Um das Jahr 800 herrschte Karl der Große über ein Reich, das vom Norden Spaniens bis an die Elbe und von der Nordsee bis nach Mittelitalien reichte. Heute liegen auf diesem Gebiet Frankreich, Deutschland, die Benelux-Länder, die Schweiz, Österreich und große Teile Italiens. Wie konnte ein einzelner Herrscher ein so großes Gebiet regieren – ohne Telefon, ohne Internet, ohne gute Straßen und sogar ohne Hauptstadt? Die Antwort liegt in einer Mischung aus Reisen, Helfern, Gesetzen und der Unterstützung durch die Kirche.
Karl der Große – ein kurzer Steckbrief
- Geboren: 747 oder 748, aus der Familie der Karolinger
- 768: König der Franken (zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Karlmann, ab 771 allein)
- 774: König der Langobarden in Italien
- 772–804: Sachsenkriege
- 25. Dezember 800: Kaiserkrönung durch Papst Leo III. in Rom
- Gestorben: 814 in Aachen
Das Problem: ein Reich ohne Hauptstadt
Im Frühmittelalter gab es kaum befestigte Straßen und Brücken, dafür viele dichte Wälder und Sümpfe. Nachrichten brauchten Tage oder Wochen. Die meisten Menschen konnten weder lesen noch schreiben. Eine Verwaltung mit Behörden und Beamten, wie es sie im Römischen Reich gegeben hatte, existierte nicht mehr. Und: Herrschaft funktionierte vor allem über persönliche Beziehungen. Die Menschen gehorchten nicht einem abstrakten „Staat“, sondern einem Herrn, den sie kannten und dem sie Treue geschworen hatten.
1. Das Reisekönigtum: Herrschaft vom Pferderücken
Karl löste dieses Problem, indem er selbst ständig unterwegs war. Man nennt diese Herrschaftsform Reisekönigtum. Mit einem großen Gefolge aus Beratern, Geistlichen, Schreibern, Kriegern und Dienern zog er durch sein Reich. So konnte er sich vor Ort zeigen, Streit schlichten, Recht sprechen und die mächtigen Adligen an sich binden. Wo der König war, da war das Zentrum des Reiches.
Unterwegs übernachtete Karl in Pfalzen. Das waren Königshöfe mit einem Saal für Versammlungen, einer Kapelle und Wohngebäuden, die auf königlichem Land errichtet wurden. Das Wort „Pfalz“ kommt vom lateinischen palatium (Palast). Die Pfalzen mussten den Hof mit Lebensmitteln versorgen – und das waren gewaltige Mengen. Deshalb blieb der König meist nur einige Wochen an einem Ort und reiste dann weiter. Zu den wichtigsten Pfalzen gehörten Ingelheim, Nimwegen, Frankfurt und vor allem Aachen, wo sich Karl in seinen letzten Lebensjahren am liebsten aufhielt. Die Pfalzkapelle ist heute Teil des Aachener Doms.
2. Grafen und Markgrafen: Stellvertreter vor Ort
Auch wenn Karl viel reiste, konnte er nicht überall gleichzeitig sein. Deshalb teilte er das Reich in viele Grafschaften ein. An ihrer Spitze stand jeweils ein Graf, der den König vertrat. Er sprach Recht im Grafengericht, sorgte für Frieden, zog Abgaben ein und führte im Kriegsfall die freien Männer seines Bezirks zum Heer des Königs.
An den gefährdeten Grenzen des Reiches richtete Karl Marken ein, etwa gegen die Slawen im Osten oder gegen die Mauren in Spanien. Die Markgrafen hatten besonders viele militärische Aufgaben und mehr Macht als gewöhnliche Grafen.
3. Die Königsboten: Kontrolle ist besser
Die Grafen stammten meist aus mächtigen Adelsfamilien und verfolgten oft auch eigene Interessen. Damit sie ihre Macht nicht missbrauchten, schickte Karl Königsboten (lateinisch missi dominici) durch das Reich. Sie reisten meist zu zweit – ein Geistlicher und ein Adliger –, damit sie sich gegenseitig kontrollierten. Die Königsboten überprüften die Urteile der Grafen, nahmen Beschwerden der Bevölkerung entgegen, verkündeten neue Gesetze und berichteten dem König über Missstände. Sie waren gewissermaßen die Augen und Ohren Karls.
4. Kapitularien und Reichsversammlungen
Seine Anordnungen ließ Karl in Kapitularien aufschreiben. So heißen Erlasse, die in einzelne Abschnitte (capitula) gegliedert waren. Darin regelte er zum Beispiel, wie die Königsgüter bewirtschaftet werden sollten, wie Gericht gehalten wurde oder was Geistliche wissen mussten. Wichtige Entscheidungen beriet Karl auf Reichsversammlungen mit den geistlichen und weltlichen Großen des Reiches. Dort wurden auch Feldzüge geplant.
5. Treue und Lehen: das Lehnswesen
Viele Adlige waren durch einen Treueid persönlich an Karl gebunden. Als Vasallen versprachen sie ihm Rat und militärische Hilfe. Dafür erhielten sie Schutz und oft Land zur Nutzung, ein sogenanntes Lehen. Dieses System, das sich im Laufe des Mittelalters weiterentwickelte, nennt man Lehnswesen. Es hatte allerdings einen Haken: Mächtige Vasallen konnten mit der Zeit selbst zu einer Gefahr für den König werden.
6. Die Kirche als Partnerin
Eine unverzichtbare Stütze war die Kirche. Bischöfe und Äbte waren oft die einzigen, die lesen und schreiben konnten. Sie berieten den König, verwalteten große Ländereien und stellten Krieger für das Heer. Klöster waren Zentren der Bildung. Karl förderte gezielt Schulen und holte Gelehrte wie den Angelsachsen Alkuin an seinen Hof. Man spricht von der karolingischen Renaissance, also einer Wiederbelebung der antiken Bildung. Eine neue, gut lesbare Schrift, die karolingische Minuskel, erleichterte das Abschreiben von Büchern. Unsere heutigen Kleinbuchstaben gehen auf sie zurück.
Gleichzeitig nutzte Karl den christlichen Glauben, um sein Reich zusammenzuhalten und neue Gebiete zu sichern. Die Sachsen zwang er mit großer Härte zur Taufe. Karls Herrschaft war also nicht nur eine Erfolgsgeschichte, sondern auch eine Geschichte von Krieg und Gewalt.
Hat das System funktioniert?
Solange Karl lebte, hielt das Reich zusammen. Vieles hing aber von seiner Person ab. Unter seinem Sohn Ludwig dem Frommen kam es zu Streit in der Familie. Im Vertrag von Verdun 843 teilten Karls Enkel das Reich in drei Teile. Aus dem West- und dem Ostfrankenreich entwickelten sich später Frankreich und Deutschland. Deshalb wird Karl der Große heute oft als „Vater Europas“ bezeichnet.
Fazit
Karl der Große regierte sein Reich ohne Hauptstadt und ohne moderne Verwaltung. Er reiste von Pfalz zu Pfalz, setzte Grafen und Markgrafen als Stellvertreter ein, ließ sie von Königsboten kontrollieren, erließ Kapitularien und stützte sich auf die Treue seiner Vasallen und auf die Kirche. Dieses System war auf seine Person zugeschnitten – und genau deshalb zerbrach die Einheit des Reiches bald nach seinem Tod.
Quellen
- ZUM-Unterrichten: Karl der Große
- ZUM-Unterrichten: Historische Stichworte – Reisekönigtum
- Universität Zürich, Rechtsgeschichte: Das Zeitalter der fränkischen Herrschaft – Pfalzen, Grafen und Königsboten
- kleio.org: Die Verwaltung und die Regierung des Reiches
- sofatutor: Karl der Große
- Karl der Große – Enzyklopädie der Weltgeschichte