sich durch die Aufnahme der germanischen Krieger in ihr Reich eine effektive Hilfe gegen die gefürchteten Hunnen
– der christliche Glaube des Arianismus verbreitete sich bei den Westgoten schnell
– unter Theodosius (Valens Nachfolger) erhielten die Westgoten als Christen erstmals völkerrechtliche Anerkennung auf römischem Gebiet (379 n. Chr.)
– 395 nahm der Westgote Alarich I. den Königstitel der Westgoten an
– 401 überfielen die Westgoten nach rechtlichen Streitigkeiten mit Rom Italien, 410 plünderten sie die Stadt Rom
– die Westgoten gründeten wenig später in Hispanien ein eigenes Reich, wurden aber im 6. Jahrhundert von den Franken erobert

Die Ostgoten

– Herkunft schwierig zu erforschen, stammen wahrscheinlich aus Skandinawien oder Baltikum
– Germanischer Völkerverband aus vielen germanischen Stämmen
– siedelten um 200 n. Chr. im südlichen Skythien (heute Ukraine), wurden aber um 375 von den Hunnen vertrieben
– ein Teil der Ostgoten floh als Verband in das Römische Reich, ein kleinerer Teil unterwarf sich den Hunnen und zog mit ihnen
– im Jahre 476 Absetzung des letzten römischen Kaisers Romulus Augustus durch den ostgotischen Heerkönig Odoaker
– 488 marschierten die Ostgoten unter Führung von Theoderich dem Großen in Italien ein und besiegten Odoaker
– 493 Vertrag zwischen Theoderich und Odoaker zur gemeinsamen Herrschaft über Italien
– zunächst erfolgreiches ostgotisches Reich, friedliche Lebensweise, klare ostgotischer Herrscherschicht ohne Heiratsvermischung zwischen Goten und Römern
– Theoderich versucht sein Reich mit einem germanischen Bündnissystem gegen die byzantinische (oströmische) Übermacht abzusichern
– mit dem Tod Theoderichs 526 in Ravenna Untergang des Reichs gegen das Byzantinische Reich

Die Franken

– Stammesverband mehrerer germanischer Kleinstämme
– Name bedeutete „die Freien, Kühnen“ (242 erwähnt)
– kampffähige Männer unterstanden einem „Heerbann“ und einem Anführer
– Mut und Kraft in der Schlacht entschied bei den Franken über den Aufstieg im Heerbann
– die Franziska, eine Wurfaxt, war eine beliebte und bei Feinden gefürchtete Waffe, die die Franken präzise in die feindlichen Linien werfen konnten
– das Frankenreich war die einzige auf Dauer fortbestehende Reichsgründung auf römischem Boden
– von allen germanischen Reichen war dies die bedeutenste Großmacht, die Franken unterwarfen in der Folge fast alle anderen germanischen Völkerverbände der Völkerwanderung (v.a. Alemannen, Sachsen, Westgoten)
– 486 besiegte Chlodwig I. den letzten weströmischen Statthalter in Gallien und ließ sich zur Herrschaftssicherung christlich taufen
– das Frankenreich festigte in der Folge, vor allem durch die Pippin und die Karolinger ihre Bindung zum römischen Papsttum
-> daraus ergab sich die christliche Prägung ganz Europas im Mittelalter

Die Sachsen, Angeln und Jüten

– Sachsen, Angeln und Jüten schlossen sich im 3. Jahrhundert im Norden Germaniens zusammen.
– Siedlung im Norden Germaniens und in der Provinz Belgica, allerdings dort Verschlechterung der Lebensbedingungen durch die Völkerwanderung
– Überfahrt und Ansiedlung großer Truppenverbände nach Britannien im Jahre 449, dortige keltische Fürsten hatten germanische Söldner angeworben um die Insel zu schützen, viele weitere Truppen zogen nach und eroberten die Insel selbst
– durch ihre Eroberung langsame Entstehung eines germanischen Reichs auf der britannischen Insel: England
– die in Nordgermanien zurückgebliebenen Sachsen verteidigten ihr eigenes Reich bis zur Eroberung durch Karl den Großen im 9. Jahrhundert, danach Zwangschristianisierung
– Wichtigkeit der Sachsen in Deutschland wird deutlich, wenn man sich die Bundesländer ansieht, die das Wort „Sachsen“ im Namen tragen: Sachsen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt

Die Vandalen

– germanischer Völkerverband, oft mit Sueben und persischen Alanen verbündet
– flüchteten vor den herannahenden Hunnen
– stammten aus dem östlichen Mitteleuropa
– ein Teil der Sueben und Alanen schloss sich 400 n. Chr. mit den Vandalen zu einem Wanderbund zusammen
– Truppenverband zog rasch durch Südgermanien, überschritt 406 die Rheingrenze bei Mainz, zogen plündernd durch Gallien
– während ein suebischer Teil des Truppenverbands in Gallien verblieb, zog der Großteil der Sueben und Alanen nach Hispanien und gründete ein Reich, das bis 585 existierte
– die verbliebenen Vandalen erreichten um 429 Nordafrika, eroberten die römische Provinz und errichteten ein germanisches Reich mit der Hauptstadt Karthago
– 455 plünderten sie Rom -> daraus Entstehung des Begriffs „Vandalismus“ für die sinnlose Zerstörung von öffentlichem Besitz
– im 6. Jahrhundert wurde das Vandalenreich durch oströmische Truppen vernichtet

Die Alemannen

– erstmals 213 n. Chr. in den Geschichtsüberlieferungen des Cassius Dio erwähnt
– vermutlich entstanden durch die Vereinigung suebischer und elbgermanischer Stämme einige Jahrhunderte zuvor
– Name „Alemannen“ bedeutet „die Männer“ oder „wahre Männer“
– 268 Angriff auf Norditalien unter König Chrocus
– 259 gelang es Kaiser Gallenius sie bei Mailand und 260 bei Augsburg zu schlagen
– siedelten sich 260 im ehemaligen Dekumatland an (Land zwischen Rhein, Donau und ehemaligem Limeswall)
– bis 365 erfolgreicher Wechsel zwischen Bündnissen mit den Römern und Krieg auf römischen Gebieten
– 365 wollten sie das Herrschaftsgebiet nach Westen und Norden ausweiten und wurden 507 von den Franken unter König Chlodwig besiegt und unterworfen
– Alemannen waren berüchtigte Kämpfer – sie bauten in der Schlacht einen Schildwall auf und bewarfen die Gegner mit Speeren und rückten danach mit Kurzschwertern und Lanzen vor
– Schweizer und Süddeutsche stammen heute zum großen Teil direkt von den Alemannen ab

Die Burgunder

– sahen ihren mythischen Ursprung in Skandinavien
– besiedelten möglicherweise die Insel Bornholm bis ins 2. Jahrhundert
– 436 kam es wohl zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Hunnen
– die daraus resultierende schwere Niederlage bildete den Hintergrund für die weltberühmte Nibelungensage („Nibelungenlied“)
– Burgunder flohen nach Südwesten und gründeten im südöstlichen Gallien ein neues Königreich (443-534)
– um 1190 entstand das Nibelungenlied, es war im Mittelalter ein beliebtes Vorbild für Ritter und hohe Adlige, da es den Heldenmut und die Tapferkeit der Kämpfer in den Vordergrund stellte und damit ein Wertesystem für das Rittertum bot

Frage zur Erarbeitungsphase II: Welche weiteren Gründe kann es für den Untergang des Römischen Reichs gegeben haben?

– Ausdehnung -> Expansion des Römischen Reichs endete im 3. Jahrhundert, dadurch versiegte der Nachschub an Sklaven – Rom war aber weiterhin auf billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft angewiesen

– Sklaven wurden durch leibeigene Bauern (Kolonen) ersetzt

– Produktivität in Landwirtschaft und Gewerbe sank, denn Ausbeutung von Sklaven (großer Mehrwert für die röm. Produktion) war nicht mehr möglich

– Kolonen konnten sich nicht in eine überschüssig produzierende, selbstbewusste Klasse von Bauern entwickeln, da sie von den Grundherren abhängig waren und hohe Abgaben zahlen mussten

– ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. wurden mehr Steuereinnahmen für die Militärmaschinerie benötigt, da germanische Stämme Druck auf die Grenzen ausübten

– die Großgrundbesitzer konnten durch das Festhalten an der Tradition der Steuerfreiheit für Landwirtschaft nicht besteuert werden und hielten an ihren Privilegien fest

– Staat trieb stattdessen die Steuern von den Städtern ein, deren Wirtschaftskraft dadurch gemindert wurde

– Bewohner verließen wegen hohem Steuerdruck die Städte und stellten sich unter den Schutz von Großgrundbesitzern

– Siedlungen auf dem Land entstanden, oft mit Ackerbau und Handwerk

– Handel und Warenströme zwischen Land und Stadt kamen vielerorts zum erliegen, Zölle und Handelssteuern brachen ein, der Staat hatte noch größere Haushaltsprobleme

Teufelskreis der Spätzeit des Römischen Kaiserreichs:
– Steuerdruck -> gelähmte Wirtschaft -> sinkende Produktivität -> weniger Steuererträge und Produkte -> weniger Steuereinnahmen -> Staat reagierte mit höheren Steuern -> Wirtschaft weiter gelähmt -> …

– durch fehlende Steuereinnahmen war die große Armee des Reichs nicht mehr finanzierbar, die Grenzen dadurch nur unzureichend geschützt

– massenhafter Ankauf von germanischen Söldnerkriegern (Föderati) vermochte die Grenzen nicht mehr zu sichern

– wegen ausbleibender Soldzahlungen an die Soldaten kam es zu Soldatenaufständen

– wegen hoher Steuern kam es zu Abspaltungen von Provinzen vom Reich (Bildung von Sonderreichen, z.B. in Gallien)

Das Römische Reich war ab dem 3. Jahrhundert nicht mehr finanzierbar, das Kaiserreich hielt trotzdem an den althergebrachten Traditionen fest.
Es lässt sich also abschließend sagen, dass den germanischen Völkerverbänden keine Hauptschuld am Zerfall des Reichs gegeben werden kann. Das Römische Reich war zu Beginn der Völkerwanderung bankrott, militärisch schlecht verteidigt, sozial zerrissen und durch Korruption und Misswirtschaft gelähmt. Ihr Eintreffen hat lediglich den Untergang besiegelt, ihre Eroberungen ermöglichten allerdings das Fortbestehen der römisch-antiken Kultur in den germanischen Nachfolgerreichen (v.a. Fränkisches Reich und Angelsächsisches Reich).

Transferfrage: Lassen sich die germanischen Völkerverbände der Völkerwanderung tatsächlich mit den syrischen und irakischen Flüchtlingen unserer Zeit vergleichen?

Die Ergebnisse der Transferfrage werden noch nachgetragen, die Frage wurde aber mit einem klaren Nein beantwortet und ausgiebig diskutiert.

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7 Antworten zu Völkerwanderung: Warum ist das römische Reich untergegangen?

  1. Pingback: Themenliste 7b KA1 am 18.11.2015 | Histoproblog – Geschichte macht Schule

  2. Attila87 schreibt:

    Sehr interessanter Artikel! Ich wünschte dieses Thema wäre zu meiner Schulzeit ebenfalls so gut beleuchtet gewesen.
    Eignet sich auch hervorragend zur Ergänzung des Total-War-Ablegers: Attila 😉

  3. Procopius schreibt:

    Sehr spannend, wie sehr die marxistische Forschung diesen Beitrag (indirekt) beeinflusst hat. In aktuellen Fachpublikationen werden die angeführten sozioökonomischen Phänomene in der Regel nämlich nicht mehr angeführt. Denn diese Argumentation hat einen zentralen Schwachpunkt: All das, was vermeintlich zum Untergang Roms geführt haben soll, lässt sich auch für den Osten konstatieren – teils sogar in viel ausgeprägterer Form. Wieso ist dann nur der Westen untergegangen?
    In der derzeitigen althistorischen Forschung neigt man dazu, vor allem die endlosen Bürgerkriege, die das Westreich im 4. und 5. Jahrhundert erschütterten und an denen sich viele germanische Söldner (Föderaten) beteiligten, für den Kollaps der römischen Herrschaft in Europa verantwortlich zu machen. Der Osten war innenpolitisch stabiler und überstand daher das 5. Jahrhundert. Die „Völkerwanderung“ hingegen wird von Forschern wie Guy Halsall, Mark Humphries und Hubert Fehr als Forschungsmythos betrachtet, der im 18./19. Jahrhundert entstand.

    Literaturtipps:
    H. Fehr – P. von Rummel: Die Völkerwanderung, Stuttgart 2011.
    H. Börm: Westrom. Stuttgart 2013.

  4. Pingback: Themenliste 7a Klassenarbeit Nr. 1 am 16.11.2016 | Histoproblog – Geschichte macht Schule

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