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Kategorie: Allgemein

  • Burgen im Mittelalter

    Hohe Mauern, ein trutziger Turm, eine Zugbrücke über einem tiefen Graben: So stellen sich die meisten Menschen eine mittelalterliche Burg vor. In Deutschland wurden im Mittelalter schätzungsweise knapp 20.000 Burgen gebaut, von denen heute noch rund 6.500 erhalten sind, meist als Ruinen. Doch wozu brauchte man Burgen eigentlich, wie waren sie aufgebaut, und wie lebte es sich hinter den dicken Mauern?

    Wozu dienten Burgen?

    Eine Burg war weit mehr als nur ein befestigtes Wohnhaus. Sie erfüllte mehrere Aufgaben zugleich:

    • Schutz: Sie bot dem Burgherrn, seiner Familie und in Notzeiten auch den Menschen der Umgebung Sicherheit vor Angreifern.
    • Herrschaft: Von der Burg aus beherrschte der Burgherr das umliegende Land. Hier wurden Abgaben der Bauern gesammelt und Recht gesprochen.
    • Kontrolle von Wegen: Viele Burgen lagen an Flüssen, Straßen oder Pässen. Dort verlangten die Burgherren Zölle von Händlern.
    • Symbol der Macht: Eine weithin sichtbare Burg zeigte allen, wer in der Gegend das Sagen hatte.

    Von der Holzburg zur Steinburg

    Die ersten Burgen im 10. und 11. Jahrhundert waren oft einfache Turmhügelburgen, auch Motten genannt. Auf einem aufgeschütteten Erdhügel stand ein hölzerner Turm, umgeben von einem Palisadenzaun und einem Graben. Holz brannte jedoch leicht. Ab dem späten 11. Jahrhundert begann die Blütezeit des Burgenbaus in Stein. Ursprünglich durfte nur der König Burgen bauen lassen. Doch nach und nach nahmen sich auch Fürsten, Grafen, Bischöfe und schließlich einfache Adlige und Ritter dieses Recht.

    Nach ihrer Lage unterscheidet man verschiedene Burgtypen:

    • Höhenburgen auf Bergen oder Felsen, wie die Wartburg bei Eisenach. Sie waren schwer zu erreichen und gut zu verteidigen.
    • Niederungs- oder Wasserburgen im flachen Land, die durch Wassergräben oder Seen geschützt wurden.
    • Stadtburgen, die in eine Stadtbefestigung eingebunden waren.
    • Ordensburgen der Ritterorden, etwa die riesige Marienburg des Deutschen Ordens im heutigen Polen.

    Der Aufbau einer Burg

    Jede Burg war anders, weil sie an ihr Gelände angepasst wurde. Die meisten Burgen hatten aber ähnliche Bestandteile:

    • Burggraben und Zugbrücke: Ein tiefer Graben, trocken oder mit Wasser gefüllt, hielt Angreifer auf Abstand. Über ihn führte eine Brücke, die man hochziehen konnte.
    • Torhaus: Das Tor war die schwächste Stelle. Es wurde durch ein herablassbares Fallgitter, schwere Torflügel und Öffnungen in der Decke gesichert, durch die man Steine oder heißes Wasser auf Angreifer werfen konnte.
    • Ringmauer: Die oft mehrere Meter dicke Mauer umschloss die Burg. Oben verlief ein Wehrgang mit Zinnen, später mit Schießscharten. Manche Burgen hatten davor eine zweite, niedrigere Mauer; der Raum dazwischen hieß Zwinger.
    • Bergfried: Der höchste und stärkste Turm, bis zu 40 Meter hoch. Sein Eingang lag oft mehrere Meter über dem Boden und war nur über eine Leiter erreichbar. Er diente als Aussichtsturm und im Notfall als letzte Zuflucht. Im untersten Teil lag manchmal das Verlies, ein finsteres Gefängnis.
    • Palas: Das Wohngebäude des Burgherrn mit dem großen Saal für Feste und Versammlungen.
    • Kemenate: Ein beheizbarer Wohnraum, oft für die Frauen der Burg.
    • Burghof mit Nebengebäuden: Küche, Ställe, Werkstätten, Vorratsräume und die Burgkapelle.
    • Brunnen oder Zisterne: Ohne Wasser konnte keine Burg eine Belagerung überstehen. Manche Brunnen wurden über 100 Meter tief in den Felsen getrieben.

    Eine Burg wird belagert

    Eine gut gebaute Burg im Sturm zu erobern, war sehr schwierig. Angreifer versuchten es mit Rammböcken gegen das Tor, mit Leitern und hölzernen Belagerungstürmen, mit Wurfmaschinen wie der Blide, die schwere Steine schleuderte, oder indem sie Tunnel unter die Mauern gruben, um sie zum Einsturz zu bringen. Oft war es aber am einfachsten, die Burg einzuschließen und die Verteidiger auszuhungern. Auch Verrat oder Verhandlungen entschieden manche Belagerung.

    Das Leben auf der Burg

    Das Leben auf einer Burg war weniger romantisch, als wir es uns vorstellen. Die Räume waren dunkel, weil die Fenster klein waren und oft nur mit Holzläden oder Tierhäuten verschlossen wurden – Glas war teuer. Im Winter war es kalt und zugig, beheizt wurden nur wenige Räume. Die Toilette, der Abort, war ein Erker an der Außenmauer; alles fiel einfach nach unten in den Graben. Auf einer großen Burg lebten neben der Familie des Burgherrn auch Knechte, Mägde, Handwerker, Soldaten und Tiere. Viele kleinere Burgen waren dagegen kaum mehr als ein Turm mit einer Mauer, und ihre Besitzer lebten recht bescheiden.

    Das Ende der Burgen

    Im 15. und 16. Jahrhundert verloren die Burgen ihre Bedeutung. Mit Kanonen ließen sich selbst dicke Mauern zerschießen. Zudem bauten die Landesherren eine Verwaltung auf, die nicht mehr von einzelnen Burgherren abhing. Wer es sich leisten konnte, zog in bequemere Schlösser, und zur Verteidigung baute man flache, mächtige Festungen. Viele Burgen verfielen oder wurden als Steinbruch genutzt. Im 19. Jahrhundert entdeckte die Romantik die Burgen neu: Ruinen wurden wieder aufgebaut, und Märchenschlösser wie Neuschwanstein entstanden, die nur wie mittelalterliche Burgen aussehen.

    Tipp für Lehrkräfte

    Eine Burg in der Nähe der Schule eignet sich ideal für eine Exkursion. Die Schülerinnen und Schüler können vorher einen Grundriss mit Fachbegriffen beschriften und vor Ort prüfen, welche Bauteile erhalten sind. Aus der Lage der Burg lässt sich ableiten, was sie schützen oder kontrollieren sollte.

    Aufgaben

    1. Zeichne eine Burg und beschrifte Bergfried, Palas, Ringmauer, Torhaus, Zugbrücke und Burgkapelle.
    2. Nenne vier Aufgaben, die eine Burg im Mittelalter erfüllte.
    3. Erkläre, warum Burgen ab dem 15. Jahrhundert an Bedeutung verloren.

    Quellen

  • Die Gesellschaft des Mittelalters

    Im Mittelalter wurde fast jeder Mensch in eine feste Gruppe hineingeboren: Wer als Kind eines Bauern zur Welt kam, wurde in aller Regel selbst Bauer. Wer als Sohn eines Adligen geboren wurde, lernte das Kämpfen und herrschte später über Land und Leute. Diese Ordnung galt vielen Menschen damals als von Gott gewollt und unveränderlich. Wie war die Gesellschaft des Mittelalters aufgebaut – und wie sah das Leben in den verschiedenen Gruppen aus?

    Die Lehre von den drei Ständen

    Um das Jahr 1025 beschrieb der Bischof Adalbero von Laon die Gesellschaft so: Die einen beten, die anderen kämpfen, die dritten arbeiten. Jede Gruppe hatte eine Aufgabe, die den anderen nützte. Aus diesem Gedanken entstand die Vorstellung von drei Ständen:

    • Erster Stand – der Klerus: die Geistlichen, also Papst, Bischöfe, Priester, Mönche und Nonnen. Ihre Aufgabe war das Gebet für das Seelenheil aller Menschen.
    • Zweiter Stand – der Adel: Könige, Herzöge, Grafen und Ritter. Sie sollten die anderen mit dem Schwert beschützen und für Recht und Frieden sorgen.
    • Dritter Stand – die Bauern: die große Mehrheit der Bevölkerung. Sie ernährten mit ihrer Arbeit alle anderen. Später kamen die Bürger in den Städten hinzu.

    An der Spitze stand der König, der nach damaliger Vorstellung von Gott eingesetzt war. Oft wird diese Ordnung als Ständepyramide gezeichnet: oben wenige Mächtige, unten die breite Masse der Bauern. Man schätzt, dass im Mittelalter rund neun von zehn Menschen auf dem Land lebten und in der Landwirtschaft arbeiteten.

    Der Klerus: Beten, Lehren, Verwalten

    Die Kirche prägte im Mittelalter das ganze Leben: von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beerdigung. Die Geistlichen standen im Ansehen ganz oben, weil sie sich um das Seelenheil kümmerten. Die Menschen hatten große Angst vor Hölle und Fegefeuer.

    Man unterschied zwei Gruppen: Den Weltklerus (Priester in den Dörfern und Städten, Bischöfe) und den Ordensklerus (Mönche und Nonnen in Klöstern). Klöster waren Orte des Gebets, aber auch der Bildung. Dort wurden Bücher abgeschrieben, Kinder unterrichtet und Kranke gepflegt. Hohe Geistliche wie Bischöfe und Äbte stammten meist aus dem Adel, besaßen viel Land und waren oft auch politisch mächtig. Die Kirche erhielt außerdem von allen Bauern eine besondere Abgabe: den Zehnten, also ein Zehntel der Ernte.

    Eine Besonderheit: Der Klerus war der einzige Stand, in den man nicht hineingeboren wurde, denn Geistliche durften nicht heiraten. Für begabte Kinder aus einfachen Familien war das Kloster manchmal die einzige Möglichkeit, gesellschaftlich aufzusteigen.

    Der Adel: Herrschen und Kämpfen

    Adlige lebten auf Burgen oder Herrenhöfen und besaßen große Ländereien. Sie waren durch das Lehnswesen miteinander verbunden: Der König gab mächtigen Adligen Land als Lehen. Dafür schworen sie ihm als Vasallen Treue und mussten ihn im Krieg unterstützen. Diese Kronvasallen konnten Teile ihres Landes wiederum an eigene Untervasallen, zum Beispiel Ritter, weitergeben. So entstand ein Netz aus Treueversprechen, das von oben nach unten reichte.

    Ein adliger Junge wurde ab etwa sieben Jahren als Page und später als Knappe an einem fremden Hof ausgebildet. Mit rund 21 Jahren konnte er zum Ritter geschlagen werden. Zum ritterlichen Ideal gehörten Tapferkeit, Treue, Schutz der Schwachen und höfliches Benehmen. Die Wirklichkeit sah allerdings oft rauer aus: Viele Adlige führten untereinander Fehden und plünderten dabei die Dörfer ihrer Gegner.

    Die Bauern: Arbeiten für alle

    Das Leben der Bauern war hart. Sie arbeiteten vom Morgengrauen bis zur Dämmerung, und schlechte Ernten konnten schnell zu Hunger führen. Die meisten Bauern waren nicht frei, sondern lebten in einer Grundherrschaft. Das bedeutet: Das Land gehörte einem Grundherrn – einem Adligen, einem Bischof oder einem Kloster. Der Grundherr überließ den Bauern Land zur Bewirtschaftung und bot ihnen Schutz. Dafür mussten sie:

    • Abgaben leisten, zum Beispiel Getreide, Eier, Hühner oder später auch Geld,
    • Frondienste verrichten, also an bestimmten Tagen unbezahlt auf den Feldern des Herrn arbeiten, Holz hacken oder Wege ausbessern,
    • den Zehnten an die Kirche zahlen.

    Viele Bauern waren Hörige oder Leibeigene. Sie durften das Land nicht ohne Erlaubnis verlassen und brauchten oft sogar die Zustimmung des Herrn, um zu heiraten. Der Grundherr war zugleich ihr Richter. Es gab aber auch freie Bauern, vor allem im Frühmittelalter und in manchen Regionen.

    Ab dem 11. Jahrhundert verbesserte sich die Landwirtschaft. Neue Techniken wie der schwere Räderpflug, das Kummet für Pferde und die Dreifelderwirtschaft brachten höhere Erträge. Bei der Dreifelderwirtschaft wurde das Ackerland in drei Teile geteilt: Auf einem wuchs Wintergetreide, auf einem Sommergetreide, und einer blieb brach, damit sich der Boden erholen konnte. Jedes Jahr wurde gewechselt.

    Etwas Neues: die Bürger in den Städten

    Ab dem Hochmittelalter wuchsen die Städte. Hier lebten Kaufleute und Handwerker, die sich in Gilden und Zünften zusammenschlossen. Die Bürger einer Stadt passten nicht richtig in das alte Modell der drei Stände. Sie waren weder Geistliche noch Adlige noch Bauern. Viele Städte erkämpften sich eigene Rechte und eine eigene Verwaltung. Ein Leibeigener, der in eine Stadt floh und dort ein Jahr und einen Tag lebte, ohne dass sein Herr ihn zurückforderte, galt in vielen Städten als frei. Später fasste man diese Regel in dem Satz zusammen: „Stadtluft macht frei.“

    Am Rand der Gesellschaft

    Nicht alle Menschen hatten einen festen Platz in der Ständeordnung. Bettler, Tagelöhner und fahrendes Volk wie Spielleute lebten oft in großer Armut. Manche Berufe galten als „unehrlich“, etwa der des Henkers oder des Abdeckers, der tote Tiere beseitigte. Auch die Juden standen außerhalb der christlichen Ständeordnung. Sie wurden zwar oft von Königen und Bischöfen geschützt, waren aber immer wieder Ausgrenzung und Gewalt ausgesetzt. Frauen gehörten zwar zum Stand ihres Vaters oder Ehemannes, hatten aber in allen Ständen deutlich weniger Rechte als Männer.

    Ein Modell mit Grenzen

    Die Lehre von den drei Ständen ist ein Bild, das sich Geistliche von der Gesellschaft gemacht haben. Sie zeigt, wie die Welt nach ihrer Ansicht sein sollte. Die Wirklichkeit war vielfältiger: Es gab reiche und arme Adlige, mächtige Bischöfe und arme Dorfpriester, freie Bauern und Leibeigene. Außerdem veränderte sich die Gesellschaft im Laufe von rund tausend Jahren Mittelalter stark. Wenn du die Ständepyramide verwendest, denke daran, dass sie die Wirklichkeit stark vereinfacht.

    Aufgaben

    1. Zeichne eine Ständepyramide und beschrifte sie mit den Aufgaben jedes Standes.
    2. Erkläre den Unterschied zwischen Lehnswesen und Grundherrschaft.
    3. Beschreibe einen Tag im Leben einer Bauernfamilie im Hochmittelalter.
    4. Beurteile: War die Ständegesellschaft gerecht? Begründe deine Meinung aus Sicht eines Bauern und aus Sicht eines Bischofs.

    Quellen

  • Die lateinische Sprache als Vermittlerin der antiken Kultur

    Latein wird heute nirgends mehr als Muttersprache gesprochen. Und doch begegnet es uns jeden Tag: in Wörtern wie „Fenster“, „Mauer“ oder „Schule“, in medizinischen Fachbegriffen, in Inschriften auf Gebäuden und im Lateinunterricht vieler Gymnasien. Wie konnte eine einzige Sprache über zweitausend Jahre lang die europäische Kultur prägen? Dieser Beitrag zeigt, wie das Lateinische zur Brücke wurde, über die das Wissen und die Kultur der Antike bis in unsere Zeit gelangten.

    Von der Sprache Latiums zur Weltsprache

    Ursprünglich war Latein die Sprache der Latiner, der Bewohner der Landschaft Latium um Rom. Mit dem Aufstieg Roms verbreitete es sich über Italien und schließlich über das ganze Römische Reich. Im Westen – in Gallien, Spanien, Nordafrika, Britannien und den Provinzen an Rhein und Donau – wurde es zur Sprache der Verwaltung, des Rechts, des Militärs und des Handels. Im Osten des Reiches blieb dagegen Griechisch die wichtigste Sprache der Gebildeten.

    Schon in der Antike war Latein eine „Vermittlerin“. Römische Autoren übertrugen die griechische Philosophie, Wissenschaft und Dichtung in ihre eigene Sprache. Cicero etwa schuf viele lateinische Fachbegriffe, um griechische Gedanken ausdrücken zu können. Ohne diese Übersetzungsarbeit wäre ein großer Teil des griechischen Wissens im Westen Europas verloren gegangen, als dort im frühen Mittelalter kaum noch jemand Griechisch verstand.

    Vom Latein zu den romanischen Sprachen

    Die Menschen im Alltag sprachen ein einfacheres Latein als die Dichter und Redner, das sogenannte Vulgärlatein (von vulgus, das Volk). Nach dem Ende des Weströmischen Reiches entwickelte es sich in den verschiedenen Regionen weiter. Daraus entstanden die romanischen Sprachen: Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Rumänisch. Wer Latein kann, erkennt deshalb in diesen Sprachen viele Wörter wieder: Aus lateinisch amicus (Freund) wurden italienisch amico, spanisch amigo und französisch ami.

    Die Sprache der Kirche

    Dass Latein das Ende des Weströmischen Reiches überlebte, verdankt es vor allem dem Christentum. Um 400 n. Chr. übersetzte der Gelehrte Hieronymus die Bibel ins Lateinische. Diese Übersetzung, die Vulgata, wurde über Jahrhunderte zur maßgeblichen Bibel des Westens. Gottesdienste, Gebete und kirchliche Gesetze waren lateinisch. Auch die Germanenvölker, die sich auf dem Boden des Reiches niederließen und zum Christentum übertraten, übernahmen Latein als Sprache der Kirche und der schriftlichen Verwaltung.

    Klöster als Hüter der antiken Texte

    Im Frühmittelalter wurden die Klöster zu den wichtigsten Orten der Bildung. Mönche und Nonnen lernten Latein, um die Bibel und die Schriften der Kirchenväter lesen zu können. In den Schreibstuben schrieben sie Bücher von Hand ab – nicht nur religiöse Texte, sondern auch Werke heidnischer römischer Autoren wie Vergil, Cicero, Ovid oder Caesar, die als Vorbilder für gutes Latein galten. Von vielen antiken Werken sind keine Handschriften aus der Antike selbst erhalten; wir kennen sie nur, weil sie in einem mittelalterlichen Kloster kopiert wurden.

    Unter Karl dem Großen erlebte die lateinische Bildung einen Aufschwung. Karl holte Gelehrte wie Alkuin an seinen Hof und ordnete 789 an, dass an Klöstern und Bischofssitzen Schulen eingerichtet werden sollten. Man spricht von der karolingischen Renaissance. Seit dieser Zeit entwickelte sich das mittelalterliche Latein zu einer weitgehend einheitlichen Sprache der Gebildeten in ganz Europa.

    Die Sprache der Wissenschaft

    Im Hoch- und Spätmittelalter entstanden die ersten Universitäten, etwa in Bologna, Paris und Oxford, später auch in Heidelberg (1386) und Tübingen (1477). Unterrichtet, geprüft und geschrieben wurde auf Latein. Ein Student aus Polen konnte deshalb in Italien studieren und sich mit Kommilitonen aus England oder Frankreich verständigen. Latein war die gemeinsame Sprache der europäischen Gelehrtenwelt. Noch heute stammen viele Begriffe aus dem Universitätsleben aus dem Lateinischen: Student, Professor, Fakultät, Examen, Semester, Mensa.

    Humanismus: zurück zu den Quellen

    Im 14. und 15. Jahrhundert kritisierten die Humanisten das mittelalterliche Gelehrtenlatein als schwerfällig. Sie wollten zum eleganten Latein Ciceros zurückkehren und die antiken Texte in ihrer ursprünglichen Form lesen. Ihr Motto lautete „Ad fontes“ – zu den Quellen. Gelehrte wie Francesco Petrarca durchsuchten Klosterbibliotheken nach verschollenen Handschriften und entdeckten dabei zahlreiche vergessene Werke wieder. Durch die Erfindung des Buchdrucks konnten diese Texte nun in großer Zahl verbreitet werden. Das Latein wurde so zu einem Schlüssel für das neue Menschenbild der Renaissance.

    Auch in der frühen Neuzeit schrieben viele bedeutende Forscher lateinisch, damit sie in ganz Europa gelesen wurden: Nikolaus Kopernikus veröffentlichte sein Werk über die Bewegung der Planeten auf Latein, ebenso Isaac Newton 1687 seine Grundlagen der Physik. Erst im 17. und 18. Jahrhundert setzten sich die Landessprachen in der Wissenschaft immer mehr durch.

    Latein in unserer Sprache

    Schon in der Römerzeit übernahmen die Germanen viele lateinische Wörter, besonders für Dinge, die sie von den Römern kennenlernten: murus wurde zu „Mauer“, fenestra zu „Fenster“, vinum zu „Wein“, cellarium zu „Keller“ und strata (gepflasterter Weg) zu „Straße“. Mit dem Christentum kamen Wörter wie „Kloster“ (claustrum), „Schule“ (schola) und „schreiben“ (scribere) hinzu. Heute bilden Medizin, Recht und Biologie ihre Fachbegriffe noch immer oft aus dem Lateinischen, und auch in vielen internationalen Wörtern steckt Latein.

    Aufgaben

    1. Nenne drei Bereiche, in denen Latein nach dem Ende des Römischen Reiches weiter verwendet wurde.
    2. Erkläre, welche Rolle die Klöster bei der Überlieferung antiker Texte spielten.
    3. Suche zehn deutsche Wörter, die aus dem Lateinischen stammen, und finde ihre lateinischen Ursprungswörter.
    4. Beurteile die Aussage: „Ohne Latein wüssten wir heute kaum etwas über die Antike.“

    Quellen

  • Krieg als Mittel zur Expansion und Reichsdenken

    Aus einer kleinen Stadt am Tiber wurde innerhalb weniger Jahrhunderte ein Weltreich, das vom Atlantik bis zum Euphrat und von Britannien bis nach Ägypten reichte. Dieser Aufstieg gelang vor allem durch Krieg. Doch die Römer sahen sich selbst nicht einfach als Eroberer. Sie entwickelten Vorstellungen davon, wann ein Krieg gerecht sei und welche Aufgabe Rom in der Welt habe. Dieser Beitrag untersucht, wie Krieg zum Mittel der römischen Expansion wurde und welches Reichsdenken dahinterstand.

    Die Etappen der Expansion

    • Die Herrschaft über Italien (ca. 500–272 v. Chr.): Rom besiegte nach und nach seine Nachbarn – Latiner, Etrusker, Volsker und in drei langen Kriegen die Samniten. Nach dem Krieg gegen Tarent und König Pyrrhos beherrschte Rom 272 v. Chr. Mittel- und Unteritalien.
    • Der Kampf gegen Karthago (264–146 v. Chr.): In den Punischen Kriegen rang Rom mit der Handelsmacht Karthago um die Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer. Sizilien wurde 241 v. Chr. die erste Provinz außerhalb Italiens. 146 v. Chr. wurde Karthago zerstört.
    • Der Griff nach Osten: Im 2. Jahrhundert v. Chr. besiegte Rom die hellenistischen Königreiche. Makedonien wurde Provinz, und im selben Jahr wie Karthago wurde 146 v. Chr. auch Korinth zerstört.
    • Die großen Feldherren (1. Jahrhundert v. Chr.): Pompeius eroberte weite Teile Kleinasiens und Syriens, Caesar unterwarf Gallien (58–51 v. Chr.). 30 v. Chr. kam Ägypten hinzu.
    • Die Kaiserzeit: Unter Kaiser Trajan erreichte das Reich 117 n. Chr. seine größte Ausdehnung.

    Warum war Rom militärisch so erfolgreich?

    Roms Erfolg beruhte nicht nur auf Tapferkeit, sondern vor allem auf Organisation. Die Legion war in kleinere, bewegliche Einheiten gegliedert (Kohorten, Manipel, Zenturien) und konnte sich flexibel an das Gelände anpassen. Die Soldaten waren gut ausgerüstet und diszipliniert; jeden Abend errichteten sie ein befestigtes Lager. Hinzu kam ein kluges Bündnissystem: Besiegte Städte in Italien wurden meist nicht vernichtet, sondern zu Verbündeten (socii) gemacht, die Soldaten stellen mussten. Rom verfügte so über enorme Reserven und konnte selbst schwere Niederlagen wie gegen Hannibal überstehen. Kolonien römischer Bürger und ein Netz gepflasterter Straßen, beginnend mit der Via Appia (312 v. Chr.), sicherten die eroberten Gebiete. Nach ihrer Dienstzeit erhielten Veteranen oft Land in Grenzregionen und verbreiteten dort die römische Lebensweise.

    Der „gerechte Krieg“

    Die Römer legten großen Wert darauf, dass ihre Kriege als gerecht galten (bellum iustum). Eine eigene Priesterschaft, die Fetialen, forderte vom Gegner zunächst Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht. Erst wenn diese Forderung abgelehnt wurde, erklärten sie in einem feierlichen Ritual den Krieg. So sollte sichergestellt werden, dass die Götter auf der Seite Roms standen.

    Der Politiker und Philosoph Cicero formulierte im 1. Jahrhundert v. Chr., Kriege dürften nur geführt werden, um ohne Unrecht in Frieden leben zu können. In der römischen Selbstdarstellung waren Kriege deshalb meist Verteidigungskriege: Rom habe nur seinen Verbündeten geholfen oder auf Angriffe reagiert. Tatsächlich fand Rom fast immer einen Grund zum Eingreifen – etwa den Hilferuf einer bedrohten Stadt.

    Ruhm, Beute und Macht

    Neben der offiziellen Begründung gab es handfeste Motive. Für die adligen Familien Roms war Krieg der wichtigste Weg zu Ruhm (gloria). Ein siegreicher Feldherr durfte in einem Triumphzug durch Rom ziehen, und militärischer Erfolg brachte Ansehen, Wählerstimmen und Ämter. Eroberte Gebiete lieferten Beute, Steuern und Hunderttausende Sklaven. Provinzstatthalter konnten sich enorm bereichern. Krieg war also für die römische Führungsschicht ein lohnendes Geschäft.

    In der Forschung ist umstritten, wie diese Motive zu gewichten sind. Ältere Historiker sahen Rom oft als eine Macht, die eher widerwillig und aus Sicherheitsgründen zu einem Weltreich wurde („defensiver Imperialismus“). Neuere Forschungen betonen dagegen stärker, wie sehr die römische Gesellschaft auf Krieg ausgerichtet war und Expansion aktiv betrieb.

    Reichsdenken: Roms Sendung in der Welt

    Unter Kaiser Augustus erhielt das Reichsdenken seine berühmteste Form. Der Dichter Vergil lässt in seinem Epos „Aeneis“ den Göttervater Jupiter versprechen, er habe den Römern eine „Herrschaft ohne Ende“ (imperium sine fine) gegeben. An anderer Stelle heißt es, die Aufgabe der Römer sei es, die Völker zu regieren, dem Frieden Gesittung zu geben, die Unterworfenen zu schonen und die Hochmütigen niederzukämpfen (parcere subiectis et debellare superbos). Rom erschien damit als von den Göttern bestimmte Ordnungsmacht, die der Welt Frieden und Recht bringt.

    Tatsächlich folgte auf die Bürgerkriege eine lange Zeit relativer Ruhe im Innern des Reiches, die Pax Romana (etwa 27 v. Chr. bis 180 n. Chr.). Handel und Städte blühten, Straßen verbanden die Provinzen, und römisches Recht galt in weiten Teilen des Reiches. Viele Provinzbewohner erwarben mit der Zeit das römische Bürgerrecht und stiegen in die Führungsschicht auf.

    Die Sicht der Besiegten

    Der römische Frieden hatte jedoch einen Preis. Der Geschichtsschreiber Tacitus legt einem britannischen Anführer eine berühmte Anklage in den Mund: Die Römer schafften eine Wüste und nennten das Frieden. Tacitus war selbst Römer – dass er diese Kritik formulierte, zeigt, dass auch in Rom über die Kehrseite der Expansion nachgedacht wurde. Aufstände in Gallien, Germanien, Britannien und Judäa wurden brutal niedergeschlagen.

    Die Grenzen der Expansion

    Nach der Niederlage in der Varusschlacht 9 n. Chr. gab Rom den Plan auf, Germanien bis zur Elbe zu erobern. Augustus soll seinen Nachfolgern geraten haben, das Reich nicht weiter auszudehnen. Statt immer neuer Eroberungen ging es nun darum, die bestehenden Grenzen zu sichern – durch Legionslager an Rhein und Donau, durch Flusspatrouillen und durch den Limes, der auch durch das heutige Baden-Württemberg verlief. Aus dem expandierenden Eroberungsstaat wurde ein Reich, das sich vor allem verteidigte.

    Aufgaben

    1. Stelle die Etappen der römischen Expansion auf einer Zeitleiste dar.
    2. Erkläre, was die Römer unter einem „gerechten Krieg“ verstanden.
    3. Vergleiche die Aussage Vergils über die Aufgabe Roms mit der Kritik bei Tacitus.
    4. Beurteile, ob man Rom eher als Eroberungsmacht oder als Ordnungsmacht bezeichnen sollte.

    Quellen

  • Athenische Demokratie

    Das Wort Demokratie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft des Volkes“ (demos = Volk, kratein = herrschen). Erfunden wurde diese Staatsform vor rund 2500 Jahren in Athen. Doch wie funktionierte die athenische Demokratie genau? Wer durfte mitbestimmen – und wer nicht? Und was unterscheidet sie von unserer Demokratie heute?

    Der lange Weg zur Demokratie

    Die Demokratie entstand in Athen nicht über Nacht, sondern Schritt für Schritt. Zuerst regierten Könige, dann übernahm der Adel die Macht (Aristokratie). Die Adligen besaßen den größten Teil des Landes, während viele Bauern verarmten und sich verschuldeten. Wer seine Schulden nicht zurückzahlen konnte, geriet sogar in Schuldknechtschaft.

    Solon (594 v. Chr.)

    Um die Spannungen zu entschärfen, erhielt der Adlige Solon den Auftrag, neue Gesetze zu schaffen. Er hob die Schuldknechtschaft auf und teilte die Bürger nach ihrem Vermögen in vier Klassen ein. Alle Bürger durften nun an der Volksversammlung teilnehmen, die wichtigsten Ämter blieben aber den Reichen vorbehalten. Solons Reformen waren also noch keine Demokratie, aber ein wichtiger erster Schritt.

    Die Tyrannis

    Danach herrschte der Adlige Peisistratos und später seine Söhne als Alleinherrscher (Tyrannen). Das Wort hatte damals noch nicht unbedingt die negative Bedeutung von heute. Um 510 v. Chr. wurde die Tyrannis jedoch gestürzt.

    Kleisthenes (508/507 v. Chr.)

    Als eigentlicher Begründer der Demokratie gilt Kleisthenes. Er teilte die Bürgerschaft in zehn neue Bezirke (Phylen) ein, in denen Menschen aus der Stadt, von der Küste und aus dem Binnenland gemischt wurden. So brach er die Macht der alten Adelsfamilien, die sich vorher auf ihre Regionen stützten. Außerdem schuf er den Rat der 500. Später wurden die Reformen unter Ephialtes und Perikles (Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr.) noch weiter ausgebaut.

    Wie funktionierte die Demokratie?

    In der Blütezeit Athens gab es mehrere Einrichtungen, die zusammenarbeiteten:

    • Volksversammlung (Ekklesia): Das wichtigste Organ. Alle männlichen Bürger ab etwa 18 Jahren durften teilnehmen. Sie trafen sich regelmäßig auf dem Hügel Pnyx, stimmten über Gesetze, Krieg und Frieden ab und wählten die Heerführer. Jeder durfte das Wort ergreifen.
    • Rat der 500 (Boule): Jede der zehn Phylen stellte 50 Mitglieder. Der Rat bereitete die Beschlüsse der Volksversammlung vor und kümmerte sich um die laufenden Geschäfte. Die Mitglieder wurden jedes Jahr neu ausgelost.
    • Volksgericht: Hunderte ausgeloste Bürger sprachen als Geschworene Recht. Berufsrichter gab es nicht.
    • Beamte: Die meisten Ämter wurden für ein Jahr ausgelost. Nur für Aufgaben, die besondere Fähigkeiten erforderten, wurde gewählt – zum Beispiel für die zehn Strategen, die Heerführer.

    Das Losverfahren war für die Athener besonders demokratisch: Jeder Bürger hatte die gleiche Chance, ein Amt zu bekommen, egal ob er reich oder arm, beliebt oder unbekannt war. Damit sich auch ärmere Bürger die Teilnahme leisten konnten, führte Perikles eine Bezahlung für Ratsherren und Richter ein, die sogenannten Diäten.

    Das Scherbengericht

    Eine Besonderheit war der Ostrakismos, das Scherbengericht. Einmal im Jahr konnte die Volksversammlung entscheiden, ob ein Politiker zu mächtig geworden war. Jeder Bürger ritzte dann einen Namen in eine Tonscherbe (ostrakon). Wer die meisten Stimmen bekam – vorausgesetzt, es stimmten genügend Bürger ab –, musste Athen für zehn Jahre verlassen. So wollten die Athener verhindern, dass wieder ein Tyrann die Macht an sich riss. Archäologen haben Tausende solcher Scherben gefunden.

    Wer gehörte zum „Volk“?

    Hier liegt die große Schwäche der athenischen Demokratie. Politische Rechte hatten nur erwachsene männliche Bürger, deren Eltern ebenfalls Athener waren. Das waren je nach Zeit etwa 30.000 bis 40.000 Männer. Ausgeschlossen waren:

    • Frauen, auch wenn sie Bürgerinnen waren,
    • Metöken, also Zugezogene ohne Bürgerrecht, selbst wenn sie seit Generationen in Athen lebten,
    • Sklaven, die einen großen Teil der Bevölkerung ausmachten.

    Nur ein kleiner Teil der Einwohner durfte also tatsächlich mitbestimmen. Außerdem beruhte die Freiheit der Bürger zum Teil darauf, dass Sklaven die Arbeit erledigten.

    Kritik schon in der Antike

    Nicht alle Griechen waren von der Demokratie begeistert. Der Philosoph Platon hielt es für falsch, dass einfache Bürger ohne Fachwissen über schwierige Fragen entschieden. Er wünschte sich eine Herrschaft der Weisen. Sein Lehrer Sokrates war 399 v. Chr. von einem demokratischen Volksgericht zum Tode verurteilt worden – für Platon ein Beweis, dass die Masse irren kann. Auch Aristoteles sah die Gefahr, dass die Armen ihre Mehrheit auf Kosten der anderen ausnutzen könnten. Gleichzeitig beobachteten Kritiker, dass geschickte Redner (Demagogen) die Volksversammlung leicht beeinflussen konnten.

    Athen und wir: ein Vergleich

    Die athenische Demokratie war eine direkte Demokratie: Die Bürger entschieden selbst. Unsere Demokratie in Deutschland ist dagegen eine repräsentative Demokratie: Wir wählen Abgeordnete, die für uns im Parlament entscheiden. Außerdem gelten bei uns Grundrechte für alle Menschen, Frauen und Männer haben das gleiche Wahlrecht, und es gibt eine Gewaltenteilung zwischen Parlament, Regierung und Gerichten. In Athen dagegen konnte die Volksversammlung praktisch alles beschließen. Bis 322 v. Chr., als Athen unter makedonische Herrschaft geriet, bestand die Demokratie – mit kurzen Unterbrechungen – fast 200 Jahre lang.

    Fazit

    Die athenische Demokratie war eine erstaunliche Erfindung: Die Bürger beteiligten sich in einem Ausmaß an der Politik, das keine spätere Demokratie wieder erreicht hat. Gleichzeitig war sie eine Demokratie nur für wenige, denn Frauen, Fremde und Sklaven blieben ausgeschlossen. Wer sie beurteilt, sollte beides sehen: ihre große Leistung und ihre Grenzen. Ihre Grundidee, dass die Bürger über ihre gemeinsamen Angelegenheiten selbst entscheiden, wirkt bis heute nach.

    Quellen