Hohe Mauern, ein trutziger Turm, eine Zugbrücke über einem tiefen Graben: So stellen sich die meisten Menschen eine mittelalterliche Burg vor. In Deutschland wurden im Mittelalter schätzungsweise knapp 20.000 Burgen gebaut, von denen heute noch rund 6.500 erhalten sind, meist als Ruinen. Doch wozu brauchte man Burgen eigentlich, wie waren sie aufgebaut, und wie lebte es sich hinter den dicken Mauern?
Wozu dienten Burgen?
Eine Burg war weit mehr als nur ein befestigtes Wohnhaus. Sie erfüllte mehrere Aufgaben zugleich:
- Schutz: Sie bot dem Burgherrn, seiner Familie und in Notzeiten auch den Menschen der Umgebung Sicherheit vor Angreifern.
- Herrschaft: Von der Burg aus beherrschte der Burgherr das umliegende Land. Hier wurden Abgaben der Bauern gesammelt und Recht gesprochen.
- Kontrolle von Wegen: Viele Burgen lagen an Flüssen, Straßen oder Pässen. Dort verlangten die Burgherren Zölle von Händlern.
- Symbol der Macht: Eine weithin sichtbare Burg zeigte allen, wer in der Gegend das Sagen hatte.
Von der Holzburg zur Steinburg
Die ersten Burgen im 10. und 11. Jahrhundert waren oft einfache Turmhügelburgen, auch Motten genannt. Auf einem aufgeschütteten Erdhügel stand ein hölzerner Turm, umgeben von einem Palisadenzaun und einem Graben. Holz brannte jedoch leicht. Ab dem späten 11. Jahrhundert begann die Blütezeit des Burgenbaus in Stein. Ursprünglich durfte nur der König Burgen bauen lassen. Doch nach und nach nahmen sich auch Fürsten, Grafen, Bischöfe und schließlich einfache Adlige und Ritter dieses Recht.
Nach ihrer Lage unterscheidet man verschiedene Burgtypen:
- Höhenburgen auf Bergen oder Felsen, wie die Wartburg bei Eisenach. Sie waren schwer zu erreichen und gut zu verteidigen.
- Niederungs- oder Wasserburgen im flachen Land, die durch Wassergräben oder Seen geschützt wurden.
- Stadtburgen, die in eine Stadtbefestigung eingebunden waren.
- Ordensburgen der Ritterorden, etwa die riesige Marienburg des Deutschen Ordens im heutigen Polen.
Der Aufbau einer Burg
Jede Burg war anders, weil sie an ihr Gelände angepasst wurde. Die meisten Burgen hatten aber ähnliche Bestandteile:
- Burggraben und Zugbrücke: Ein tiefer Graben, trocken oder mit Wasser gefüllt, hielt Angreifer auf Abstand. Über ihn führte eine Brücke, die man hochziehen konnte.
- Torhaus: Das Tor war die schwächste Stelle. Es wurde durch ein herablassbares Fallgitter, schwere Torflügel und Öffnungen in der Decke gesichert, durch die man Steine oder heißes Wasser auf Angreifer werfen konnte.
- Ringmauer: Die oft mehrere Meter dicke Mauer umschloss die Burg. Oben verlief ein Wehrgang mit Zinnen, später mit Schießscharten. Manche Burgen hatten davor eine zweite, niedrigere Mauer; der Raum dazwischen hieß Zwinger.
- Bergfried: Der höchste und stärkste Turm, bis zu 40 Meter hoch. Sein Eingang lag oft mehrere Meter über dem Boden und war nur über eine Leiter erreichbar. Er diente als Aussichtsturm und im Notfall als letzte Zuflucht. Im untersten Teil lag manchmal das Verlies, ein finsteres Gefängnis.
- Palas: Das Wohngebäude des Burgherrn mit dem großen Saal für Feste und Versammlungen.
- Kemenate: Ein beheizbarer Wohnraum, oft für die Frauen der Burg.
- Burghof mit Nebengebäuden: Küche, Ställe, Werkstätten, Vorratsräume und die Burgkapelle.
- Brunnen oder Zisterne: Ohne Wasser konnte keine Burg eine Belagerung überstehen. Manche Brunnen wurden über 100 Meter tief in den Felsen getrieben.
Eine Burg wird belagert
Eine gut gebaute Burg im Sturm zu erobern, war sehr schwierig. Angreifer versuchten es mit Rammböcken gegen das Tor, mit Leitern und hölzernen Belagerungstürmen, mit Wurfmaschinen wie der Blide, die schwere Steine schleuderte, oder indem sie Tunnel unter die Mauern gruben, um sie zum Einsturz zu bringen. Oft war es aber am einfachsten, die Burg einzuschließen und die Verteidiger auszuhungern. Auch Verrat oder Verhandlungen entschieden manche Belagerung.
Das Leben auf der Burg
Das Leben auf einer Burg war weniger romantisch, als wir es uns vorstellen. Die Räume waren dunkel, weil die Fenster klein waren und oft nur mit Holzläden oder Tierhäuten verschlossen wurden – Glas war teuer. Im Winter war es kalt und zugig, beheizt wurden nur wenige Räume. Die Toilette, der Abort, war ein Erker an der Außenmauer; alles fiel einfach nach unten in den Graben. Auf einer großen Burg lebten neben der Familie des Burgherrn auch Knechte, Mägde, Handwerker, Soldaten und Tiere. Viele kleinere Burgen waren dagegen kaum mehr als ein Turm mit einer Mauer, und ihre Besitzer lebten recht bescheiden.
Das Ende der Burgen
Im 15. und 16. Jahrhundert verloren die Burgen ihre Bedeutung. Mit Kanonen ließen sich selbst dicke Mauern zerschießen. Zudem bauten die Landesherren eine Verwaltung auf, die nicht mehr von einzelnen Burgherren abhing. Wer es sich leisten konnte, zog in bequemere Schlösser, und zur Verteidigung baute man flache, mächtige Festungen. Viele Burgen verfielen oder wurden als Steinbruch genutzt. Im 19. Jahrhundert entdeckte die Romantik die Burgen neu: Ruinen wurden wieder aufgebaut, und Märchenschlösser wie Neuschwanstein entstanden, die nur wie mittelalterliche Burgen aussehen.
Tipp für Lehrkräfte
Eine Burg in der Nähe der Schule eignet sich ideal für eine Exkursion. Die Schülerinnen und Schüler können vorher einen Grundriss mit Fachbegriffen beschriften und vor Ort prüfen, welche Bauteile erhalten sind. Aus der Lage der Burg lässt sich ableiten, was sie schützen oder kontrollieren sollte.
Aufgaben
- Zeichne eine Burg und beschrifte Bergfried, Palas, Ringmauer, Torhaus, Zugbrücke und Burgkapelle.
- Nenne vier Aufgaben, die eine Burg im Mittelalter erfüllte.
- Erkläre, warum Burgen ab dem 15. Jahrhundert an Bedeutung verloren.
Quellen
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Mittelalterliche Burgen
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Belagerungskriege im mittelalterlichen Europa
- Lernhelfer Schülerlexikon: Die mittelalterliche Burg
- Planet Wissen: Leben auf der Burg
- Kinderzeitmaschine: Aufbau einer Burg im Mittelalter
- Planet Schule: Warum baute man Burgen? (Unterrichtsmaterial)