Um 1800 waren die Vereinigten Staaten ein junger Agrarstaat am Rand der Weltpolitik. Hundert Jahre später waren sie die größte Industrienation der Welt, besaßen Kolonien im Pazifik und in der Karibik und beanspruchten, in ganz Amerika für „Ordnung“ zu sorgen. Mit ihrem Eintritt in den Ersten Weltkrieg 1917 entschieden sie schließlich den Ausgang eines europäischen Krieges mit. Dieser Beitrag untersucht für die Kursstufe, wie und warum die USA um 1900 zur Großmacht aufstiegen.
Die Grundlagen: Raum, Menschen, Industrie
Seit der Unabhängigkeit dehnten sich die USA immer weiter nach Westen aus. Viele Amerikaner glaubten an eine „Manifest Destiny“ – eine offensichtliche, von Gott gegebene Bestimmung, den ganzen Kontinent zu besiedeln und die amerikanische Zivilisation zu verbreiten. Die indigene Bevölkerung wurde dabei verdrängt, in Reservate gezwungen und in vielen Kriegen besiegt. 1890 erklärte die Volkszählungsbehörde, es gebe keine zusammenhängende Siedlungsgrenze (Frontier) mehr. Der Historiker Frederick Jackson Turner deutete dies 1893 als Einschnitt: Die Erfahrung der Grenze habe den amerikanischen Charakter geprägt – nun müsse Amerika neue Betätigungsfelder suchen.
Nach dem Bürgerkrieg (1861–1865) erlebten die USA eine beispiellose Industrialisierung. 1869 wurde die erste transkontinentale Eisenbahn vollendet. Riesige Unternehmen entstanden, etwa der Stahlkonzern von Andrew Carnegie oder die Ölgesellschaft Standard Oil von John D. Rockefeller. Millionen Einwanderer aus Europa kamen ins Land und lieferten die Arbeitskräfte. Um 1900 hatten die USA rund 76 Millionen Einwohner und hatten Großbritannien als größte Industrienation der Welt überholt.
Warum nach außen? Die Motive der Expansion
- Wirtschaftliche Motive: Die Industrie produzierte mehr, als der heimische Markt aufnehmen konnte. Nach der schweren Wirtschaftskrise von 1893 suchten Unternehmer und Politiker neue Absatzmärkte, vor allem in Lateinamerika und in China.
- Strategische Motive: Der Marineoffizier Alfred Thayer Mahan vertrat 1890 in einem einflussreichen Buch die These, dass Weltmacht auf Seemacht beruhe. Dazu brauchte man eine starke Flotte, Kohlestationen und Stützpunkte in Übersee sowie einen Kanal zwischen Atlantik und Pazifik.
- Sendungsbewusstsein: Viele Amerikaner sahen es als ihre Aufgabe, Demokratie, Christentum und „Zivilisation“ zu verbreiten. Dieses Denken war oft mit rassistischen Vorstellungen von der Überlegenheit der Weißen verbunden – ähnlich wie im europäischen Imperialismus.
1898: Der Krieg gegen Spanien
Auf Kuba kämpften Aufständische seit 1895 gegen die spanische Kolonialherrschaft. Amerikanische Zeitungen berichteten reißerisch über spanische Grausamkeiten. Als im Februar 1898 das US-Kriegsschiff „Maine“ im Hafen von Havanna explodierte, machte die Presse Spanien verantwortlich. Im April 1898 begann der Spanisch-Amerikanische Krieg. Nach nur wenigen Monaten war Spanien besiegt.
Im Friedensvertrag erhielten die USA Puerto Rico, Guam und die Philippinen. Kuba wurde formell unabhängig, musste den USA aber ein Recht zum Eingreifen und den Stützpunkt Guantánamo zugestehen. Im selben Jahr annektierten die USA auch Hawaii. Auf den Philippinen, deren Unabhängigkeitsbewegung auf echte Freiheit gehofft hatte, führten die USA von 1899 bis 1902 einen blutigen Krieg gegen die Aufständischen. Damit waren die USA selbst zur Kolonialmacht geworden.
In den USA war dieser Schritt heftig umstritten. Die Anti-Imperialistische Liga, zu der auch der Schriftsteller Mark Twain gehörte, warf der Regierung vor, die Ideale der Unabhängigkeitserklärung zu verraten: Ein Land, das selbst gegen eine Kolonialmacht gekämpft hatte, dürfe keine anderen Völker beherrschen.
Die „Politik der offenen Tür“
In China hatten die europäischen Großmächte und Japan Einflusszonen abgesteckt. Die USA befürchteten, vom chinesischen Markt ausgeschlossen zu werden. Außenminister John Hay forderte deshalb 1899 und 1900 in den Open-Door-Noten, dass alle Staaten in China gleiche Handelschancen haben und die Einheit Chinas erhalten bleiben solle. 1900 beteiligten sich die USA an der internationalen Militärexpedition gegen den Boxeraufstand. Diese Politik zeigt ein typisches Merkmal des amerikanischen Imperialismus: Statt Gebiete direkt zu beherrschen, ging es vor allem um wirtschaftlichen Einfluss und offene Märkte (informeller Imperialismus).
Theodore Roosevelt und der „große Knüppel“
Präsident Theodore Roosevelt (1901–1909) fasste seine Außenpolitik in dem Satz zusammen, man solle leise sprechen und einen großen Knüppel tragen („Big Stick“). Er baute die Flotte massiv aus und schickte sie 1907 bis 1909 als „Große Weiße Flotte“ um die Welt – eine Machtdemonstration.
- Panamakanal: Als Kolumbien den Bau eines Kanals auf seinem Gebiet ablehnte, unterstützten die USA 1903 die Abspaltung Panamas. Der neue Staat überließ den USA eine Kanalzone. 1914 wurde der Kanal eröffnet.
- Roosevelt Corollary (1904): Schon 1823 hatte die Monroe-Doktrin erklärt, die europäischen Mächte sollten sich aus Amerika heraushalten. Roosevelt erweiterte sie nun: Die USA beanspruchten das Recht, in Lateinamerika als „internationale Polizeimacht“ einzugreifen, wenn dort Unordnung herrsche. In den folgenden Jahrzehnten intervenierten die USA immer wieder militärisch in der Karibik und in Mittelamerika.
- Vermittler der Weltpolitik: 1905 vermittelte Roosevelt den Frieden im Russisch-Japanischen Krieg und erhielt dafür den Friedensnobelpreis. Die USA traten damit als Akteur der internationalen Diplomatie auf.
Eine Großmacht eigener Art
Die USA wurden um 1900 zur Großmacht, unterschieden sich aber in wichtigen Punkten von den europäischen Kolonialmächten. Ihr Kolonialbesitz blieb vergleichsweise klein, und die Phase direkter Gebietserwerbungen war kurz. Wichtiger waren wirtschaftliche Durchdringung, Flottenmacht und die Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre. Zugleich blieb die amerikanische Politik von einem Widerspruch geprägt: zwischen dem Anspruch, Freiheit und Selbstbestimmung zu verbreiten, und der Bereitschaft, eigene Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Dieser Widerspruch prägt die Diskussion über die Rolle der USA in der Welt bis heute.
Aufgaben
- Erläutere die wirtschaftlichen, strategischen und ideologischen Motive der amerikanischen Expansion um 1900.
- Erkläre, warum der Spanisch-Amerikanische Krieg von 1898 als Wendepunkt gilt.
- Vergleiche die Monroe-Doktrin von 1823 mit der Roosevelt Corollary von 1904.
- Erörtere, ob die USA um 1900 eine imperialistische Macht wie die europäischen Staaten waren.