Ein Gott mit dem Kopf eines Falken, eine Göttin als Katze, ein Totengott mit Schakalkopf: Die Götter der alten Ägypter sehen für uns heute ungewöhnlich aus. Für die Menschen am Nil waren sie aber allgegenwärtig. Sie glaubten, dass Götter die Sonne aufgehen ließen, den Nil über die Ufer treten ließen und nach dem Tod über die Seele der Menschen richteten. Hier lernst du die wichtigsten Götter kennen und erfährst, wie die Ägypter sie verehrten.
Viele Götter für alle Lebensbereiche
Die alten Ägypter glaubten nicht an einen einzigen Gott, sondern an sehr viele – mehrere Hundert Namen sind uns bekannt. Man nennt einen solchen Glauben Polytheismus (griechisch: poly = viel, theos = Gott). Jeder Gott und jede Göttin war für bestimmte Dinge zuständig: für die Sonne, den Himmel, den Nil, die Liebe, die Weisheit oder den Tod. Viele Städte hatten außerdem ihren eigenen Hauptgott.
Oft wurden die Götter mit einem Menschenkörper und einem Tierkopf dargestellt. Das bedeutete nicht, dass die Ägypter glaubten, ihre Götter sähen wirklich so aus. Das Tier zeigte vielmehr eine Eigenschaft des Gottes. Der Falke fliegt hoch am Himmel und sieht alles – deshalb passte er zum Himmelsgott Horus. Der Schakal streifte oft um die Friedhöfe am Wüstenrand – deshalb wurde er zum Zeichen des Totengottes Anubis.
Die wichtigsten Götter im Überblick
- Re (oder Ra): der Sonnengott und einer der wichtigsten Götter überhaupt. Die Ägypter stellten sich vor, dass er jeden Tag in einer Barke (einem Boot) über den Himmel fuhr und nachts durch die Unterwelt reiste. Er wurde oft mit Falkenkopf und Sonnenscheibe gezeigt.
- Amun: ursprünglich ein Gott der Stadt Theben. Später wurde er mit Re zu Amun-Re verschmolzen und galt als König der Götter.
- Osiris: der Gott des Jenseits und der Wiedergeburt. Er wurde wie ein Pharao mit Krone, Krummstab und Geißel dargestellt, oft mit grüner Haut als Zeichen für neues Leben.
- Isis: die Frau von Osiris, eine mächtige Göttin der Zauberei und Mutterliebe. Man erkennt sie an einem Thron-Zeichen auf dem Kopf.
- Horus: der Sohn von Isis und Osiris, ein Himmelsgott mit Falkenkopf. Der lebende Pharao galt als irdische Gestalt des Horus.
- Seth: der Bruder von Osiris, ein Gott der Wüste, der Stürme und des Chaos.
- Anubis: der schakalköpfige Gott der Mumifizierung und Beschützer der Toten.
- Thot: der Gott der Weisheit und der Schrift, dargestellt mit dem Kopf eines Ibis (eines Vogels mit langem, gebogenem Schnabel). Er war der Schutzgott der Schreiber.
- Hathor: die Göttin der Liebe, der Musik und der Freude, oft als Kuh oder als Frau mit Kuhhörnern dargestellt.
- Bastet: eine Schutzgöttin in Gestalt einer Katze. Katzen waren in Ägypten sehr beliebt und wurden manchmal sogar mumifiziert.
- Hapi: der Gott der Nilüberschwemmung, von dem die Fruchtbarkeit des Landes abhing.
Die Geschichte von Osiris, Isis und Horus
Eine der berühmtesten Göttergeschichten Ägyptens erzählt von Osiris. Er war ein guter König, der den Menschen den Ackerbau beibrachte. Sein Bruder Seth war jedoch neidisch und tötete ihn. Nach manchen Erzählungen zerstückelte er seinen Körper sogar und verstreute die Teile über ganz Ägypten. Die treue Isis suchte alle Teile zusammen und erweckte Osiris mit ihrer Zauberkraft noch einmal zum Leben. Danach bekam sie einen Sohn: Horus. Osiris selbst konnte nicht in die Welt der Lebenden zurückkehren und wurde zum Herrscher des Totenreichs. Als Horus erwachsen war, kämpfte er gegen Seth und besiegte ihn.
Diese Geschichte war für die Ägypter sehr wichtig. Sie zeigte, dass das Gute und die Ordnung am Ende über das Chaos siegen – und dass der Tod nicht das Ende sein muss.
Maat: die Ordnung der Welt
Ein zentraler Begriff der ägyptischen Religion war Maat. Das Wort bedeutet so viel wie Wahrheit, Gerechtigkeit und Ordnung. Maat war auch eine Göttin, deren Zeichen eine Straußenfeder war. Ihr Gegenteil war Isfet, das Chaos. Die Ägypter glaubten, dass die Welt nur dann in Ordnung bleibt, wenn alle Menschen nach der Maat leben. Besonders der Pharao hatte die Aufgabe, die Maat zu bewahren, indem er gerecht regierte und den Göttern Tempel baute und Opfer darbrachte.
Tempel: Häuser der Götter
Ein ägyptischer Tempel war kein Ort, an dem sich die Gläubigen zum Gebet versammelten wie in einer Kirche. Er galt als das Haus des Gottes. Im innersten und dunkelsten Raum stand eine Statue des Gottes. Nur der Pharao und die höchsten Priester durften diesen Raum betreten. Die Priester weckten die Götterstatue jeden Morgen, wuschen und kleideten sie und brachten ihr Speisen. Die einfachen Menschen kamen nur bis in den Vorhof. Bei großen Festen wurde die Götterstatue aber in einer Prozession durch die Stadt getragen. Dann konnte das ganze Volk sie sehen und feiern.
Zu Hause verehrten die Menschen außerdem kleinere Schutzgötter, zum Beispiel Bes, einen zwergenhaften Gott, der Familien und schwangere Frauen beschützen sollte. Viele trugen auch Amulette, etwa in Form eines Käfers (Skarabäus) oder eines Auges (Horusauge).
Das Totengericht
Die Ägypter glaubten an ein Leben nach dem Tod. Damit die Seele weiterleben konnte, musste der Körper erhalten bleiben. Deshalb wurden die Toten mumifiziert. Doch das allein reichte nicht. Jeder Verstorbene musste sich nach ägyptischem Glauben vor dem Totengericht verantworten.
Den Vorsitz hatte Osiris. Anubis führte den Toten herein und legte dessen Herz auf eine Waage. Das Herz galt als Sitz des Verstandes und des Gewissens. Auf die andere Waagschale legte er die Feder der Maat. Der Gott Thot schrieb das Ergebnis auf. War das Herz leicht wie die Feder, hatte der Mensch ein gutes Leben geführt und durfte ins Paradies eintreten. War es schwer von bösen Taten, wurde es von einem Ungeheuer namens Ammit gefressen – halb Krokodil, halb Löwe, halb Nilpferd. Dann war die Seele für immer verloren.
Um beim Totengericht zu bestehen, gab man den Toten Schriftrollen mit Sprüchen und Gebeten ins Grab. Diese Sammlung nennen wir heute das Totenbuch.
Ein Pharao gegen die Götter: Echnaton
Einmal in der langen Geschichte Ägyptens versuchte ein Pharao, die alte Götterwelt abzuschaffen. Echnaton, der ab etwa 1353 v. Chr. regierte, verehrte nur noch einen Gott: Aton, die Sonnenscheibe. Er schloss Tempel anderer Götter und gründete eine neue Hauptstadt. Nach seinem Tod kehrten die Ägypter jedoch rasch zu ihren alten Göttern zurück. Sein Sohn Tutanchamun machte die Änderungen wieder rückgängig.
Aufgaben
- Erkläre den Begriff Polytheismus mit eigenen Worten.
- Lege einen Steckbrief zu drei Göttern deiner Wahl an: Name, Aussehen, Zuständigkeit.
- Beschreibe den Ablauf des Totengerichts. Zeichne dazu ein Bild mit der Waage.
- Warum passte der Tierkopf jeweils zu dem Gott? Begründe an zwei Beispielen.
Quellen
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Ägyptische Gottheiten – die vollständige Liste
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Altägyptische Religion
- Lernhelfer Schülerlexikon: Totengericht und Totenbuch
- Kinderzeitmaschine: Die ägyptischen Götter – Komische Verwandtschaften
- sofatutor: Götter und Totenkult im Alten Ägypten
- Altes Ägypten: Das Land der Götter der Balance und Harmonie – Enzyklopädie der Weltgeschichte