Leistungskurs Geschichte: Die Leitperspektive der Modernisierung

Leistungskurs Geschichte: Die Leitperspektive der Modernisierung

Der Begriff „Moderne“ und der Prozessbegriff „Modernisierung“ werden in der aktuellen
Geschichtsforschung kontrovers diskutiert und z.T. heftig kritisiert (siehe Osterhammel
oder Marks).

Das erste Großthema des Bildungsplans ist mit „Prozesse der Modernisierung in
Wirtschaft, Politik und Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert“ umrissen. Wir
untersuchen also das 18. und 19. Jahrhundert aus der Perspektive der
wirtschaftlichen, politischen und sozialen Modernisierung.

Definition Modernisierung:
Kursbuch Geschichte (Cornelsen): „Wandel der Gesellschaft in Richtung auf eine
entwickeltere Stufe“

Beim Soziologen Max Weber wird Modernisierung vor allem mit einem Prozess der
Rationalisierung beschrieben, bei dem die Vernunft andere Begründungsweisen wie
Tradition und Autorität ersetzte, die Welt aber auch ökonomischen Zwängen und den
Vorgaben technischer Neuerungen unterworfen wird.

Robert B. Marks setzt die moderne Welt in Kontrast mit der sogenannten „biologischen
alten Ordnung“, in der die Hochkulturen der Welt (besonders nicht-europäische) in und
mit der Natur einen hohen Lebensstandard erreichen konnten, durch die natürlichen
Prozesse und ihre Anpassung an diese Vorgänge limitiert blieben. Die moderne Welt der
Europäer ab dem späten 17. Jahrhundert löste sich von dieser Anpassung und entwickelte
auf Grundlage der Nutzung fossiler Energieträger (erst Kohle, dann Öl und Gas) sowie
daraus entwickelter technologischer Neuerungen (v.a. Dampfmaschine) ein Wachstum,
das unabhängig von der Nutzung der Sonnenenergie und der natürlichen Kreisläufe
ablief.

Kennzeichen der Modernisierung:

– Urbanisierung
– Säkularisierung
– Rationalisierung
– Ausbau des technischen Standards und der Infrastruktur
– Verbesserung des Bildungsstandes der Bevölkerung
– räumliche und soziale Mobilität
– Nationalstaatsbildung
– andauerndes wirtschaftliches Wachstum
– Parlamentarismus und Bürgerrechte => Volkssouveränität

Leitfrage der Einheit:
Wie modern wurde die Welt zwischen 1800 und 1918?

Wir untersuchen im Leistungskurs in den ersten Wochen, wie der Prozess der
Modernisierung zwischen 1800 und 1918 vor allem in Europa ablief.

Dabei sind folgende historische Ereignisse zu betrachten:
1. Amerikanische Revolution und ihre Folgen für Nordamerika und Europa
2. Französische Revolution
3. Industrielle Revolution
Im darauf folgenden Großthema untersuchen wir diese Prozesse dann spezifisch
für Deutschland von 1848 bis 1918.

Positive und negative Seiten der Modernisierung:

Positive Aspekte:
– steigender Wohlstand durch Handel, materieller Wohlstand
– steigender Bildungschancen durch Ausbau der Bildungsstandes
– Abnahme der sozialen Unterschiede und der räumlichen Unterschiede
– Menschen- und Bürgerrechte, Demokratie
– Entwicklung des Sozialstaats zur Entschärfung sozialer Krisen
– technische Fortschritte lösen Probleme
– Internationalisierung von Kultur, Recht und Lebensformen

Negative Aspekte:
– Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Natur
– Rückschritte führen zu Krisen mit großer Auswirkung
– Differenz zwischen Arm und Reich wird deutlich größer
– Kolonialisierung und Imperialismus => Tradierung der eigenen Vorstellungen
und Ausbeutung der „Anderen“
– Monotonie durch vereinheitlichte Lebensverhältnisse
– Auflösung traditioneller und nicht-materieller Bindungsverhältnisse in Ehe,
Familie und Gesellschaft
– Verflüssigung verbindlicher Werthaltungen
– Limitierung der Menschenrechte nur auf bestimmte Gruppen

Periodisierung des Prozesses:
Die allgemein akzeptierte Periodisierung unterteilt den Prozess in eine Phase des
Aufstiegs, in dem die Grundlagen der Modernisierung wirtschaftlich, technisch,
politisch und sozial gelegt wurden. Diese Grundlagen gehen einher mit REVOLUTIONEN
(siehe unten). Die „Hochmoderne“ bringt einerseits herausragende Ergebnisse der
Modernisierung, aber auch Krisen (Gründerkrise ab 1873, Erster Weltkrieg 1914-18,
Wirtschaftskrise ab 1929, Zweiter Weltkrieg 1939-45).
Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt es in der westlichen Hemisphäre im Zuge des
Ost-West-Konflikts zu einer Renaissance des „liberalen Modells“ und 1990 sogar zu
einem vermeintlichen „allgemeinen Sieg“ des Modells mit dem Zusammenbruch des
Warschauer Pakts und 1991 mit dem Ende der Sowjetunion.

1840 – 1870 „Frühmoderne“ (Osterhammel 2006) und Aufstieg des „liberalen Modells“

1870 – 1945 „Hochmoderne“ (Herbert 2007) und Krise des „liberalen Modells“

1945 – 1990 „Zweite Moderne“ (Beck) und Renaissance des „liberalen Modells“

Der Begriff der Revolution:
„Revolution“ wird definiert als „grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel
(radikalen Wandel) der bestehenden Strukturen in Staat, Wirtschaft und/oder
Gesellschaft in relativ kurzer Zeit“. Revolutionen unterscheiden sich von Evolution
und Reformen in ihrem raschen Ablauf und durch ihre tiefgreifenden Umwälzungen.

Stufenmodell nach Walt W. Rostow:

Stadien des wirtschaftlichen Wachstums

1. Stadium: Die traditionelle Gesellschaft

2. Stadium: Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufstieg

3. Stadium: Die Periode des wirtschaftlichen Aufstiegs

4. Stadium: Entwicklung zum Reifestadium

5. Stadium: Das Zeitalter des Massenkonsums

Kritik am Begriff der Modernisierung:
Neuere Geschichtsansätze (wie Osterhammel und Marks) kritisieren das Stufenmodell von
Rostow und die ursprüngliche Definition der Modernisierung als deterministisch,
teleologisch und ethnozentrisch.

Der Prozess der Modernisierung wird häufig als ein linear und alternativlos auf ein
Endstadium zulaufender Vorgang beschrieben (z.B. „Zeitalter des Massenkonsums“),
wobei alternative Entwicklungsmöglichkeiten nicht in Erwägung gezogen werden.
(deterministisch)

Rostows Ansatz suggeriert, dass der Prozess der Modernisierung zweckorientiert
auf den Massenkonsum zulaufen und an diesem Zweck orientiert sei. (teleologisch)
Historische Prozesse über Jahrhunderte sind allerdings selten zweckorientiert.

Vor allem Osterhammel und Marks kritisieren, dass der Prozess der Modernisierung
einen rein positiven, von Europa aus über die Welt ausgreifenden Prozess meint. Diese
ethnozentrische Sichtweise vergisst, dass die Völker außerhalb Europas durch diesen
Prozess z.T. vernichtet wurden (Ureinwohner Amerikas), ihrer Kultur beraubt wurden
(Völker Lateinamerikas, akephale Gesellschaften Afrikas) und einem Werte- und
Wirtschaftssystem unterworfen wurden, von dem heute vor allem europäische Nationen
und die USA profitieren.

Literatur:
Nina Degele, Christian Dries: Modernisierungstheorie, München 2005.
Marks, Robert B.: Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, Darmstadt 2006.
Osterhammel, Jürgen: Die Ursprünge der modernen Welt: Eine globale Weltgeschichte, München 2009.
Osterhammel, Jürgen: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen – Prozesse – Epoche, München 2003.

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