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Völkerwanderung – Warum ist das Römische Reich untergegangen?

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Das Römische Reich beherrschte über Jahrhunderte den gesamten Mittelmeerraum. Und doch gab es im Westen im Jahr 476 n. Chr. keinen römischen Kaiser mehr. Wie konnte ein so mächtiges Reich untergehen? Diese Frage beschäftigt Historikerinnen und Historiker seit Langem – und die Antworten haben sich im Laufe der Zeit stark verändert. Eng damit verbunden ist ein Begriff, den du aus dem Geschichtsunterricht kennst: die Völkerwanderung.

Welches Reich ging eigentlich unter?

Zuerst eine wichtige Klarstellung: Im Jahr 395 n. Chr. wurde das Römische Reich nach dem Tod Kaiser Theodosius’ I. endgültig zwischen seinen beiden Söhnen geteilt. Es gab nun ein Weströmisches Reich und ein Oströmisches Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel. Untergegangen ist im 5. Jahrhundert nur der Westen. Das Oströmische oder Byzantinische Reich bestand noch fast tausend Jahre weiter, bis die Osmanen Konstantinopel 1453 eroberten.

Was war die Völkerwanderung?

Mit „Völkerwanderung“ bezeichnet man die Wanderungsbewegungen vor allem germanischer Gruppen zwischen dem späten 4. und dem 6. Jahrhundert. Als Auslöser gilt der Vorstoß der Hunnen, eines Reitervolkes aus Zentralasien. Um 375 n. Chr. besiegten sie die Ostgoten am Schwarzen Meer. Andere Gruppen, etwa die Westgoten, flohen vor ihnen und baten um Aufnahme ins Römische Reich.

Die wichtigsten Stationen kannst du dir mit dieser Zeitleiste merken:

  • 375: Die Hunnen dringen nach Westen vor.
  • 378: Die Goten besiegen das römische Heer bei Adrianopel, Kaiser Valens fällt.
  • 395: Endgültige Teilung des Reiches in West und Ost.
  • 406/407: Vandalen, Sueben und Alanen überqueren den Rhein und ziehen nach Gallien und Spanien.
  • 410: Die Westgoten unter Alarich plündern Rom – ein Schock für die ganze antike Welt.
  • 439: Die Vandalen erobern Karthago in Nordafrika, eine der reichsten Provinzen Westroms.
  • 451: Römer und Germanen besiegen gemeinsam den Hunnenkönig Attila auf den Katalaunischen Feldern.
  • 455: Die Vandalen plündern Rom.
  • 476: Der germanische Heermeister Odoaker setzt den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus ab.

Innere Ursachen: Ein geschwächtes Reich

Früher hat man den Untergang Roms oft allein mit den Angriffen der „Barbaren“ erklärt. Heute weiß man, dass das Weströmische Reich schon lange vorher große Probleme hatte:

  • Politische Instabilität: Seit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts wechselten die Kaiser häufig. Viele wurden ermordet, Bürgerkriege schwächten das Reich immer wieder.
  • Wirtschaftliche Schwierigkeiten: Die Verteidigung der langen Grenzen war extrem teuer. Hohe Steuern belasteten die Bevölkerung, Geldentwertung und der Verlust reicher Provinzen wie Nordafrika verschlimmerten die Lage.
  • Probleme im Heer: Rom konnte immer weniger eigene Soldaten stellen. Deshalb warb es germanische Krieger an und siedelte ganze Gruppen als Verbündete (foederati) im Reich an. Deren Anführer gewannen dadurch großen Einfluss.
  • Macht der Heermeister: Im 5. Jahrhundert regierten oft nicht mehr die Kaiser selbst, sondern mächtige Feldherren. Odoaker war nicht der erste Germane an der Spitze des Heeres – er war nur der erste, der auf einen Kaiser verzichtete.

Äußere Ursachen: Druck an den Grenzen

Natürlich spielten auch die germanischen Gruppen eine wichtige Rolle. Sie drangen ins Reich ein, eroberten Provinzen und gründeten dort eigene Königreiche: die Westgoten in Spanien und Südgallien, die Vandalen in Nordafrika, die Burgunder an der Rhône, die Franken im Norden Galliens und später die Ostgoten in Italien. Für Westrom bedeutete das den Verlust von Land, Steuern und Soldaten – ein Teufelskreis, aus dem es nicht mehr herausfand.

Warum überlebte Ostrom?

Ein Vergleich hilft beim Verstehen: Ostrom war wirtschaftlich stärker, dichter besiedelt und hatte reichere Städte. Seine Hauptstadt Konstantinopel war durch gewaltige Mauern und ihre Lage am Meer fast uneinnehmbar. Außerdem gelang es den oströmischen Kaisern mehrmals, gefährliche Gruppen mit Geld oder Verhandlungen nach Westen „umzulenken“. Das zeigt: Der Untergang Westroms war kein Naturgesetz, sondern hing von vielen Bedingungen ab.

Was sagt die Forschung heute?

In der Forschung wird der Begriff „Völkerwanderung“ inzwischen kritisch gesehen. Er erweckt den Eindruck, dass fest umrissene Völker mit Frau, Kind und Sack und Pack geschlossen durch Europa zogen. Tatsächlich waren die Gruppen sehr gemischt, veränderten sich ständig und bildeten sich oft erst unterwegs neu. Viele waren eher Kriegerverbände, die im Römischen Reich Versorgung, Land und Anerkennung suchten.

Außerdem sprechen viele Historiker heute nicht mehr nur von einem „Untergang“, sondern von einer Transformation. Die Germanen zerstörten die römische Welt nicht einfach, sondern übernahmen vieles davon: das Christentum, das lateinische Schreiben, Teile des römischen Rechts und der Verwaltung. Andere betonen dagegen, dass der Zusammenbruch für die Menschen damals sehr real war – der Handel brach ein, Städte schrumpften und der Lebensstandard sank deutlich.

Der Althistoriker Alexander Demandt hat übrigens einmal über 200 Gründe gesammelt, die im Laufe der Zeit für den Untergang Roms genannt wurden. Das zeigt: Eine einzige Ursache gibt es nicht.

Merke: monokausal oder multikausal?

Wenn du in einer Klassenarbeit gefragt wirst, warum das Weströmische Reich unterging, solltest du multikausal antworten, also mehrere Ursachen nennen und miteinander verknüpfen. Eine gute Antwort unterscheidet zwischen inneren Ursachen (Politik, Wirtschaft, Militär) und äußeren Ursachen (Hunnen, germanische Gruppen) und zeigt, wie sie sich gegenseitig verstärkten. Das Jahr 476 ist dabei eher ein symbolisches Datum: Für die meisten Menschen in Italien änderte sich an diesem Tag zunächst wenig.

Fazit

Das Weströmische Reich ging nicht an einem einzigen Tag und nicht aus einem einzigen Grund unter. Innere Krisen hatten es über Jahrzehnte geschwächt, sodass es dem Druck von außen nicht mehr standhalten konnte. Aus seinen Trümmern entstanden neue Reiche, allen voran das Frankenreich, das die Geschichte Europas im Mittelalter prägen sollte. Die Völkerwanderungszeit markiert damit den Übergang von der Antike zum Mittelalter.

Quellen