KS1: Auf der Suche nach Orientierung – Vom Kaiserreich zur Republik

Auf der Suche nach Orientierung – Vom Kaiserreich zur Republik

Deutschlands Situation nach 1918:

– die Monarchie als uralte Gesellschaftsform und Regierungsform in Deutschland war gescheitert
– 4 Millionen Verwundete, viele Invaliden (z.B. Kriegszitterer) kehrten als Pflegefälle zurück
– 1,8 Millionen Soldaten waren gefallen
– Mangelernährung, Orientierungslosigkeit in ganz Deutschland
– Deutschland durch den Krieg hoch verschuldet
– Lebensmittel, Rohstoffe, Heizmaterial waren knapp
– viele Kinder waren krank oder starben an Unterernährung
– Dez. 1918 131.000 Arbeitslose, Jan. 1918 waren es noch 62.000
– Wirtschaft war noch vollkommen auf Rüstung und nicht auf Friedensindustrie eingestellt

Ursachen der Revolution von 1918: (nach Wolfram Pyta/ aus:Berg, Rudolf, u.a.: Kursbuch Geschichte 1. Oberstufe Baden-Württemberg, Berlin 2009)

– Friedenssehnsucht der deutschen Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg
– von der Flotte geforderter sinnloser Opfergang gegen die Themsemündung brachte die Matrosen zum Aufruhr
– immer größere Bevölkerungskreise sahen in Wilhelm II. das Haupthindernis für einen schnellen Friedensschluss
– Unmut über die durch den Krieg herbeigeführten sozialen Unterschiede
– kriegsbedingte Mangelwirtschaft (spez. Nahrungsmittel und Konsumgüter)
– latenter Wille zur politischen Umgestaltung in großen Teilen der Bevölkerung
– Industriearbeiter und kriegsmüde Soldaten sahen Ende 1918 den perfekten Zeitpunkt für einen Umsturz nach ihrem Sinn gekommen

=> Pyta charakterisiert die Revolution von 1918 nicht als geplanten Umsturz gegen die Monarchie, sondern als „spontane Bewegung der kriegsmüden Massen“.

Das alte System sollte nun durch ein neues politisches System abgelöst werden. Kurz nach der erzwungenen Kaiserabdankung boten sich den Deutschen zwei Republikmodelle als Alternativen für die Zukunft Deutschlands an. Mit der jeweiligen Ausrufung der Republik durch Scheidemann und Liebknecht positionierten sich die beiden Modelle und ihre Anhänger für einen Konkurrenzkampf um die Macht und die Gunst der Menschen.

Deutschland zwischen zwei Republikmodellen – Die doppelte Republikausrufung am 9. November 1918
Zwei mögliche Wege aus der Orientierungslosigkeit

Politische Option 1:

„Es lebe die Republik“
Philipp Scheidemann ruft die Republik aus

„Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die deutsche Republik! Der Abgeordnete Ebert ist zum Reichskanzler ausgerufen worden. Ebert ist damit beauftragt, eine neue Regierung zusammenzustellen. Dieser Regierung werden alle sozialistischen Parteien angehören. Jetzt besteht unsere Aufgabe darin, diesen glänzenden Sieg, diesen vollen Sieg des deutschen Volkes nicht beschmutzen zu lassen, und deshalb bitte ich Sie, sorgen Sie dafür, dass keine Störung der Sicherheit eintrete. Nichts darf existieren, was man uns später wird vorwerfen können! Ruhe, Ordnung und Sicherheit, das ist das, was wir jetzt brauchen. (…) Sorgen Sie dafür, dass die neue deutsche Republik, die wir errichtet werden, nicht durch irgend etwas gefährdet werde. Es lebe die deutsche Republik!“
Zit. nach: G.A.Ritter/S.Miller (Hg): Die Deutsche Revolution 1918-1919. Dokumente, Frankfurt a. M. 1983, S. 77f.

Politische Option 2:

„Ich proklamiere die freie sozialistische Republik“
Karl Liebknecht ruft die Republik aus

„Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen, das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloss jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. (…) Parteigenossen, ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll, in der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. (…)
Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens, des Glücks und der Freiheit unserer deutschen Brüder und unserer Brüder in der ganzen Welt. Wir reichen ihnen die Hände und rufen sie zur Vollendung der Weltrevolution auf.“
Zit. nach: Ebenda, S. 78f.

Arbeitsauftrag: Scheidemann und Liebknecht wollen beide die Republik verwirklichen. Vergleiche die Republikvorstellungen hinsichtlich ihrer Zielsetzung, ihrer Machtverteilung und ihrer Verwirklichung.

Scheidemanns Republikmodell:

Zielsetzung:
Sieg über die Monarchie muss gesichert werden
Herstellung von Ruhe, Ordnung und Sicherheit
Sicherung der Republik gegen Fehler und Gegenrevolution

Machtverteilung:
sozialistisches Parteien als Träger des Systems
Arbeiter sollen bestimmende Bevölkerungsgruppe

Verwirklichung:
Ebert baut Kabinett auf
Wahlen sollen die Regierung legitimieren

Liebknechts Republikmodell:
Zielsetzung:
neue staatliche Ordnung
Glück, Frieden und Freiheit
Weltrevolution: Arbeiter aller Länder sollen sich vereinen

Machtverteilung:
die Arbeiter üben direkt die Macht aus
Arbeiterräte bestimmen die Politik

Verwirklichung:
Fortsetzung der Revolution und Übernahme der Macht durch die Räte
Weltrevolution => internationaler Kommunismus


Entscheidungen ab 1918:

– Wahl zur Nationalversammlung (19. Januar 1919) => „Weimarer Koalition“ aus SPD, DDP und Zentrumspartei geschlossen

– Ebert (SPD) wurde Reichspräsident

– Weimarer Verfassung wurde durch die Nationalversammlung verabschiedet (31. Juli 1919)

– Arbeiter- und Soldatenräte lösten sich zu großen Teilen auf, da nicht mehr für Ordnungssicherung nötig, Kommunisten waren für die Beibehaltung der Räte und die Übertragung der Macht auf die Räte

– Liebknecht und Luxemburg getötet (15. Januar 1919)

=> Parlamentarische Republik (Demokratie) setzte sich gegen die kommunistische Option (komm. Räterepublik) durch

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