Als Martin Luther 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte, sprach er vielen Menschen aus der Seele. Unzufriedenheit mit der Kirche gab es schon lange: über reiche Bischöfe und ungebildete Priester, über Päpste, die wie weltliche Fürsten lebten, und über das Geschäft mit dem Seelenheil. Warum aber führte gerade Luthers Kritik zu einer Kirchenspaltung, während frühere Kritiker scheiterten? Um das zu verstehen, lohnt ein genauer Blick auf die Kirche um 1500 und auf ihre Kritiker.
Eine fromme Zeit
Zunächst eine wichtige Feststellung: Die Menschen um 1500 wandten sich nicht vom Glauben ab – im Gegenteil. Die Frömmigkeit war sehr groß. Viele Menschen unternahmen Wallfahrten, stifteten Messen für ihr Seelenheil, verehrten Reliquien und traten Bruderschaften bei. Kurfürst Friedrich der Weise, Luthers Landesherr, besaß eine Sammlung von vielen Tausend Reliquien. Gerade weil der Glaube für die Menschen so wichtig war, wogen die Missstände in der Kirche so schwer.
Die Missstände
Ein beschädigtes Papsttum
Das Ansehen der Päpste hatte im Spätmittelalter schwer gelitten. Von 1309 bis 1377 residierten sie in Avignon unter dem Einfluss des französischen Königs. Danach kam es zum Großen Abendländischen Schisma (1378–1417): Zeitweise gab es zwei, schließlich sogar drei Päpste, die sich gegenseitig verfluchten. Erst das Konzil von Konstanz (1414–1418) beendete die Spaltung. Die Päpste der Renaissance wie Alexander VI. aus der Familie Borgia, Julius II. und Leo X. traten dann vor allem als Kunstförderer, Kriegsherren und Politiker auf. Viele Zeitgenossen empfanden ihre Hofhaltung als verschwenderisch und unchristlich.
Geld und Ämter
- Simonie: Kirchliche Ämter wurden gegen Geld vergeben, obwohl das eigentlich verboten war.
- Ämterhäufung: Manche Geistliche besaßen mehrere gut bezahlte Kirchenämter (Pfründen) gleichzeitig, kümmerten sich aber um keines selbst.
- Abgaben nach Rom: Für Ernennungen, Genehmigungen und Gerichtsverfahren flossen hohe Summen an die päpstliche Kurie.
Ein berühmtes Beispiel ist Albrecht von Brandenburg. Er war bereits Erzbischof von Magdeburg und Verwalter des Bistums Halberstadt, als er 1514 auch noch Erzbischof von Mainz werden wollte. Dafür musste er in Rom eine sehr hohe Gebühr zahlen, die er sich beim Augsburger Bankhaus der Fugger lieh. Um das Geld zurückzahlen zu können, erlaubte ihm der Papst, in seinen Gebieten den Ablass für den Neubau des Petersdoms zu verkaufen – die Hälfte der Einnahmen durfte Albrecht behalten.
Der Ablass
Nach der Lehre der Kirche wurden Sünden durch Reue und Beichte vergeben, doch es blieben zeitliche Strafen, die man im Leben oder nach dem Tod im Fegefeuer abbüßen musste. Ein Ablass sollte diese Strafen verkürzen oder erlassen. Ursprünglich war er an gute Werke wie Gebete, Pilgerfahrten oder Spenden gebunden. Im Spätmittelalter wurde er aber zunehmend gegen Geld verkauft, auch für bereits Verstorbene. Der Ablassprediger Johann Tetzel warb dafür so geschäftstüchtig, dass ihm der Spruch zugeschrieben wurde: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ Viele Menschen hatten den Eindruck, das Seelenheil werde zur käuflichen Ware.
Der Klerus vor Ort
Viele einfache Priester auf dem Land waren schlecht ausgebildet und verstanden die lateinischen Gebete, die sie sprachen, oft selbst kaum. Trotz des Verbots lebten manche Priester mit Frauen zusammen. Bischöfe stammten meist aus dem Hochadel und verhielten sich eher wie Fürsten als wie Seelsorger. Gleichzeitig besaß die Kirche große Ländereien und war von vielen Steuern befreit, was Neid und Ärger hervorrief.
Kritiker vor Luther
Luther war nicht der erste, der die Kirche kritisierte:
- Petrus Valdes (12. Jahrhundert), ein Kaufmann aus Lyon, verschenkte seinen Besitz und predigte ein Leben in Armut. Seine Anhänger, die Waldenser, wurden als Ketzer verfolgt.
- John Wyclif (um 1330–1384), ein Theologe in Oxford, bezeichnete die Bibel als einzige Richtschnur des Glaubens, kritisierte den Reichtum der Kirche und ließ die Bibel ins Englische übersetzen.
- Jan Hus (um 1370–1415), Prediger in Prag, griff Wyclifs Ideen auf und kritisierte den Ablasshandel und die Macht des Papstes. Obwohl ihm freies Geleit zugesagt worden war, wurde er auf dem Konzil von Konstanz als Ketzer verurteilt und am 6. Juli 1415 verbrannt. In Böhmen führte das zu jahrelangen Kriegen der Hussiten.
Daneben forderten viele – auch innerhalb der Kirche – eine „Reform an Haupt und Gliedern“. Im Reich sammelten die Reichsstände ihre Klagen über Rom in den sogenannten Gravamina der deutschen Nation, die sie auf mehreren Reichstagen vortrugen. So entstand schon vor Luther eine romkritische Stimmung in Deutschland.
Die Humanisten: zurück zu den Quellen
Um 1500 prägte der Humanismus das Denken der Gebildeten. Sein Motto lautete „Ad fontes“ – zurück zu den Quellen. Humanisten lasen antike Texte und die Bibel in den Ursprachen Griechisch und Hebräisch und stellten fest, dass vieles, was die Kirche lehrte, dort gar nicht stand. Der berühmteste Humanist, Erasmus von Rotterdam, verspottete in seiner Schrift „Lob der Torheit“ (1511) abergläubische Frömmigkeit, gierige Mönche und machthungrige Päpste. 1516 gab er das Neue Testament auf Griechisch heraus – eine Grundlage für Luthers spätere Übersetzung. Erasmus wollte die Kirche allerdings von innen reformieren und lehnte eine Spaltung ab.
Was war bei Luther anders?
Luther kritisierte nicht nur einzelne Missstände, sondern stellte die Lehre selbst in Frage: Wenn der Mensch allein durch den Glauben gerettet wird, braucht er weder Ablässe noch gute Werke, um sich den Himmel zu verdienen. In seinen Schriften von 1520 griff er die Macht des Papstes, die Zahl der Sakramente und die Sonderstellung der Geistlichen grundsätzlich an. Mehrere Umstände sorgten dafür, dass er anders als Hus nicht als Ketzer verbrannt wurde:
- Der Buchdruck verbreitete seine Schriften in großer Zahl und in deutscher Sprache. Flugblätter mit Bildern erreichten auch Menschen, die nicht lesen konnten.
- Sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise, schützte ihn.
- Viele Fürsten und Städte sahen in der Reformation auch eine Chance, sich von Rom unabhängig zu machen und Kirchengüter zu übernehmen.
- Kaiser Karl V. war durch Kriege gegen Frankreich und die Osmanen oft abgelenkt.
Eine differenzierte Sicht
Man sollte das Bild einer völlig verdorbenen Kirche nicht übertreiben. Viele Priester, Mönche und Nonnen nahmen ihre Aufgaben ernst, und auch innerhalb der Kirche gab es Reformbewegungen. Ein Teil der Kritik stammt zudem aus Streitschriften, die bewusst übertrieben. Die katholische Kirche reagierte später mit dem Konzil von Trient (1545–1563), das viele der kritisierten Missstände, etwa beim Ablasshandel und bei der Ausbildung der Priester, abstellte.
Hinweis für Lehrkräfte
Für die Quellenarbeit eignen sich Flugschriften und Bildpropaganda der frühen Reformationszeit, etwa das „Passional Christi und Antichristi“ aus der Werkstatt Lucas Cranachs (1521), in dem das bescheidene Leben Jesu dem prunkvollen Auftreten des Papstes gegenübergestellt wird. Dabei lässt sich gut erarbeiten, wie Bilder Meinung machen. Bei dem Tetzel zugeschriebenen Spruch lohnt der Hinweis, dass er nicht sicher belegt ist – ein gutes Beispiel dafür, wie sich Zitate verselbstständigen.
Aufgaben
- Nenne vier Missstände in der Kirche um 1500.
- Erkläre am Beispiel Albrechts von Brandenburg, wie Ablasshandel, Ämterkauf und Bankgeschäfte zusammenhingen.
- Vergleiche Jan Hus und Martin Luther: Was forderten sie, und warum endeten sie so unterschiedlich?
Quellen
- Bundeszentrale für politische Bildung: Kirche im ausgehenden Mittelalter
- chrismon: Reformatoren vor Luther – John Wyclif, Petrus Valdes, Jan Hus
- religion.ORF.at: „Hartnäckiger Ketzer“ – 600. Todestag von Jan Hus
- Kinderzeitmaschine: Luthers 95 Thesen
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Reformation
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Renaissance-Humanismus