Industrialisierung und Soziale Frage in Deutschland und Europa

Warum kam es um 1840 zur massenhaften Armut in Deutschland?

Landflucht:
– im 19. Jahrhundert großes Bevölkerungswachstum durch Erfindung von Kunstdünger und moderner Medizin
– Aufhebung der Zünfte zog Menschen in Massen in die Stadt, weil sie dort auf Arbeit hofften
– bessere Heiratsbedingungen in den Städten
– in den Städten gab es allerdings in Wirklichkeit nicht wirklich genug Arbeitsplätze und Wohnungen für alle
=> dadurch entstand in den Städten eine schlimme Wohnsituation, die Menschen mussten in engen, unbeheizten, dreckigen und teuren Mietswohnungen leben

Lange Arbeitszeiten:
– enorme Überbevölkerung und Arbeitslosigkeit in den Städten spielten den Unternehmern viele Arbeitskräfte zu
– Arbeiter wurden dazu gezwungen lange Arbeitszeiten von 14 Stunden pro Tag zu akzeptieren
– durch Arbeitsverträge wurden die Arbeiter zu langen Arbeitszeiten gezwungen
– Arbeiterinnen mit Kindern wurden nicht eingestellt oder sofort entlassen
=> durch die Überbevölkerung und Arbeitslosigkeit verschlechterten sich die Arbeitsverhältnisse extrem, da die Unternehmer diese Lage für ihren Profit ausnutzten

Schlechte Bezahlung:
– da für jeden unzufriedenen Arbeiter vier oder fünf Arbeitslose als Ersatz bereitstanden, zahlten die Unternehmer sehr geringe Löhne
– Fabrikarbeiter waren auf Lohn angewiesen und mussten im Grunde jede Summe akzeptieren
– Ergebnis war die sehr schlechte Bezahlung der Männer, Frauen und Kindern wurde sogar meist die Hälfte oder weniger des „Männerlohns“ gezahlt
– ausgebildete Arbeiter konnten mehr Lohn erhalten, allerdings hatte kaum jemand eine ordentliche Handwerksausbildung erhalten (Lohn hing vom Grad der Ausbildung ab)
– Frauen, Kinder und Ungebildete wurden zu beliebten Arbeitern, weil sie kaum etwas kosteten
=> Entstehung einer Zweiklassengesellschaft: Wohlhabende Fabrikbesitzer und Unternehmer (Kapitalisten) und auf Lohn angewiesene Arbeiter (Proletarier)

Kinderarbeit:
– Kinder waren beliebte Arbeitskräfte, da sie unter den Maschinen hindurchschlüpfen, in kleinen Räumen arbeiten und in Bergwerksschächten arbeiten konnten
– 12-14 Stunden Arbeitszeit pro Tag
– jede zweite Woche Nachtschicht
– schlechte Bezahlung
– schlechte Arbeitsbedingungen
– keine festgelegten Essenszeiten
– Kinder mussten arbeiten, weil die Familien das Geld für ihr Überleben sonst nicht zusammenbekommen hätten
– Arbeit ab dem 9. Lebensjahr war keine Seltenheit, manche Kinder mussten die Familie komplett versorgen
– Bildung erhielten die Kinder lediglich in der Sonntagsschule der Kirchen

=> Die katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen entstanden also aus einem Zusammenspiel von technischen Entwicklungen (Kunstdünger und Medizin erhöhten die Lebenserwartung der Menschen und führten zu Überbevölkerung), politischen Entwicklungen (die Auflösung des Zunftzwangs Anfang des 19. Jhds. beschleunigte die Landflucht und führte zu einer Überbevölkerung der Städte; die Tatenlosigkeit der Politik führte zu Arbeitslosigkeit und Wohnungsknappheit) und unternehmerischen Entwicklungen (Unternehmer nutzten diese Situation aus, um für sich und ihre Firmen den größtmöglichen Profit herauszuschlagen, ohne Rücksicht auf die extremen Folgen für die rechtlosen Arbeiter).

=> Aus diesen katastrophalen Verhältnissen entstand im 19. Jahrhundert in Europa die Soziale Frage: „Wie können wir die gesellschaftlichen Probleme lösen?“

Mehrere Teile der Gesellschaft entwickelten Pläne, wie man der Situation in den Städten entgegentreten könnte. Darunter vor allem der Staat, die Kirchen, die Unternehmer und die Arbeiterparteien:

Die Unternehmer:
– Bau von Werkswohnungen, Schulen und Gaststätten in Fabriknähe
– Stiftungen mit Unternehmergeld sollten armen Arbeitern helfen
– Ausbildung von Arbeitern im Betrieb
– Werksarzt, Betriebskassen, Sparkassen zur Vermögensbildung der Arbeiter
– Initiatoren: Arnold Staub, Alfred Krupp, Carl Stumm
– Ziel: Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen, Prävention von gegen Unternehmer gerichteten Aufständen

Die Kirchen:
– Rauhe-Haus für Waisenkinder
– Innere Mission -> Diakonisches Werk
– Kolping-Häuser ab 1846
– Bischof von Ketteler befürwortete Aufbau von Gewerkschaften und Arbeiterstreiks
– Papst Leo XIII
– Wege: politische Interessenvertretung der Arbeiter, Organisation von Streiks, Angebote zur Freizeitgestaltung, Seelsorge
– Gründe: Abwehr des Kommunismus, christliche Fürsorge

Der Staat:
– ab Ende des 19. Jahrhunderts griff auch der Staat in die Soziale Frage ein, v.a. Otto v. Bismarck und dann die sozialdemokratischen Regierungen der Weimarer Republik ab 1918
– Gesetz zur Altersvorsorge
– Kranken- und Unfallversicherung
– festgelegte Arbeitszeit (ab 1918)
– Invaliditätsversicherung
– Arbeitsbeschaffungen (Straßenbau durch den Staat) verringerte Arbeitslosigkeit
– Ziele: Streiks vermeiden, Loyalität der Arbeiter zum Staat, Abwehr des Kommunismus, Sicherung von einsatzfähigen Wehrpflichtigen

Die Arbeiterparteien:
=> Wie im Lied „Die Internationale“ klar gemacht wird, waren die Arbeiter vor allem der Meinung, dass sie sich nur selbst effektiv helfen könnten

Liedtext:
http://www.songtexte.com/songtext/hannes-wader/die-internationale-6bdb4e9a.html

Download des Lieds in etwa 40 verschiedenen Sprachen:
http://www.hymn.ru/internationale/index-en.html

Forderungen der „Internatiale“:
– Aufwachen der Arbeiter
– Zusammenstehen der Arbeiter -> Solidarität
– Können sich nur selbst helfen
– Arbeiter aller Völker gemeinsam
– Wollen Kapitalisten vertreiben

=> Daraus entwickelten sich zwei politische Richtungen (Ideologien):
– Die Sozialdemokratie
– Der Kommunismus

Die Sozialdemokratie (August Bebel- Quelle im Buch):
– Revolution gegen die Kapitalisten würde nur zu tausenden Toten führen
– Kapitalismus ist durch sein Vorgehen sowieso dem Untergang geweiht
– Arbeiter sollten durch Reformen, Streiks, Aufbau von Gewerkschaften Einfluss nehmen
– Verbesserung der Lebensbedingungen und Arbeitsbedingungen durch demokratische Einflussnahme und Abstimmungen
– Gründung von gemeinsamer Arbeiterpartei SPD
– Durchsetzung von Mitspracherecht in einer Demokratie

Der Kommunismus: (Karl Marx- Quelle im Buch)
– Arbeiter sollen sich gegen Kapitalisten zusammenschließen
– Enteignung der Kapitalisten („diktatorisch“)
– Freiheit der Arbeiter durch gewaltsame Revolution
– Krieg gegen Kapitalisten durch alle Proletarier der Welt
– „Diktatur des Proletariats“: Arbeiter sind untereinander gleich und herrschen, Kapitalisten werden vertrieben

Der Prozess der Lösung der Sozialen Frage und die Auseinandersetzung mit den beiden neuen Arbeiterideologien sollte sich bis 1990 in Europa hinziehen. Auch heute ist die Soziale Frage in Europa nicht gänzlich gelöst, auf anderen Kontinenten ist deren Lösung z.T. noch in weiter Ferne.

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3 Antworten zu Industrialisierung und Soziale Frage in Deutschland und Europa

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