Seminarkurs: Die Geschichte Afrikas – Afrika in der Kolonialzeit (1800-1884)

Die europäischen Nationen fanden bei ihren ersten Expeditionen auf dem afrikanischen Kontinent einen tatsächlich völlig andersartigen Kontinent vor. Neben der wild erscheinenden Vegetation, der weitgehend unbekannten Tierwelt und dem teilweise tropischen Klima begegneten ihnen afrikanische Gesellschaften, die ihre Vorstellungen von europäischen Staaten nicht entsprachen. Afrikaner lebten teilweise in segmentären Gesellschaften, die keine Staatsgrenzen kannten und nicht nach für Europäern greifbaren Regeln und Gebräuchen funktionierten. So war der Privatbesitz, besonders von Land, unbekannt, jeder beackerte gerade verfügbaren Boden. Sobald diese Bearbeitung endete, konnte der Boden von einem anderen Mitglied der Gesellschaft bestellt werden. Das Rechtssystem baute sich auf dem Prinzip des Ausgleichs und der Kompensation von Schaden auf. Die Gesellschaft war nach Altersklassen geordnet, deren Übergänge stark ritualisiert waren. Die Tradition des „Ubuntu“ war auf einen Ausgleich der verschiedenen Interessen und eine stabile Harmonie innerhalb der Gemeinschaft ausgelegt.

Darüber hinaus hatten sich auch Machtzentren gebildet, wie die Reiche Mali, Ghana oder Songhay, die umliegende Gemeinschaften unterwarfen und zu Tributen verpflichteten. In diesen Zentren verdichteter Herrschaft entstanden kulturelle Errungenschaften und es wurde reger Handel getrieben.
Schon der erste Einfluss der Europäer begann diese Systeme zu bedrohen. Sklavenhandel war in den afrikanischen Gesellschaften seit langer Zeit bekannt. Unterworfene Gemeinschaften wurden häufig versklavt, diese Unfreien waren aber in der beherrschenden Gemeinschaft durchaus in das gemeinschaftliche Zusammenleben eingebunden. Europäische Händler erwarben an den afrikanischen Küsten ab dem 16. Jahrhundert allerdings nun massenhaft Sklaven, um den Bedarf der amerikanischen Plantagen nach Arbeitskräften zu decken, nachdem die dortige Indio-Bevölkerung durch Krankheiten und Zwangsarbeit zu stark dezimiert worden war.

Viele der an den Küsten lebenden Gesellschaften stellten sich auf diese Nachfrage ein und spezialisierten sich auf den Menschenraub im Inneren des Kontinents. Die gegen die Sklaven eingetauschten europäischen Waren, unter anderem Schusswaffen und Werkzeuge, sicherten diesen Gruppierungen und einzelnen Herrschern große Machtfülle. Ihr gewaltsames Vorgehen und ihre militärische Überlegenheit ermöglichte ihnen das Vordringen ins Innere des Kontinents, wobei viele Reiche und segmentäre Gesellschaften zerstört wurden. Familien und Klans wurden auseinandergerissen, religiöse Kulte und Sprachen gerieten in Vergessenheit und die junge und produktive Bevölkerung wurde zunehmend aus dem Kontinent entführt. Die zunehmende Verunsicherung führte zu einem wachsenden Einfluss des seit dem 7. Jahrhundert in Afrika existierenden Islam, den viele Afrikaner als ordnende Hand im entstehenden Chaos willkommen hießen.

Berichte von weitreichenden Ressourcenvorkommen weckten im beginnenden 19. Jahrhundert schließlich ein wachsendes Interesse der europäischen Nationen am afrikanischen Kontinent. Gleichzeitig setzte sich durch die Französische Revolution und die Überzeugungen der Aufklärung die Abkehr vom Sklavenhandel durch. Portugiesische, englische und vor allem französische Händler errichteten Handelsniederlassungen an der Küste, um dort die Reichtümer Afrikas mit den nun entstandenen autoritären Herrschaftsgesellschaften zu tauschen. Neue Exportwaren stellten Palmprodukte, Öl, Kerne, Häute, Felle, Kautschuk und Metalle dar. Europäische Handelsgesellschaften betrieben diesen lukrativen Handel an den Küsten und waren daran interessiert, mit zentral beherrschten Gesellschaften zu handeln. Mit autoritär herrschenden Fürsten konnte man schneller und gewinnbringender ins Geschäft kommen, als mit segmentären Gesellschaften. So förderten europäische Händler durch ihren Handel mit autoritären Herrschern die Herausbildung von gewaltsam herrschenden Fürsten, die ihre Macht auf den Handel mit ihnen stützten. Es wurden zweifelhafte Verträge mit einheimischen Fürsten geschlossen, bei denen Land, Ressourcen und Waren zu ungleichen und für die Afrikaner sehr ungünstigen Konditionen in europäische Hände gelangten.

Die afrikanischen Gesellschaften wandelten sich dadurch auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Spezialisierung auf Produkte wurde aufgrund der Nachfrage der europäischen Händler verändert und intensiviert. Selbst in Zentralafrika wurde nun durch manche Gesellschaften intensive Jagd auf Wildtiere betrieben, auch mit europäischen Schusswaffen, da die extreme Nachfrage der europäischen Händler nach Elfenbein ein lukratives Geschäft versprach. Die Konzentration auf Produkte wie Kautschuk oder Palmprodukte verstärkte die Abhängigkeit der Afrikaner von Weltnachfrage und Weltmarktpreisen. Zwar profitierten die afrikanischen Gesellschaften vom Handel durch steigenden Profit und den Erhalt europäischer Eisen- und Luxuswaren. Allerdings zerstörte der Handel auch die althergebrachten Generationsverhältnisse. Es entstanden blutige Kriege um Ressourcen und Handelsrouten.

An einer Eroberung des Landes waren die Händler noch nicht interessiert, weil die europäischen Staaten dann durch ihren Einfluss den Handlungsspielraum der Händler eingeengt hätten. Nur wenn die Handelsniederlassungen angegriffen wurden oder die Handelspartner nicht nach dem Willen der Europäer kooperierten, wurde das Militär zur Hilfe gerufen. 1874 griffen die Briten z.B. die Ashanti-Residenz Kumasi an, besiegten die Asanthene und sicherten sich durch einen Friedensvertrag den privilegierten Zugang zum Küstenhandel. Weitere gewaltsame Öffnungen afrikanischer Gesellschaften zum Küstenhandel wurden durch alle europäischen Nationen unternommen, die am Küstenhandel beteiligt waren. Hauptsächlich wurden allerdings gezielt afrikanische Bündnispartner gesucht, die durch den privilegierten Handel massiv gestärkt wurden und für die europäischen Händler die Beschaffung der gewünschten Waren organisierten. War dies nicht möglich, wurden afrikanische Kräfte gezielt gegeneinander ausgespielt und aufgehetzt, um diese dann beherrschen zu können.

Im 19. Jahrhundert kam neben dem wirtschaftlichen Interesse noch der Missionsgedanke hinzu. Europäische Reisende hatten ein Bild von Afrika nach Hause vermittelt, das die Afrikaner als unzivilisierte Wilde darstellte, die sich gegenseitig bekriegten und in ständigem Chaos lebten. Ihre Kulte und Rituale wurden als Barbarismus verklärt, ihre ausdifferenzierte Kultur als wertlos deklariert. Der christliche Missionsgedanke forderte die Verbreitung der kulturell und religiös angeblich hochentwickelteren Religion auf dem Kontinent. Dies sollte aber auch zur besseren Kontrolle der afrikanischen Gesellschaften und ihrer Waren erfolgen. In mancher Hinsicht bereiteten die Missionen der Kolonisatoren den Boden in Afrika, denn ihr Vordringen und der Aufbau von Kirchen und Gemeinden brachte den Bedarf nach militärischem Schutz dieser christlichen Missionen.

In der Regel ging es bis 1880 aber noch nicht um förmlichen Gebietserwerb der europäischen Nationen im Binnenland. Territorialkolonien schienen aus personellen, infrastrukturellen, strategischen und gesundheitlichen Gründen jenseits realistischer Erwägungen. Doch an den Küstenstationen entwickelten sich erste Pläne, getrieben durch die Europäer vor Ort, die ihren Machtbereich durch Annexionen und Landerwerb ausbauten und dadurch Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung provozierten. Die dann intervenierenden Truppen lösten teilweise Kettenreaktionen aus, die eine stärkere militärische und staatliche Präsenz europäischer Nationen nach sich zog.

Französische Interventionen führten in der Elfenbeinküste, dem Benin, dem Senegal, Französisch-Kongo, auf Madagaskar und den Komoren zu starkem französischem Einfluss und Truppenpräsenz. Britische Truppen hatten bereits 1806 die Kapkolonie der Niederländer besetzt, um den wachsenden französischen Einfluss in Afrika einzuschränken. Weitere Machtpositionen besaßen die Briten in Gambia, Eritrea, Nigeria, Ghana und Kenia. In Sierra Leone wurde ein Gebiet für die Rückkehr ehemaliger afrikanischer Sklaven aus den britischen Kolonien ausgewiesen, das unter britischer Kontrolle stand. Portugal konnte seinen früheren Einfluss in Afrika nicht erhalten, besaß aber trotzdem bedeutenden Einfluss und reiche Handelsposten in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau. Deutsche Händler und Missionare hatten sich im heutigen Namibia, Kamerun, Tansania, Ruanda, Burundi und Togo niedergelassen und wurden vom preußischen Staat und ab 1871 vom deutschen Reich geschützt. Neben kleineren italienischen und spanischen Handelsposten besaßen auch arabische und osmanische Händler teilweise bedeutsame Niederlassungen im subsaharischen Afrika.

Am Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Bereitschaft zur Expansion bei den europäischen Nationen. Die Gebiete verhießen erstens Absatzmärkte für die eigenen Produkte, zweitens galten die Gebiete als Auffangbecken für die eigene wachsende Bevölkerung, drittens unterstrich die Expansion die Auserwähltheit der eigenen Nation, viertens zeigte Besitz in Afrika Prestige im Konkurrenzkampf mit anderen europäischen Nationen und fünftens konnte man durch dieses gemeinsame Ziel die Arbeiter der Nation vereinen und den wachsenden Sozialismus und die Arbeiterbewegung bekämpfen. Die wachsende Expansion ließ den Ruf nach einem geordneten europäischen Vorgehen wachsen, dem Reichskanzler Bismarck 1884 mit der Westafrika-Konferenz („Kongo-Konferenz“) nachkam. Sie löste den Wettlauf der europäischen Nationen um die Eroberung möglichst vieler Gebiete in Afrika aus.

Literatur:
Ansprenger, Franz: Geschichte Afrikas, München 2002.
Asserate, Asfa-Wossen: Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten, Berlin 2018.
Marks, Robert B.: Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, Darmstadt 2006.
Sonderegger, Arno: Kurze Geschichte des Alten Afrikas: Von den Anfängen bis 1600, Berlin 2017.
Speitkamp, Winfried: Kleine Geschichte Afrikas, Stuttgart 2009.

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