Als Karl der Große im Jahr 814 in Aachen starb, hinterließ er das größte Reich, das es im Westen Europas seit dem Ende des Römischen Reiches gegeben hatte. Doch schon ein knappes Menschenalter später war davon nicht mehr viel übrig: 843 teilten seine Enkel das Frankenreich unter sich auf, und bis zum Ende des 9. Jahrhunderts zerfiel es endgültig. Wie konnte das so schnell geschehen? Und warum ist diese Teilung bis heute für Europa bedeutsam?
Ein Erbe für nur einen Sohn
Bei den Franken galt eine alte Regel: Wenn ein König starb, wurde sein Reich unter allen erbberechtigten Söhnen aufgeteilt. Auch Karl der Große plante das. 806 legte er fest, dass seine drei Söhne das Reich erben sollten. Doch zwei von ihnen starben vor ihm. So blieb nur Ludwig übrig, der 813 in Aachen zum Mitkaiser gekrönt wurde. Nach Karls Tod übernahm er das ganze Reich. Wegen seiner großen Frömmigkeit nennt man ihn Ludwig den Frommen.
Der Plan von der Reichseinheit
Ludwig und seine geistlichen Berater wollten verhindern, dass das Reich nach seinem Tod zerbrach. Die Kirche verstand das Frankenreich als ein christliches Reich, das zusammenbleiben sollte. Deshalb erließ Ludwig 817 eine Nachfolgeordnung, die Ordinatio imperii. Darin bestimmte er, dass sein ältester Sohn Lothar Kaiser werden und den größten Teil des Reiches erhalten sollte. Die jüngeren Söhne Pippin und Ludwig sollten nur kleinere Unterkönigreiche bekommen und Lothar untergeordnet sein.
Ein neuer Sohn – ein neuer Streit
Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Ludwig 819 die Adlige Judith aus der mächtigen Familie der Welfen. 823 bekamen sie einen Sohn, Karl, der später den Beinamen „der Kahle“ erhielt. Judith wollte, dass auch ihr Sohn ein Königreich bekam. Ludwig gab nach und änderte die Nachfolgeregelung. Damit brachte er seine älteren Söhne gegen sich auf, die um ihr Erbe fürchteten.
Was folgte, war ein jahrelanger Familienkrieg. 830 und 833 erhoben sich die älteren Söhne gegen ihren Vater. 833 liefen Ludwigs Krieger bei Colmar zu seinen Söhnen über – der Ort wurde später „Lügenfeld“ genannt. Ludwig wurde abgesetzt und musste öffentlich Buße tun. Doch schon 834 kehrte er auf den Thron zurück, weil sich die Brüder untereinander nicht einigen konnten. Hinter den Söhnen standen jeweils Gruppen von Adligen, die sich von ihrem Kandidaten Land, Ämter und Macht erhofften. Dadurch wurde der Familienstreit zu einem Kampf um das ganze Reich.
Bruderkrieg und Straßburger Eide
840 starb Ludwig der Fromme. Pippin war bereits zwei Jahre zuvor gestorben. Nun kämpften die drei verbliebenen Brüder um das Erbe: Lothar wollte als Kaiser das ganze Reich beherrschen, Ludwig und Karl verbündeten sich gegen ihn. Am 25. Juni 841 kam es bei Fontenoy in Burgund zu einer blutigen Schlacht, bei der Lothar unterlag.
Im Februar 842 bekräftigten Ludwig und Karl ihr Bündnis in Straßburg mit feierlichen Schwüren, den Straßburger Eiden. Das Besondere daran: Damit die Krieger der beiden Könige die Eide verstehen konnten, wurden sie in den Volkssprachen gesprochen – Ludwig schwor in einer frühen Form des Französischen, Karl in einer frühen Form des Deutschen. Die Texte gehören zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen beider Sprachen. Man sieht daran, dass sich der Westen und der Osten des Reiches schon sprachlich auseinanderentwickelt hatten.
Der Vertrag von Verdun 843
Nach langen Verhandlungen einigten sich die drei Brüder im August 843 in Verdun auf eine Teilung. Zuvor hatten Gesandte das Reich genau erfasst, damit jeder einen ungefähr gleichwertigen Teil erhielt:
- Karl der Kahle bekam das Westfrankenreich, aus dem später Frankreich hervorging.
- Ludwig der Deutsche bekam das Ostfrankenreich, aus dem sich später das Heilige Römische Reich entwickelte.
- Lothar behielt den Kaisertitel und bekam das Mittelreich, einen langen Streifen von der Nordsee über Burgund bis nach Italien, mit den wichtigen Städten Aachen und Rom.
Offiziell blieb die Vorstellung bestehen, dass es sich um ein gemeinsames Frankenreich handelte, das von drei Brüdern regiert wurde. In Wirklichkeit gingen die Teile von nun an immer stärker eigene Wege.
Das Mittelreich verschwindet
Am schwächsten war das Mittelreich. Es war lang und schmal, schwer zu verteidigen und bestand aus sehr unterschiedlichen Gebieten. Nach Lothars Tod 855 wurde es unter seinen Söhnen erneut geteilt. Der nördliche Teil wurde nach Lothars gleichnamigem Sohn Lotharingien genannt – daher kommt der Name Lothringen. Nachdem auch dieser Lothar gestorben war, teilten seine Onkel Karl und Ludwig das Gebiet 870 im Vertrag von Meerssen unter sich auf. 880 kam ganz Lotharingien an das Ostfrankenreich. Um das Gebiet zwischen West und Ost wurde noch jahrhundertelang gestritten.
Ein letzter Versuch der Einheit
Ein letztes Mal wurde das Reich noch unter einem Herrscher vereint. Weil viele Karolinger früh gestorben waren, fielen alle Teilreiche bis 885 an Karl III., einen Enkel Ludwigs des Frommen, der „der Dicke“ genannt wurde. Er konnte das Reich aber nicht wirksam schützen, vor allem nicht gegen die Wikinger, die 885/886 Paris belagerten. 887 setzten ihn die ostfränkischen Adligen ab. Danach wurde das Frankenreich nie wieder vereint. Im Osten starb der letzte Karolinger 911, danach wählten die Großen des Reiches Konrad I. und 919 den Sachsen Heinrich I. zum König. Im Westen regierten Karolinger mit Unterbrechungen bis 987.
Warum zerfiel das Frankenreich?
Für den Zerfall gab es mehrere Gründe, die du in einer Klassenarbeit miteinander verbinden solltest:
- Das Erbrecht: Die fränkische Tradition der Teilung unter allen Söhnen widersprach dem Gedanken der Reichseinheit.
- Streit in der Herrscherfamilie: Väter, Söhne und Brüder kämpften gegeneinander um Macht und Land.
- Die Macht des Adels: Die Adligen unterstützten den Herrscher, der ihnen am meisten bot, und wurden dadurch immer selbstständiger.
- Die Größe des Reiches: Ein so großes Gebiet ließ sich mit den Mitteln der Zeit – Reisekönigtum und persönliche Treue – nur von einem außergewöhnlich starken Herrscher zusammenhalten.
- Angriffe von außen: Wikinger im Norden, Sarazenen im Süden und ab etwa 900 Ungarn im Osten bedrohten das Reich. Oft konnten nur die Adligen vor Ort schnell Schutz bieten, nicht der ferne König.
Geburtsstunde von Deutschland und Frankreich?
Oft liest man, der Vertrag von Verdun sei die „Geburtsstunde“ Deutschlands und Frankreichs. Das ist nur bedingt richtig. Die Menschen im Jahr 843 fühlten sich nicht als Deutsche oder Franzosen, und die Brüder wollten auch keine Nationen gründen. Es dauerte noch Jahrhunderte, bis aus dem West- und dem Ostfrankenreich Staaten wurden, die wir als Frankreich und Deutschland bezeichnen würden. Richtig ist aber, dass die Teilung von Verdun eine Grenze schuf, an der sich diese beiden Reiche später entwickelten. Und dass Karl der Große heute in beiden Ländern als bedeutender Herrscher gilt, hat auch mit dieser gemeinsamen Vorgeschichte zu tun.
Quellen
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Karolinger
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Karl der Große
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Franken
- Lernhelfer Schülerlexikon: Vertrag von Verdun
- Geschichte-Lernen.net: Vertrag von Verdun – Aufteilung des Frankenreichs
- Kinderzeitmaschine: Vertrag von Verdun
- StudySmarter: Frankenreich Teilung – Ursachen, Folgen und Vertrag von Verdun