Wer heute durch Deutschland reist, stößt überall auf die Spuren mittelalterlicher Klöster: in Ortsnamen wie Münster oder Mönchengladbach, in Weinbergen und Fischteichen, in Bibliotheken voller alter Handschriften und sogar im Bier. Klöster waren über Jahrhunderte weit mehr als Orte des Gebets. Sie waren Zentren von Bildung, Wirtschaft, Medizin und Kunst. Ohne sie sähe Europa heute anders aus. Welchen Einfluss hatte das Klosterwesen auf die Entwicklung Europas?
Die Anfänge: vom Einsiedler zur Gemeinschaft
Das christliche Mönchtum entstand im 3. und 4. Jahrhundert in Ägypten. Männer wie der heilige Antonius zogen sich als Einsiedler in die Wüste zurück, um ganz für Gott zu leben. Bald bildeten sich Gemeinschaften, die nach gemeinsamen Regeln zusammenlebten. Das Wort „Mönch“ kommt vom griechischen monachos, „der allein Lebende“.
Für Europa entscheidend wurde Benedikt von Nursia. Er gründete um 529 das Kloster Montecassino in Italien und schrieb eine Regel für das Zusammenleben der Mönche, die Benediktsregel. Sie war streng, aber maßvoll. Die Mönche legten Gelübde ab: Sie sollten gehorsam sein, arm leben und ehelos bleiben und ihr Leben lang in ihrem Kloster bleiben. Der Tag war durch feste Gebetszeiten gegliedert, das Stundengebet. Dazwischen wurde gearbeitet und gelesen. Später fasste man diese Lebensweise in dem Motto „Ora et labora“ zusammen – „Bete und arbeite“. Unter Karl dem Großen und seinem Sohn Ludwig dem Frommen wurde die Benediktsregel zur Grundlage fast aller Klöster im Frankenreich.
Mission: Christentum für Europa
Mönche verbreiteten das Christentum in ganz Europa. Irische Mönche wie Columban und Gallus gründeten im 6. und 7. Jahrhundert Klöster auf dem Festland, etwa St. Gallen in der heutigen Schweiz. Der angelsächsische Mönch Bonifatius, der „Apostel der Deutschen“, missionierte im 8. Jahrhundert in Hessen, Thüringen und Bayern und gründete 744 das Kloster Fulda. Klöster waren oft die ersten festen christlichen Stützpunkte in neu missionierten Gebieten.
Bildung und Wissen
Nach dem Ende des Weströmischen Reiches gingen viele Schulen und Bibliotheken verloren. Klöster wurden zu den wichtigsten Orten der Bildung. In ihren Klosterschulen lernten künftige Mönche, aber auch Söhne von Adligen Latein, Lesen, Schreiben, Rechnen, Musik und Astronomie.
In der Schreibstube, dem Skriptorium, schrieben Mönche und Nonnen Bücher per Hand ab – nicht nur die Bibel und religiöse Texte, sondern auch Werke antiker Autoren wie Cicero oder Vergil. Viele antike Texte kennen wir heute nur deshalb, weil sie in einem mittelalterlichen Kloster kopiert wurden. Die Abschriften wurden oft prachtvoll mit bunten Bildern und goldenen Buchstaben verziert. Solche illuminierten Handschriften gehören zu den größten Kunstschätzen des Mittelalters. Unter Karl dem Großen entwickelten Klosterschreiber die gut lesbare karolingische Minuskel, auf die unsere Kleinbuchstaben zurückgehen.
Wirtschaft und Landwirtschaft
Nach der Benediktsregel sollte sich ein Kloster selbst versorgen. Klöster wurden deshalb zu großen landwirtschaftlichen Betrieben. Mönche rodeten Wälder, legten Sümpfe trocken und machten Land urbar. Besonders die Zisterzienser, ein Reformorden, der 1098 im französischen Cîteaux gegründet wurde, waren darin sehr erfolgreich. Sie siedelten bewusst in abgelegenen Tälern, betrieben große Gutshöfe, sogenannte Grangien, legten Fischteiche an, verbesserten Obst- und Weinbau und nutzten Wasserkraft für Mühlen. Klöster verbreiteten so neues landwirtschaftliches Wissen. Auch das Bierbrauen wurde in Klöstern verfeinert; einige Klosterbrauereien gibt es bis heute.
Medizin und Fürsorge
Die Benediktsregel verlangt, Kranke, Arme und Fremde wie Christus selbst aufzunehmen. Klöster betrieben deshalb Krankenstuben, Hospize für Pilger und Reisende und versorgten Arme. In ihren Kräutergärten zogen Mönche und Nonnen Heilpflanzen und sammelten medizinisches Wissen. Eine der bekanntesten Klosterfrauen ist Hildegard von Bingen (1098–1179). Die Äbtissin schrieb über Heilkunde, Natur und Religion, komponierte Musik und stand im Briefwechsel mit Päpsten und Kaisern. Frauenklöster boten Frauen im Mittelalter eine der wenigen Möglichkeiten, Bildung zu erwerben und Verantwortung zu übernehmen.
Reformen: immer wieder ein Neuanfang
Viele Klöster wurden durch Schenkungen reich und mächtig. Adlige Familien setzten ihre Verwandten als Äbte ein, und das strenge Leben nach der Regel geriet in Vergessenheit. Deshalb kam es immer wieder zu Reformbewegungen. Von dem 910 gegründeten Kloster Cluny in Burgund ging eine Reform aus, die sich auf Hunderte Klöster in ganz Europa ausbreitete. Cluny unterstand direkt dem Papst und war unabhängig von weltlichen Herren. Diese Ideen beeinflussten auch die große Kirchenreform des 11. Jahrhunderts und den Streit zwischen Papst und Kaiser. Die Zisterzienser unter dem berühmten Abt Bernhard von Clairvaux wiederum kritisierten den Prunk von Cluny und kehrten zu Einfachheit und körperlicher Arbeit zurück.
Im 13. Jahrhundert entstanden die Bettelorden, vor allem die Franziskaner und Dominikaner. Sie lebten nicht in abgelegenen Klöstern, sondern in den wachsenden Städten, predigten dort und kümmerten sich um die Armen. Viele ihrer Mitglieder lehrten an den neu gegründeten Universitäten.
Kunst und Architektur
Klosterkirchen gehören zu den bedeutendsten Bauwerken der Romanik und Gotik. Ein berühmtes Dokument ist der St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert: der Entwurf eines idealen Klosters mit Kirche, Kreuzgang, Schlafsaal, Speisesaal, Schule, Krankenhaus, Gästehaus, Gärten, Ställen und Werkstätten. Er zeigt, dass ein Kloster wie eine kleine, gut organisierte Stadt funktionierte. Auch die Musik verdankt den Klöstern viel, etwa den Gregorianischen Choral und frühe Formen der Notenschrift.
Kritik und Wandel
Im Spätmittelalter stand der Reichtum vieler Klöster zunehmend in der Kritik. Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts lehnten das Klosterleben ab, weil sie meinten, man könne sich den Himmel nicht durch ein frommes Leben verdienen. In evangelischen Gebieten wurden viele Klöster aufgelöst. 1803 wurden in Deutschland bei der Säkularisation die meisten verbliebenen Klöster enteignet. Ihre Bibliotheken und Kunstschätze kamen oft in staatliche Sammlungen. Bis heute leben in Deutschland aber noch Tausende Ordensleute in Klöstern.
Hinweis für Lehrkräfte
Der St. Galler Klosterplan eignet sich gut für eine Gruppenarbeit: Schülerinnen und Schüler ordnen den Gebäuden Funktionen zu und leiten daraus die Bereiche ab, in denen Klöster die Gesellschaft prägten (Religion, Bildung, Wirtschaft, Fürsorge). Als Ergänzung bietet sich ein Besuch in einem nahegelegenen Kloster oder in einem UNESCO-Welterbe wie dem Kloster Maulbronn oder dem Kloster Lorsch an.
Aufgaben
- Erkläre, was mit dem Motto „Ora et labora“ gemeint ist.
- Nenne vier Bereiche, in denen Klöster die Entwicklung Europas beeinflussten, und gib jeweils ein Beispiel.
- Erläutere, warum es im Mittelalter immer wieder zu Klosterreformen kam.