Das Wort Demokratie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft des Volkes“ (demos = Volk, kratein = herrschen). Erfunden wurde diese Staatsform vor rund 2500 Jahren in Athen. Doch wie funktionierte die athenische Demokratie genau? Wer durfte mitbestimmen – und wer nicht? Und was unterscheidet sie von unserer Demokratie heute?
Der lange Weg zur Demokratie
Die Demokratie entstand in Athen nicht über Nacht, sondern Schritt für Schritt. Zuerst regierten Könige, dann übernahm der Adel die Macht (Aristokratie). Die Adligen besaßen den größten Teil des Landes, während viele Bauern verarmten und sich verschuldeten. Wer seine Schulden nicht zurückzahlen konnte, geriet sogar in Schuldknechtschaft.
Solon (594 v. Chr.)
Um die Spannungen zu entschärfen, erhielt der Adlige Solon den Auftrag, neue Gesetze zu schaffen. Er hob die Schuldknechtschaft auf und teilte die Bürger nach ihrem Vermögen in vier Klassen ein. Alle Bürger durften nun an der Volksversammlung teilnehmen, die wichtigsten Ämter blieben aber den Reichen vorbehalten. Solons Reformen waren also noch keine Demokratie, aber ein wichtiger erster Schritt.
Die Tyrannis
Danach herrschte der Adlige Peisistratos und später seine Söhne als Alleinherrscher (Tyrannen). Das Wort hatte damals noch nicht unbedingt die negative Bedeutung von heute. Um 510 v. Chr. wurde die Tyrannis jedoch gestürzt.
Kleisthenes (508/507 v. Chr.)
Als eigentlicher Begründer der Demokratie gilt Kleisthenes. Er teilte die Bürgerschaft in zehn neue Bezirke (Phylen) ein, in denen Menschen aus der Stadt, von der Küste und aus dem Binnenland gemischt wurden. So brach er die Macht der alten Adelsfamilien, die sich vorher auf ihre Regionen stützten. Außerdem schuf er den Rat der 500. Später wurden die Reformen unter Ephialtes und Perikles (Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr.) noch weiter ausgebaut.
Wie funktionierte die Demokratie?
In der Blütezeit Athens gab es mehrere Einrichtungen, die zusammenarbeiteten:
- Volksversammlung (Ekklesia): Das wichtigste Organ. Alle männlichen Bürger ab etwa 18 Jahren durften teilnehmen. Sie trafen sich regelmäßig auf dem Hügel Pnyx, stimmten über Gesetze, Krieg und Frieden ab und wählten die Heerführer. Jeder durfte das Wort ergreifen.
- Rat der 500 (Boule): Jede der zehn Phylen stellte 50 Mitglieder. Der Rat bereitete die Beschlüsse der Volksversammlung vor und kümmerte sich um die laufenden Geschäfte. Die Mitglieder wurden jedes Jahr neu ausgelost.
- Volksgericht: Hunderte ausgeloste Bürger sprachen als Geschworene Recht. Berufsrichter gab es nicht.
- Beamte: Die meisten Ämter wurden für ein Jahr ausgelost. Nur für Aufgaben, die besondere Fähigkeiten erforderten, wurde gewählt – zum Beispiel für die zehn Strategen, die Heerführer.
Das Losverfahren war für die Athener besonders demokratisch: Jeder Bürger hatte die gleiche Chance, ein Amt zu bekommen, egal ob er reich oder arm, beliebt oder unbekannt war. Damit sich auch ärmere Bürger die Teilnahme leisten konnten, führte Perikles eine Bezahlung für Ratsherren und Richter ein, die sogenannten Diäten.
Das Scherbengericht
Eine Besonderheit war der Ostrakismos, das Scherbengericht. Einmal im Jahr konnte die Volksversammlung entscheiden, ob ein Politiker zu mächtig geworden war. Jeder Bürger ritzte dann einen Namen in eine Tonscherbe (ostrakon). Wer die meisten Stimmen bekam – vorausgesetzt, es stimmten genügend Bürger ab –, musste Athen für zehn Jahre verlassen. So wollten die Athener verhindern, dass wieder ein Tyrann die Macht an sich riss. Archäologen haben Tausende solcher Scherben gefunden.
Wer gehörte zum „Volk“?
Hier liegt die große Schwäche der athenischen Demokratie. Politische Rechte hatten nur erwachsene männliche Bürger, deren Eltern ebenfalls Athener waren. Das waren je nach Zeit etwa 30.000 bis 40.000 Männer. Ausgeschlossen waren:
- Frauen, auch wenn sie Bürgerinnen waren,
- Metöken, also Zugezogene ohne Bürgerrecht, selbst wenn sie seit Generationen in Athen lebten,
- Sklaven, die einen großen Teil der Bevölkerung ausmachten.
Nur ein kleiner Teil der Einwohner durfte also tatsächlich mitbestimmen. Außerdem beruhte die Freiheit der Bürger zum Teil darauf, dass Sklaven die Arbeit erledigten.
Kritik schon in der Antike
Nicht alle Griechen waren von der Demokratie begeistert. Der Philosoph Platon hielt es für falsch, dass einfache Bürger ohne Fachwissen über schwierige Fragen entschieden. Er wünschte sich eine Herrschaft der Weisen. Sein Lehrer Sokrates war 399 v. Chr. von einem demokratischen Volksgericht zum Tode verurteilt worden – für Platon ein Beweis, dass die Masse irren kann. Auch Aristoteles sah die Gefahr, dass die Armen ihre Mehrheit auf Kosten der anderen ausnutzen könnten. Gleichzeitig beobachteten Kritiker, dass geschickte Redner (Demagogen) die Volksversammlung leicht beeinflussen konnten.
Athen und wir: ein Vergleich
Die athenische Demokratie war eine direkte Demokratie: Die Bürger entschieden selbst. Unsere Demokratie in Deutschland ist dagegen eine repräsentative Demokratie: Wir wählen Abgeordnete, die für uns im Parlament entscheiden. Außerdem gelten bei uns Grundrechte für alle Menschen, Frauen und Männer haben das gleiche Wahlrecht, und es gibt eine Gewaltenteilung zwischen Parlament, Regierung und Gerichten. In Athen dagegen konnte die Volksversammlung praktisch alles beschließen. Bis 322 v. Chr., als Athen unter makedonische Herrschaft geriet, bestand die Demokratie – mit kurzen Unterbrechungen – fast 200 Jahre lang.
Fazit
Die athenische Demokratie war eine erstaunliche Erfindung: Die Bürger beteiligten sich in einem Ausmaß an der Politik, das keine spätere Demokratie wieder erreicht hat. Gleichzeitig war sie eine Demokratie nur für wenige, denn Frauen, Fremde und Sklaven blieben ausgeschlossen. Wer sie beurteilt, sollte beides sehen: ihre große Leistung und ihre Grenzen. Ihre Grundidee, dass die Bürger über ihre gemeinsamen Angelegenheiten selbst entscheiden, wirkt bis heute nach.
Quellen
- Attische Demokratie – Enzyklopädie der Weltgeschichte
- Bundeszentrale für politische Bildung: Grundzüge der athenischen Demokratie
- Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Geschichte der Demokratie
- Planet Wissen: Das klassische Athen
- Geschichte-Lernen.net: Die Begründung der attischen Demokratie
- Learnattack Schülerlexikon: Athen