Heute gibt es auf der Erde nur eine einzige Menschenart: uns, den Homo sapiens, den „weisen“ oder „verständigen“ Menschen. Das war nicht immer so. Noch vor 50.000 Jahren lebten mindestens vier oder fünf verschiedene Menschenarten gleichzeitig auf der Erde. Wer waren die Vorfahren des modernen Menschen, wie haben sie gelebt, und warum hat am Ende nur der Homo sapiens überlebt?
Ein Überblick: Vormenschen, Urmenschen, Jetztmenschen
Die Entwicklung des Menschen nennt man Hominisation (Menschwerdung). Sie begann vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahren in Afrika, als sich die Linie des Menschen von der Linie der Schimpansen trennte. Im Unterricht werden die Vorfahren oft in drei Gruppen eingeteilt:
- Vormenschen wie die Australopithecinen (vor ca. 4,2 bis 2 Millionen Jahren): Sie gingen aufrecht, hatten aber noch ein kleines Gehirn.
- Urmenschen oder Frühmenschen der Gattung Homo (ab ca. 2,5 Millionen Jahren): Sie stellten Werkzeuge her und hatten ein größeres Gehirn.
- Jetztmenschen: der Homo sapiens (seit ca. 300.000 Jahren).
Homo habilis – der geschickte Mensch
Homo habilis lebte vor etwa 2,4 bis 1,4 Millionen Jahren in Ost- und Südafrika. Er war nur rund 1,20 bis 1,40 Meter groß, sein Gehirn war aber schon deutlich größer als das der Australopithecinen. Seinen Namen verdankt er den einfachen Steinwerkzeugen, die in seiner Nähe gefunden wurden: Geröllsteine, von denen ein paar Splitter abgeschlagen waren, sodass eine scharfe Kante entstand.
Homo erectus – der aufgerichtete Mensch
Vor etwa zwei Millionen Jahren erschien Homo erectus. Er hatte bereits fast die Körperproportionen eines modernen Menschen: lange Beine, kurze Arme, eine Größe von bis zu 1,80 Metern. Er war ein ausdauernder Läufer und der erste Mensch, der Afrika verließ. Funde aus Georgien, China und Indonesien zeigen, dass er sich über große Teile Asiens ausbreitete.
Mit Homo erectus verbinden Forscher zwei große Fortschritte: den Faustkeil, ein beidseitig sorgfältig bearbeitetes Allzweckwerkzeug, und die Nutzung des Feuers. Feuer spendete Wärme und Licht, schützte vor wilden Tieren und machte es möglich, Nahrung zu garen. Gekochte Nahrung ist leichter verdaulich und liefert mehr Energie – gut für ein wachsendes Gehirn. Homo erectus war eine sehr erfolgreiche Art: Er existierte weit über eine Million Jahre, also viel länger als der Homo sapiens bisher.
Der Heidelberg-Mensch
1907 fanden Arbeiter in einer Sandgrube in Mauer bei Heidelberg einen etwa 600.000 Jahre alten Unterkiefer. Er gehört zu Homo heidelbergensis, einer Menschenart, die in Afrika und Europa lebte. Ein weiterer berühmter Fund stammt aus Schöningen in Niedersachsen: Dort entdeckten Archäologen etwa 300.000 Jahre alte hölzerne Speere, die zu den ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt gehören. Sie zeigen, dass schon diese frühen Menschen planvoll große Tiere wie Wildpferde jagten. Aus Gruppen von Homo heidelbergensis in Europa entwickelte sich wahrscheinlich der Neandertaler.
Der Neandertaler
1856 fanden Steinbrucharbeiter im Neandertal bei Düsseldorf Knochen, die zu keinem heutigen Menschen passten. Nach dem Fundort wurde die Menschenart Homo neanderthalensis benannt. Neandertaler lebten ab etwa 400.000 Jahren in Europa und Westasien. Sie waren an das kalte Klima der Eiszeit angepasst: eher klein, kräftig und stämmig, mit breiter Nase und einem großen Gehirn – im Durchschnitt sogar etwas größer als unseres.
Lange galten Neandertaler als plumpe, dumme „Keulenschwinger“. Dieses Bild ist falsch. Neandertaler stellten hochwertige Steinwerkzeuge her, jagten Mammuts und Rentiere, kleideten sich mit Fellen, beherrschten das Feuer, pflegten Kranke und bestatteten wohl manche ihrer Toten. Vor etwa 40.000 Jahren starben sie aus. Warum, ist bis heute umstritten: Mögliche Gründe sind Klimaschwankungen, kleine Gruppengrößen und die Konkurrenz mit dem Homo sapiens.
Ganz verschwunden sind sie aber nicht: Genetische Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Neandertaler und moderne Menschen gelegentlich miteinander fortpflanzten. Menschen, deren Vorfahren nicht aus Afrika südlich der Sahara stammen, tragen heute etwa ein bis zwei Prozent Neandertaler-Erbgut in sich.
Homo sapiens – der moderne Mensch
Der Homo sapiens entstand in Afrika. Die ältesten bekannten Funde stammen aus Marokko und sind rund 300.000 Jahre alt. Nach der sogenannten Out-of-Africa-Theorie breiteten sich moderne Menschen von Afrika aus über die ganze Welt aus. Nach frühen Vorstößen verließen größere Gruppen Afrika vor etwa 70.000 bis 50.000 Jahren. Sie erreichten Asien, Australien und vor etwa 45.000 Jahren Europa. Amerika wurde zuletzt besiedelt, wahrscheinlich vor mehr als 15.000 Jahren über eine Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska.
Was machte den Homo sapiens so erfolgreich? Forscher vermuten, dass vor allem seine Fähigkeit zu komplexer Sprache, zur Zusammenarbeit in größeren Gruppen und zum Austausch über weite Entfernungen eine Rolle spielte. Neue Erfindungen verbreiteten sich schneller. Vor rund 40.000 Jahren entstand eine beeindruckende Kunst: Auf der Schwäbischen Alb wurden die Figur des Löwenmenschen aus Mammutelfenbein, die „Venus vom Hohle Fels“ und Flöten aus Vogelknochen gefunden – einige der ältesten Kunstwerke und Musikinstrumente der Welt. In Frankreich malten Menschen Tiere an die Wände der Höhlen von Chauvet und Lascaux.
Weitere Verwandte
Die Forschung entdeckt immer wieder neue Arten. 2010 wiesen Genetiker anhand eines winzigen Fingerknochens aus einer Höhle in Sibirien den Denisova-Menschen nach. Auf der indonesischen Insel Flores lebte eine nur etwa einen Meter große Menschenart, Homo floresiensis, die wegen ihrer Größe den Spitznamen „Hobbit“ erhielt. Solche Funde zeigen: Die Geschichte der Menschheit ist kein gerader Weg, sondern ein weit verzweigter Stammbusch.
Hinweis für Lehrkräfte
Da sich die Forschung zur Evolution des Menschen durch neue Funde und genetische Methoden schnell verändert, weichen Jahreszahlen in Schulbüchern und Online-Quellen oft voneinander ab. Das lässt sich im Unterricht produktiv nutzen: Schülerinnen und Schüler können Angaben aus verschiedenen Quellen vergleichen und diskutieren, warum Wissenschaft ihre Aussagen immer wieder überprüft und verändert. Ein Besuch im Neanderthal Museum in Mettmann oder im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren bietet sich als Ergänzung an.
Aufgaben
- Lege eine Zeitleiste mit Homo habilis, Homo erectus, Homo heidelbergensis, Neandertaler und Homo sapiens an.
- Erkläre, warum das alte Bild vom „dummen Neandertaler“ nicht stimmt.
- Beschreibe die Out-of-Africa-Theorie mit Hilfe einer Weltkarte.