„Am Anfang war Napoleon.“ Mit diesem Satz beginnt der Historiker Thomas Nipperdey seine berühmte Darstellung der deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert. Er wollte damit zeigen, wie tief der französische Kaiser Deutschland und Europa verändert hat – obwohl seine Herrschaft nur rund fünfzehn Jahre dauerte und mit einer Niederlage endete. Welche Folgen hatte die Herrschaft Napoleons, und welche davon überdauerten seinen Sturz?
Vom General zum Kaiser
Napoleon Bonaparte, 1769 auf Korsika geboren, machte in den Kriegen der Französischen Revolution eine steile Karriere. 1799 riss er als Erster Konsul die Macht an sich, 1804 krönte er sich zum Kaiser der Franzosen. In einer Reihe von Kriegen besiegte er die europäischen Großmächte und beherrschte um 1810 große Teile des Kontinents – entweder direkt, durch Verwandte auf fremden Thronen oder durch abhängige Verbündete.
Der Code civil: ein modernes Recht
Zu Napoleons folgenreichsten Werken gehört das Zivilgesetzbuch von 1804, der Code civil (später auch Code Napoléon genannt). Er schrieb wichtige Errungenschaften der Revolution fest: die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, den Schutz des Eigentums, die Freiheit der Berufswahl und die Zivilehe, die vor dem Standesamt und nicht mehr nur in der Kirche geschlossen wurde. Die Vorrechte des Adels waren damit endgültig beseitigt. In anderen Bereichen war der Code civil dagegen konservativ: Die Ehefrau war ihrem Mann rechtlich untergeordnet.
Napoleon führte das Gesetzbuch in vielen eroberten und verbündeten Gebieten ein. Baden übernahm es 1810 in angepasster Form als Badisches Landrecht, im linksrheinischen Deutschland galt es sogar bis 1900. Auch in Italien, den Niederlanden, Belgien und später in vielen Staaten Lateinamerikas wurde es zum Vorbild.
Die Neuordnung Deutschlands
Am stärksten veränderte Napoleon die politische Landkarte Deutschlands. Das Heilige Römische Reich bestand um 1800 noch aus Hunderten Herrschaften: Fürstentümern, Bistümern, Reichsstädten und Reichsritterschaften. Nach dem Krieg gegen Frankreich musste das Reich die Gebiete links des Rheins abtreten. Die betroffenen Fürsten sollten rechts des Rheins entschädigt werden.
- Reichsdeputationshauptschluss (25. Februar 1803): Fast alle geistlichen Fürstentümer wurden aufgelöst und weltlichen Staaten zugeschlagen (Säkularisation). Auch die meisten Reichsstädte verloren ihre Selbstständigkeit (Mediatisierung). Klöster wurden aufgehoben, ihre Besitzungen und Kunstschätze gingen an den Staat.
- Die großen Gewinner im Süden: Baden, Württemberg und Bayern vergrößerten sich erheblich. Württemberg wurde 1806 zum Königreich, Baden zum Großherzogtum. Aus diesen Staaten entstand später – zusammen mit Hohenzollern – das heutige Baden-Württemberg.
- Rheinbund (1806): Sechzehn süd- und westdeutsche Staaten schlossen sich unter französischem Schutz zum Rheinbund zusammen und traten aus dem Reich aus. Sie mussten Napoleon Soldaten für seine Kriege stellen.
- Ende des Alten Reiches (6. August 1806): Kaiser Franz II. legte die Kaiserkrone nieder. Nach rund tausend Jahren bestand das Heilige Römische Reich nicht mehr.
Reformen: Modernisierung von oben
Die neuen, vergrößerten Staaten mussten Gebiete mit unterschiedlichen Traditionen, Konfessionen und Rechten zu einem Ganzen verschmelzen. In den Rheinbundstaaten wurden deshalb nach französischem Vorbild einheitliche Verwaltungen aufgebaut, Vorrechte des Adels eingeschränkt und Juden teilweise mehr Rechte zugestanden.
Auch der Gegner Preußen reformierte sich. Nach der vernichtenden Niederlage bei Jena und Auerstedt 1806 verlor es im Frieden von Tilsit 1807 etwa die Hälfte seines Gebietes. Reformer wie der Freiherr vom Stein und Karl August von Hardenberg erkannten, dass Preußen sich modernisieren musste, um zu überleben. Die preußischen Reformen brachten unter anderem die Bauernbefreiung (1807), die Selbstverwaltung der Städte (1808), die Gewerbefreiheit (1810), die rechtliche Gleichstellung der Juden (1812), eine Bildungsreform unter Wilhelm von Humboldt und eine Heeresreform. Historiker sprechen von einer „Revolution von oben“: Der Staat übernahm Ideen der Französischen Revolution, um eine Revolution von unten zu verhindern.
Unterdrückung und Widerstand
Napoleons Herrschaft brachte nicht nur Reformen, sondern auch schwere Lasten: Steuern, Einquartierungen, Zensur und vor allem Kriege, in denen Hunderttausende Soldaten aus ganz Europa starben. Mit der Kontinentalsperre (1806) verbot Napoleon den Handel mit Großbritannien, was vielen Kaufleuten schadete. In Spanien leistete die Bevölkerung ab 1808 erbitterten Widerstand in einem Kleinkrieg, der den Namen Guerilla prägte.
Den Wendepunkt brachte der Russlandfeldzug 1812. Von der gewaltigen „Grande Armée“ mit über einer halben Million Soldaten – darunter viele aus den Rheinbundstaaten – kehrte nur ein kleiner Teil zurück. In den Befreiungskriegen 1813 erhoben sich Preußen, Russland, Österreich und bald auch die Rheinbundstaaten gegen Napoleon. In der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 wurde er entscheidend geschlagen. Nach einer kurzen Rückkehr aus der Verbannung auf Elba unterlag er 1815 endgültig bei Waterloo.
Die Geburt des Nationalismus
Eine der wichtigsten, von Napoleon ungewollten Folgen war der Aufstieg des Nationalismus. Die Erfahrung der Fremdherrschaft weckte bei vielen Menschen ein neues Gemeinschaftsgefühl. In Deutschland riefen Schriftsteller und Gelehrte wie Johann Gottlieb Fichte, Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahn zur nationalen Erhebung auf. Die Idee, dass alle Deutschen in einem gemeinsamen Staat leben sollten, prägte das ganze 19. Jahrhundert – bis zur Reichsgründung 1871. Der deutsche Nationalismus war dabei von Anfang an auch gegen Frankreich gerichtet.
Was blieb nach 1815?
Auf dem Wiener Kongress 1814/15 ordneten die Siegermächte Europa neu. Ihr Ziel war die Restauration, die Wiederherstellung der alten monarchischen Ordnung. Doch vieles ließ sich nicht rückgängig machen: Das Heilige Römische Reich wurde nicht wiederhergestellt, an seine Stelle trat der lockere Deutsche Bund aus 39 Staaten. Die geistlichen Fürstentümer kehrten nicht zurück, und die Gewinner der Neuordnung wie Baden und Württemberg behielten ihre Gebiete. Viele Reformen und der Code civil blieben in Kraft. Die Ideen von Gleichheit vor dem Gesetz und nationaler Einheit ließen sich nicht mehr unterdrücken.
Aufgaben
- Erkläre die Begriffe Säkularisation und Mediatisierung.
- Stelle die Veränderungen der politischen Landkarte Südwestdeutschlands zwischen 1803 und 1806 dar.
- Erläutere, warum man die preußischen Reformen als „Revolution von oben“ bezeichnet.
- Beurteile: War Napoleon für Deutschland eher Befreier oder Unterdrücker?