„Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ – dieser Satz eines antiken griechischen Philosophen wurde im 15. Jahrhundert zu einem Leitgedanken einer neuen Epoche. In der Renaissance veränderte sich die Art, wie Menschen sich selbst, ihre Fähigkeiten und ihren Platz in der Welt sahen. Statt das irdische Leben nur als kurze Durchgangsstation zum Jenseits zu betrachten, rückten der Mensch und seine Möglichkeiten in den Mittelpunkt. Doch was genau war neu am Menschenbild der Renaissance?
„Wiedergeburt“ der Antike
Das französische Wort Renaissance bedeutet „Wiedergeburt“. Gemeint ist die Wiederentdeckung der Kunst, Literatur und Philosophie der griechischen und römischen Antike. Die Bewegung begann im 14. Jahrhundert in den reichen Handelsstädten Italiens, vor allem in Florenz, wo Kaufmanns- und Bankiersfamilien wie die Medici Künstler und Gelehrte großzügig förderten. Von dort breitete sie sich im 15. und 16. Jahrhundert über ganz Europa aus.
Den Begriff „Renaissance“ verwendeten die Menschen damals allerdings noch nicht in dieser Form. Viele Gelehrte sahen sich aber bewusst als Erneuerer: Sie hielten die vorangegangenen Jahrhunderte für eine „dunkle“ Zwischenzeit zwischen der glanzvollen Antike und ihrer eigenen Gegenwart. So entstand auch die Bezeichnung „Mittelalter“. Heute weiß man, dass dieses Bild ungerecht ist, denn auch im Mittelalter wurden antike Texte gelesen und bewahrt.
Der Humanismus: zurück zu den Quellen
Die geistige Grundlage der Renaissance war der Humanismus (von lateinisch humanitas, Menschlichkeit). Als einer seiner Wegbereiter gilt der Dichter Francesco Petrarca (1304–1374), der in Klosterbibliotheken nach verschollenen Handschriften antiker Autoren suchte. Die Humanisten studierten die antiken Texte im Original, möglichst in Latein und Griechisch, und folgten dem Motto „Ad fontes“ – „Zu den Quellen!“. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 brachten griechische Gelehrte zusätzlich viele Schriften nach Italien.
Im Zentrum der humanistischen Bildung standen die studia humanitatis: Grammatik, Rhetorik, Dichtung, Geschichte und Moralphilosophie. Ziel war ein gebildeter, redegewandter und tugendhafter Mensch, der seine Fähigkeiten zum eigenen Wohl und zum Wohl der Gemeinschaft entfaltet.
Die Würde des Menschen
Besonders deutlich wird das neue Menschenbild in einer Rede des jungen Florentiner Gelehrten Giovanni Pico della Mirandola (1463–1494), die unter dem Titel „Über die Würde des Menschen“ bekannt wurde. Darin lässt Pico Gott zum ersten Menschen sprechen: Alle anderen Geschöpfe hätten eine feste Natur erhalten, nur der Mensch nicht. Er könne selbst entscheiden, was er aus sich macht – er könne zum Tier herabsinken oder sich zu göttlicher Höhe erheben.
Das Besondere an diesem Gedanken: Die Würde des Menschen liegt in seiner Freiheit, sich selbst zu gestalten. Der Mensch ist nicht mehr nur ein sündiges Geschöpf, das auf die Gnade Gottes hofft, sondern ein schöpferisches Wesen mit großen Möglichkeiten. Pico war dabei durchaus gläubig – er wollte den christlichen Glauben nicht abschaffen, sondern mit der antiken Philosophie verbinden.
Das Ideal des „Universalmenschen“
Ein Leitbild der Zeit war der uomo universale, der „universale Mensch“, der auf vielen Gebieten zugleich Großes leistet. Niemand verkörpert dieses Ideal so sehr wie Leonardo da Vinci (1452–1519). Er war Maler, Bildhauer, Architekt, Ingenieur und Naturforscher. Seine Notizbücher enthalten Entwürfe für Flugapparate, Brücken und Kriegsmaschinen. Um den menschlichen Körper genau darstellen zu können, sezierte er Leichen und fertigte präzise anatomische Zeichnungen von Muskeln, Knochen und Organen an. Seine berühmte Zeichnung des „vitruvianischen Menschen“, eines Mannes in Kreis und Quadrat, zeigt den Menschen als Maß harmonischer Proportionen.
Auch Michelangelo (1475–1564) war Bildhauer, Maler, Architekt und Dichter. Seine Marmorstatue des David in Florenz zeigt einen jungen Mann in idealer Schönheit und Kraft, voller Selbstvertrauen – ein Sinnbild für den selbstbewussten Menschen der Renaissance. In der Sixtinischen Kapelle in Rom malte er die berühmte Erschaffung Adams, auf der Gott und Mensch sich fast auf Augenhöhe begegnen.
Der Mensch als Individuum
In der Renaissance wurde der einzelne Mensch als unverwechselbare Persönlichkeit wichtiger. Das zeigt sich in der Kunst:
- Porträts: Maler stellten Menschen mit ihren individuellen Gesichtszügen dar, zum Beispiel Leonardos „Mona Lisa“. Auch Kaufleute und Bürger ließen sich malen.
- Selbstbildnisse: Künstler wie Albrecht Dürer malten sich selbst und zeigten damit ihr neues Selbstbewusstsein. Künstler galten nicht mehr als einfache Handwerker, sondern als schöpferische Genies.
- Naturtreue: Mit der Zentralperspektive gelang es, Räume auf einer flachen Bildfläche täuschend echt darzustellen. Die Welt wurde so abgebildet, wie der Mensch sie mit eigenen Augen sieht.
- Nacktheit: Nach antikem Vorbild wurde der menschliche Körper wieder als schön und darstellenswert empfunden.
Ein Bruch mit dem Mittelalter?
Im Unterricht wird das Menschenbild der Renaissance oft dem des Mittelalters gegenübergestellt: Hier der fromme, auf das Jenseits ausgerichtete Mensch, der sich in eine gottgewollte Ordnung fügt – dort der selbstbewusste Einzelne, der die Welt erforscht und gestaltet. Diese Gegenüberstellung ist hilfreich, aber vereinfacht. Die meisten Renaissance-Gelehrten waren tief gläubig, und viele Kunstwerke entstanden im Auftrag der Kirche. Umgekehrt gab es auch im Mittelalter Neugier, Wissenschaft und Kunst. Neu war vor allem die Gewichtung: Das diesseitige Leben und die menschlichen Fähigkeiten gewannen an Wert, ohne dass Gott aus dem Weltbild verschwand.
Zudem erreichten diese Ideen zunächst nur eine kleine, gebildete Oberschicht aus Fürsten, reichen Bürgern, Gelehrten und Künstlern. Für die meisten Bauern und Handwerker änderte sich am Alltag wenig. Erst durch den Buchdruck mit beweglichen Lettern, den Johannes Gutenberg um 1450 in Mainz entwickelte, konnten sich humanistische Schriften schneller und weiter verbreiten.
Was bleibt?
Das Menschenbild der Renaissance wirkt bis heute nach. Der Gedanke, dass jeder Mensch eine besondere Würde besitzt und sich frei entfalten soll, wurde in der Aufklärung weiterentwickelt und findet sich schließlich im ersten Artikel unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Auch unser humanistisches Gymnasium, das Latein und Griechisch unterrichtet, geht auf die Bildungsideale dieser Zeit zurück.
Aufgaben
- Erkläre die Begriffe Renaissance und Humanismus.
- Fasse den Grundgedanken von Picos Rede „Über die Würde des Menschen“ mit eigenen Worten zusammen.
- Beschreibe Michelangelos David oder Leonardos „vitruvianischen Menschen“. Zeige, wie darin das neue Menschenbild zum Ausdruck kommt.
- Beurteile, ob man von einem „Bruch“ zwischen Mittelalter und Renaissance sprechen kann.
Quellen
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Renaissance-Humanismus
- Kinderzeitmaschine: Italien – Leonardo da Vinci und Michelangelo
- Kinderzeitmaschine: Was ist die Renaissance?
- Lernhelfer Schülerlexikon: Leonardo da Vinci
- Lernhelfer Schülerlexikon: Renaissance und Humanismus in Europa
- Planet Wissen: Humanismus – Menschenbild der Renaissance