Unterrichtsstunde: Die Doppelte Staatsgründung 1949

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Klassenstufe: 9. Klasse (Gymnasium) Fach: Geschichte Zeitrahmen: 45 Minuten (Einzelstunde) – Erweiterung auf Doppelstunde möglich (siehe Hinweis am Ende) Thema im Lehrplankontext: Nachkriegszeit / Beginn des Kalten Krieges / Deutsche Teilung


1. Lernziele

Übergeordnetes Kompetenzziel: Die Schülerinnen und Schüler (SuS) erklären die Entstehung zweier deutscher Staaten 1949 als Ergebnis der sich verschärfenden Systemkonkurrenz zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion und bewerten deren Bedeutung für die weitere deutsche Geschichte.

Konkrete Teillernziele:

  • Sachkompetenz: Die SuS benennen die zentralen Entwicklungsschritte von der Besatzungszeit zur Gründung von BRD und DDR (Bizone/Trizone, Währungsreform, Berlin-Blockade, Grundgesetz, Verfassung der DDR).
  • Methodenkompetenz: Die SuS analysieren und vergleichen zwei zeitgenössische Quellen (z. B. Gründungsdokumente oder Reden) hinsichtlich Perspektive und Argumentation.
  • Urteilskompetenz: Die SuS beurteilen, inwiefern die doppelte Staatsgründung eine bewusste politische Entscheidung oder eine unausweichliche Folge des beginnenden Kalten Krieges war.

2. Voraussetzungen und Anknüpfungspunkte

  • SuS sollten die Grundzüge der alliierten Besatzungszeit nach 1945 (Vier-Zonen-Teilung, Potsdamer Konferenz) bereits kennen.
  • Diese Stunde knüpft in der Regel an eine vorangegangene Stunde zum Beginn des Kalten Krieges (Truman-Doktrin, Marshallplan) an und bereitet die Folgestunden zu Westintegration/Ostintegration bzw. zum Kalten Krieg in Deutschland vor.
  • Empfehlung: Falls die Berlin-Blockade noch nicht behandelt wurde, sollte sie zumindest kurz als Kontext erwähnt werden (siehe Einstieg).

3. Verlaufsplan

  • Einstieg (5 Min., Plenum, Material: Bildmaterial/Beamer/Tafel) Impulsbild: zwei Aufnahmen nebeneinander – Verkündung des Grundgesetzes in Bonn (Mai 1949) und Gründungsfeier der DDR in Berlin (Oktober 1949). Leitfrage: „Was fällt euch auf? Was könnte das bedeuten?“
  • Hinführung/Problemstellung (5 Min., Plenum, Material: Tafelanschrieb/Folie mit Zeitstrahl-Grundgerüst) Kurzer Lehrervortrag: Ausgangslage nach 1945, zunehmende Spannungen zwischen den Alliierten, Bizone/Trizone, Londoner Sechsmächtekonferenz 1948. Formulierung der Leitfrage der Stunde: „Warum entstanden 1949 zwei deutsche Staaten statt eines einzigen?“
  • Erarbeitung I (12 Min., Gruppenarbeit, Material: Zwei differenzierte Arbeitsblätter A/B, Tabellenvorlage) Gruppenarbeit (4er-Gruppen) mit arbeitsteiligem Material: Gruppe A erhält Informationstext + Kurzquelle zur Entstehung der Bundesrepublik (Parlamentarischer Rat, Grundgesetz 23. Mai 1949); Gruppe B erhält Informationstext + Kurzquelle zur Entstehung der DDR (Verfassung 7. Oktober 1949, Rolle der SED und SMAD). Arbeitsauftrag: Zentrale Fakten in Tabelle festhalten (Datum, beteiligte Akteure, politisches System, Grundprinzipien).
  • Sicherung I (6 Min., Plenum, Material: Tafel, Dokumentenkamera falls vorhanden) Kurze Vorstellung der Ergebnisse im Plenum (je eine Gruppe A und B berichtet), gemeinsames Festhalten der Tabelle an der Tafel/im Heft.
  • Erarbeitung II (Vertiefung) (10 Min., Partnerarbeit, Material: Quellenblatt mit Arbeitsaufträgen) Quellenvergleich in Partnerarbeit: Auszug aus einer Rede (z. B. Theodor Heuss zur Verkündung des Grundgesetzes) und Auszug aus einer Verlautbarung zur DDR-Gründung. Leitfragen: Welches Staats- und Gesellschaftsbild wird jeweils entworfen? Wie wird die eigene Gründung legitimiert?
  • Urteilsbildung (5 Min., Plenum) Blitzlicht/Kurzdiskussion im Plenum: „War die doppelte Staatsgründung unausweichlich oder hätte es Alternativen gegeben?“ (Stichwort: Stalin-Note 1952 kann hier bereits kurz vorausdeutend erwähnt werden, wird aber erst in einer späteren Stunde vertieft)
  • Sicherung/Abschluss (2 Min., Plenum) Zusammenfassung der Kernaussage der Stunde, Ausblick auf die nächste Stunde (Westintegration/Ostintegration)

4. Materialhinweise

  • Bildmaterial: Fotos der Grundgesetz-Verkündung (Bundesarchiv) und der DDR-Staatsgründung sind über die Bildarchive der bpb, des Deutschen Historischen Museums (DHM) oder von LeMO (Lebendiges Museum Online, Haus der Geschichte) frei bzw. bildungsrechtlich nutzbar verfügbar.
  • Quellentexte: Auszüge aus der Rede von Theodor Heuss (23. Mai 1949) sowie aus Verlautbarungen zur DDR-Verfassung sind in gekürzter, schülergerechter Form über bpb.de (Themenblätter im Unterricht) oder über die Schulbuchverlage verfügbar.
  • Differenzierung: Für leistungsschwächere Gruppen empfiehlt sich eine vereinfachte, stärker vorstrukturierte Version des Informationstextes (z. B. mit Lückentext-Elementen); für leistungsstärkere Gruppen kann zusätzlich ein kurzer Quellenauszug aus der Haltung der Westalliierten bzw. der SMAD ergänzt werden.

5. Erwartete Kernaussagen der Stunde

Am Ende der Stunde sollten die SuS folgende zentrale Punkte festhalten können:

  1. Die Bundesrepublik Deutschland wurde am 23. Mai 1949 mit der Verkündung des Grundgesetzes in Bonn gegründet, hervorgegangen aus den drei westlichen Besatzungszonen.
  2. Die Deutsche Demokratische Republik wurde am 7. Oktober 1949 in der sowjetischen Besatzungszone gegründet.
  3. Beide Staatsgründungen waren keine unabhängigen, zufälligen Ereignisse, sondern Ergebnis der sich verfestigenden Blockbildung zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion im beginnenden Kalten Krieg.
  4. Mit der doppelten Staatsgründung war die staatliche Teilung Deutschlands zunächst vollzogen, auch wenn viele Zeitgenossen sie noch als vorläufig ansahen.

6. Differenzierung und Alternativen

  • Für schwächere Lerngruppen: Reduktion der Gruppenarbeit auf einen gemeinsamen, einfacheren Text für beide Staatsgründungen; stärkere Lehrersteuerung in der Sicherungsphase.
  • Für stärkere Lerngruppen / Doppelstunde: Ergänzung um die Rolle der Berlin-Blockade (1948/49) als unmittelbaren Auslöser der Zuspitzung, sowie vertiefte Quellenarbeit mit vollständigeren Textauszügen und einer schriftlichen Kurzanalyse als Hausaufgabe.
  • Digitale Erweiterung: Nutzung eines interaktiven Zeitstrahls (z. B. mit den Stationen Potsdamer Konferenz – Marshallplan – Bizone/Trizone – Währungsreform – Berlin-Blockade – Grundgesetz – DDR-Verfassung) als Einstieg oder Hausaufgabe zur Vor-/Nachbereitung.

7. Hausaufgabe (optional)

Verfassen Sie einen kurzen Tagebucheintrag (ca. 10–12 Sätze) aus der Perspektive einer Person, die im Mai oder Oktober 1949 in Deutschland lebt und die jeweilige Staatsgründung miterlebt. Gehen Sie dabei auf mögliche Hoffnungen, Sorgen oder Fragen ein, die diese Person zur Zukunft Deutschlands gehabt haben könnte.

(Diese Aufgabe fördert die Perspektivübernahme und bereitet zugleich die Auseinandersetzung mit der Frage der deutschen Teilung als offene historische Erfahrung vor.)


8. Hinweis zur Erweiterung auf eine Doppelstunde

Bei einer Doppelstunde (90 Minuten) empfiehlt sich:

  • Ausführlichere Behandlung der Vorgeschichte (Bizone/Trizone, Londoner Sechsmächtekonferenz, Berlin-Blockade) im ersten Teil,
  • vertiefte Quellenarbeit mit vollständigeren Textauszügen im zweiten Teil,
  • sowie eine strukturierte Debatte zur Frage „Wäre eine deutsche Einheit 1949 möglich gewesen?“ als Abschluss, die auf die spätere Behandlung der Stalin-Note 1952 vorausweist.