Kriterien qualitativ hochwertiger Geschichtswissenschaft – Was macht einen guten Historiker aus?

Geschichtswissenschaft wird heute gerne mit der deutlich abgegrenzten „Geschichtskultur“ verwechselt. In der Geschichtskultur werden tatsächliche Erkenntnisse aus der Vergangenheit zusammen mit Fantasievorstellungen und oft Eigeninteressen von Produzenten oder Autoren zu „Narrativen“ (Erzählungen) verwoben. Narrative übermitteln dabei gezielt bestimmte Werte, Vorstellungen und Emotionen. Häufig ist es die Intention, mit dem so entstandenen Narrativ bestimmte Personen der Geschichte zu glorifizieren, politische Vorhaben als „langentwickelte Tradition“ darzustellen, triviale Unterhaltung zu generieren oder schlichtweg, um Geld zu verdienen.

Davon deutlich abgegrenzt arbeiten Historiker/innen in ihren Untersuchungen an einer möglichst wirklichkeitsgetreuen Rekonstruktion der Vergangenheit.

Arbeit mit Primärquellen

Wie eine zerbrochene Vase kann die Vergangenheit allerdings nie wieder ganz genauso zusammengesetzt werden, wie sie war. Dafür fehlen uns ganz einfach die damals beteiligten Menschen, die uns alle „ihr Teilstück“ darüber erzählen könnten. Zur Rekonstruktion der Geschichte müssen wir daher auf Primärquellen zurückgreifen, also von Zeitzeugen erstellte Quellen.

Dabei unterscheiden wir in „Traditionsquellen“ und „Überreste“. Traditionsquellen sind mit der Absicht überliefert worden, nachfolgende Generationen über die vergangenen Geschehnisse zu informieren oder daran zu erinnern. Von Archäologen geborgene Überreste waren meist Alltagsgegenstände, die uns heute bei der Rekonstruktion helfen, ohne dass dies von deren Erschaffern beabsichtigt war.

Wir greifen auf verschiedene Quellenformen zurück, darunter fallen mündlich überlieferte Quellen (Zeitzeugen erzählen), schriftliche Quellen (Akten, Verträge, Briefe,…), Bildquellen (Bilder, Karikaturen, Mosaike…), Sachquellen (Bauwerke, Statuen, Werkzeuge…) sowie Ton- und Filmquellen (DVDs, Schallplatten, …). Die reine Auswertung von Darstellungen von anderen  Historikern gilt nicht als wissenschaftliche Vorgehensweise.

Objektivität

Historiker/innen sollten in der Lage sein, sich emotional von der untersuchten Sachlage zu distanzieren und ihre persönliche Sichtweise möglichst wenig einbringen. Objektivität ist nicht zu verwechseln mit völliger Neutralität, Historiker/innen dürfen nach erarbeiteter Erkenntnis auch bewerten und historische Urteile fällen. Diese sollten allerdings sachlich und ohne Emotionen geführt werden.

Beispiel: Ein deutscher Historiker könnte den Versailler Vertrag als Deutscher zu negativ bewerten und mögliche positive Folgen des Friedensvertrags (Frieden!) in den Hintergrund rücken lassen.

Multiperspektivität

Historiker/innen müssen jeden historischen Sachverhalt aus möglichst vielen oder allen verfügbaren Perspektiven untersuchen. Dafür ist die Untersuchung aller verfügbaren Quellen notwendig, um die Sichtweisen möglichst vieler Beteiligter zu einer Gesamtsicht zu vereinen.

Beispiel: Caesars Buch „de bello gallico“ ist eine Primärquelle, in der der Feldherr seinen erfolgreichen Feldzug darstellt. Als Quelle alleine wäre der Bericht aber wenig hilfreich, da er das brutale Vorgehen Caesars gegen die Gallier bei Alesia genauso verschweigt wie die Illegalität des ganzen Feldzugs ohne Senatsbeschluss. Es müssen also auch andere Quellen herangezogen werden und nicht nur Caesars Perspektive beleuchtet werden.

Multikausalität

Jedes historische Ereignis hatte nicht nur eine zentrale Ursache, sondern erfolgte aus einer hohen Anzahl von persönlichen Entscheidungen, Kausalketten, Zufällen, Folgen verschiedener Interessen und vor allem auf Grundlage einer langfristigen Vorgeschichte.

Beispiel: Die Machtübernahme der Nationalsozialisten erklärt sich nicht allein durch die Ernennung Hitlers zum Reichkanzler durch Reichspräsident Hindenburg. Diesem Schritt ist eine Vielzahl von Ereignissen vorausgegangen, die es in die Untersuchung der Gründe für Aufstieg des NS zu untersuchen gilt.

Quellenkritik

Quellen sind kodierte Texte, deren Inhalt erschlossen werden muss. So sagen die Autoren der Quellen aus der Vergangenheit nicht immer die Wahrheit, sie vertreten bestimmte eigene Interessen oder lügen teilweise ganz gezielt. Zeitzeugen können auch durch den Mangel an Informationen oder durch die Täuschung durch Mitmenschen falsche Informationen wiedergeben. Manche Quellen sind allerdings auch gefälscht, also nicht aus der vorgegebenen Zeit oder von dem vorgegebenen Autor.

Beispiel: 1983 veröffentlichte das deutsche Magazin Stern die von Konrad Kujau gefälschten angeblichen Tagebücher Adolf Hitlers. Die Tagebücher stellten sich später als Fälschung heraus, Hitler hatte nie Tagebuch geschrieben. Die Journalisten hatten die nötige quellenkritische Überprüfung aus Sensationsgier nicht vorgenommen, wodurch das Magazin großen Schaden nahm.

Terminologie und Fachsprache

Jede Wissenschaft etabliert eine spezielle Fachsprache, um mit gezielt ausgewählten Begriffen ganz bestimmte Vorgänge und Sachverhalte zu beschreiben. Der Wortschatz an diesen Fachbegriffen wird Terminologie genannt. Um in der Geschichtswissenschaft Sachverhalte zu erarbeiten, zu überprüfen, zu diskutieren oder zu bewerten, müssen die Beteiligten die gleiche Sprache sprechen. Fachsprache kann gelernt werden wie eine Fremdsprache. Sie eröffnet genauso viele Möglichkeiten, wie eine erlernte Fremdsprache und wird mit steigender Erfahrung immer besser einsetzbar sein.

Recherchefähigkeit

Historiker/innen müssen in der Lage sein, mit großer Ausdauer und Sorgfalt nach Quellen und Überresten in Archiven, Bibliotheken und an Originalschauplätzen zu suchen. Dabei sind Fremdsprachenkenntnisse unter anderem von großer Bedeutung, da nur die Kenntnis verschiedener Fremdsprachen Zugang zu den Inhalten verschiedener Quellen und Zeitzeugenperspektiven erlaubt.

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