Die „Türkenfurcht“ der Europäer nach 1453

Nicht nur die europäischen Herrscher waren geschockt, als das Zentrum des byzantinischen Reichs, Konstantinopel, das „Rom des Ostens“ durch den Angriff der Osmanen unter Mehmet II. 1453 fiel.

Der vertiefende Artikel zu diesem Thema auf diesem Weblog:
https://histopro.wordpress.com/2013/02/25/der-fall-von-konstantinopel-1453/

Es muss auch in der Bevölkerung der europäischen Länder eine „Türkenfurcht“ gegeben haben, die von den Herrschern durch regelrechte Kriegspropaganda natürlich geschürt wurde.

Ein Beispiel aus dem Volkslied „Türkenschrei“ von 1453:
„Constantinopel du edle stat, we dem, der dich verraten hat!
Von großerm jamer gehort ich nie! Du reust mich ser, das
clag ich hie, das laßt dich, got, erparmen!
Der kaiser schreibt dem fursten zuo: „ach edlen herren, ratet
nuo und helft der edlen kristenhait, dass sie nit kum in jamer und laid,
die Türken welln sich meren!“
Auch hat man mir fürwar gesait, ain Türk der sei lang und
prait und hat ein pös grausam gestalt; man hat in eben
abgemalt und hats den babst gesendet.
Da mit will uns all erschrecken, ach kristenhait, lass dich
erwecken, gedenk an David, der was klain, er warf Goliath zuo
dem Helm ein, der ward von im geschendet.
Ir edlen fursten all gleich, ich ruof euch gar diemuotigleich,
lasst euch das laid zuo herzen gan, das uns die Türken haben
getan, der kristenhait ze laide.
(Zitiert nach: Senol Özyurt: Die Türkenlieder und das Türkenbild
in der deutschen Volksüberlieferung vom 16. bis 20. Jahrhundert,
München 1972, S. 148f.)

Beispiele sind auch die vielen Holzschnitte in denen im 15. Jhd. die Eroberung Konstantinopels in drastischen Bildern gezeigt wird.

Papst Pius II. rief aktiv für „die Europäer“ zu gemeinsamen Handeln auf. Man sei „im eigenen Haus“ geschlagen worden und müsse sich nun gegenseitig unterstützen:
http://www.europa.clio-online.de/sit…5/default.aspx (letzter Aufruf 25.02.2013)
Enea Silvio Piccolomini über Europa und die Türken. Auszüge aus Asia, De Europa, Constantinopolitana clades, Epistula ad Mahometem, 1454-1461. In: Themenportal Europäische Geschichte (2006)

Dieser Apell zum gemeinsamen Handeln verhallte in Europa natürlich weitgehend ungehört, genau wie dies schon bei den Aufrufen Friedrichs II. gegen die Mongolen im 13. Jahrhundert geschehen war.

Luther predigte dann, wie viele katholische Priester, im 16. Jahrhundert gegen „den Türk“ als den Antichristen.
Weitere Beispiele, auch aus der Malerei, findet man in diesem guten Artikel:
http://www.tuerkenbeute.de/kun/kun_eur/TuerkenbildKunstEur_de.php (letzter Aufruf 27.02.2013)

Auf der sogenannten „Völkertafel“ aus der Steiermark werden den Türken, im Gegensatz zu den „Welschen“, „Teutschen“ und „Spaniern“ (und anderen Völkergruppen) die übelsten Eigenschaften zugeteilt:
http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkertafel_%28Steiermark%29 (letzter Aufruf 27.02.2013)

Der Übersichtlichkeit halber belasse ich es bei dieser Auflistung.
Dass diese Türkenfurcht tatsächlich zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen die Türken geführt hätte, lässt sich aber, wie die obigen Autoren bereits gezeigt haben, wohl nicht schließen.

Es ist aber hochinteressant, dass es in der Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei Autoren gibt, die noch immer auf das alte Feindbild und die Türkenfurcht bezug nehmen, vor allem wenn sie den Begriff „Türken vor Brüssel“ nutzen. Was haltet Ihr von der Frage, ob hier Überreste des alten Feindbildschemas übrig geblieben sind?

Die Türken vor Brüssel – Nachrichten DIE WELT – DIE WELT (letzter Aufruf 27.02.2013)

Die „Türkenfurcht“ wurde durch das weitere Vorrücken der Osmanen auf dem Balkan im 16.-17. Jahrhundert natürlich weiter vergrößert, von europäisch-christlicher Seite auch weiterhin geschürt. Mit der Schlacht um Wien 1683 erreichte sie ihren Höhepunkt. Als es den Habsburgern in der Folgezeit gelang, die Osmanen zurückzudrängen, blieb das alte Feindbild bestehen, auch wenn es mittlerweile seine Schlagkraft verloren hatte.
Viele der türkischen Bräuche hatten sich nämlich mittlerweile auch in Mitteleuropa eingebürgert, beispielsweise die Kaffeekultur im habsburgerischen Österreich. Auch die Legenden von „Tausend und einer Nacht“ ließen in Europa einen gewissen Orientalismus verbreiten.

Hier ein Überblick einer Münchner Ausstellung aus dem Jahre 2011, der einen gewissen Überblick über die orientalistische Kunst der damaligen Zeit gibt:
http://www.hypo-kunsthalle.de/newweb/orientalismus.html (letzter Aufruf 27.10.2013)

Die „Türkenfurcht“ hatte sich in Europa also spätestens mit dem Entsatz von Wien 1683 zu einer positiveren Auseinandersetzung verwandelt, die oft in eine Verklärung gesteigert wurde. In Frankreich war man schon vor der Schlacht von Wien dazu bereit ein Bündnis gegen das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu bilden, wobei beide Reiche von der Zusammenarbeit auch kulturell profitierten.

Vor allem das 19. Jahrhundert war lange vom verklärenden Orientalismus geprägt. In Deutschland wurde dieser sogar zu politischer Staatdoktrin, indem Kaiser Wilhelm II. ab 1898 mit Staatsbesuchen und Geschenken ein deutsch-osmanisches Bündnis zu knüpfen begann, das das Schicksal beider Reiche im Ersten Weltkrieg verbinden sollte.

Zur Palästina-Reise Wilhelms II. 1898:
http://www.wilhelm-der-zweite.de/dokumente/osman1898.php (letzter Aufruf 27.10.2013)

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