Die Schreckensherrschaft Robespierres – Tugend durch Terror?

Die Ermordung und Massenflucht vieler Adliger und Geistlicher und letztlich die Exekution des Königs selbst verstärkte 1793 die außenpolitische Bedrohung und die wirtschaftliche Not noch weiter. Der Bedrohung versuchte man mit mehr Truppen entgegenzuwirken, was widerrum zu noch mehr Aufständen und zu Bürgerkrieg führte.

Die Republik hatte sich nun zwar durchgesetzt, war aber von inneren und äußeren Feinden belagert und durch Hungersnöte und Inflation an den Rand des Scheiterns gebracht. Nachdem Adel, Teile des Klerus und des wohlhabenden Bürgertum das Land verlassen hatten, waren Handwerkern die Auftraggeber verlorengegangen, der Handel war zusammengebrochen. Die Preise für Lebensmittel stiegen weiter, das neue Papiergeld wurde von der Bevölkerung nicht angenommen.

Die Frage, ob die Probleme Frankreichs überhaupt lösen konnte oder nur neue Probleme schaffte, stellte sich den meisten Menschen in Europa zu dieser Zeit. Die städtische Volksbewegung, bestehend auf dem Kleinbürgertum, suchte in dieser Situation die Lösung durch den Kampf gegen großbürgerliche Abgeordnete, denen man die Schuld an der Misere gab.

Ab Mai 1793 nahmen kleinbürgerliche Sansculotten mit ihren Waffen und mit offener Gewalt immer mehr Einfluss auf die revolutionäre Politik und damit auch auf den neu gewählten Nationalkonvent. Mit ihrem Einfluss erzwangen sie die Unterdrückung gemäßigter Abgeordneter aus dem reicheren Großbürgertum. Radikale Abgeordnete wie die Rechtsanwälte Robespierre und Danton konnten die Führung des Nationalkonvents übernehmen.

In dieser Situation beschloss der Nationalkonvent 1793 eine neue Verfassung, die die weitreichenden Probleme lösen sollte. Sie beinhaltete soziale Grundrechte wie das Recht auf Arbeit, alle Gesetze sollten durch Volksabstimmungen beschlossen werden. Gleichzeitig wurde aber auf die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative verzichtet. Dieser Rückschritt sollte sich als fataler Fehler erweisen.

Von den Forderungen des Kleinbürgertums auf der Straße übergaben die Abgeordneten des Nationalkonvents im September 1793 alle drei Gewalten einem Wohlfahrts- und einem Sicherheitsausschuss. Mit Hilfe dieser Ausschüsse war es den radikalen Jakobinern nun möglich das Volk zu überwachen, die Wirtschaft vollständig zu lenken, Gesetze zu verabschieden, sie auszuführen und Recht zu sprechen. Auch der Krieg gegen das Ausland wurde jetzt von einigen wenigen Republikanern geleitet.

Mit diesem Gewaltmonopol sollte nun die Revolution der Tugend vollendet werden. In Robespierres Augen konnte man die Tugend im Volk nur durch Terror gänzlich umsetzen. So begann die Schreckensherrschaft der Jakobiner unter Maximilien de Robespierre, der ca. 40.000 Franzosen zum Opfer fielen und während der bis zu 500.000 Menschen verhaftet wurden.

Erst mit der Auflehnung des Volkes gegen diese Herrschaft, der Verhaftung Robespierres am 27. Juli 1794 und dessen Hinrichtung wurde der Terror gegen die eigene Bevölkerung gestoppt. Ein Direktorium von fünf Männern aus dem reichen Großbürgertum übernahm die Macht und revidierte die weitreichenden Umwälzungen des Terrorregimes. 1795 wurde in Frankreich die dritte Verfassung eingeführt, bei der z.B. auch das allgemeine Männerwahlrecht wieder abgeschafft wurde.

Zeitleiste

21. Januar 1793 Hinrichtung Ludwigs XVI.

-> Aufstände in Frankreich, Hungersnöte und Inflation und Bedrohung durch die monarchistische Koalition

10. August 1793 Zweite Verfassung

-> Verabschiedung der Zweiten Verfassung Frankreichs mit Verzicht auf Gewaltenteilung und Einführung weitreichender sozialer Rechte

-> Kleinbürgertum setzte sich politisch durch

23. August 1793 Allgemeine Wehrpflicht

-> alle unverheirateten Franzosen zwischen 18 und 25 werden ins Heer berufen

5. September 1793 Machtübergabe an die Ausschüsse

-> Nationalkonvent kann die Probleme der Republik nicht lösen und übergibt die Macht im Staat an Wohlfahrts- und Sicherheitsausschuss

-> offene Forderung des Kleinbürgertums nach Terror

-> Terror der Sansculotten beginnt, Scheinprozesse und Massenexekutionen

ab Oktober 1793 Ausweitung des Terrors auf Frauen

-> Republikanische Presse bezichtigt politisch aktive Frauen der „Blutrünstigkeit“, viele werden in Scheinprozessen zum Tode verurteilt

5. Februar 1794 Rechtfertigungsrede Robespierres vor dem Nationalkonvent

-> „Man muss die inneren und äußeren Feinde der Republik beseitigen oder mit ihnen untergehen…“

27. Juli 1794 Verhaftung und Hinrichtung Robespierres und 105 seiner Anhänger

Ursachen der Schreckensherrschaft

– demokratisch gewählter Nationalkonvent konnte die Missstände, wie z.B. Inflation, Hunger und Aufstände nicht in den Griff bekommen

– Bedrohung durch das Ausland schuf die Angst, dass innere Feinde die äußeren Feinde durch Aufstände unterstützen und ihnen damit den Weg ins Land ebnen würden

– Rachefeldzug des armen Kleinbürgertums gegen das reiche Großbürgertum, Adel und Geistlichkeit

– Das Kleinbürgertum konnte sich durch Drohungen und Gewalt durchsetzen und schaffte die Gewaltenteilung ab. Ohne diese Sicherung für die Demokratie war es Robbespierre und seinen Anhängern möglich, eine „Diktatur der Tugend“ durchzusetzen

 

=> Die Schreckensherrschaft Robespierres war die Vernichtung der eigenen revolutionären Anhängerschaft aus Gründen der Sicherheit und der Angst vor Feinden. „Die Revolution frisst ihre Kinder“.

 

=> Die „radikale Demokratie“ mit ihrem Versuch der Gleichheit und sozialen Gerechtigkeit scheiterte 1793, weil sie die wirtschaftlichen Nöte der Menschen nicht lindern konnte und weil sie nach dem Wegfall der Gewaltenteilung der Machtgier Einzelner schutzlos ausgeliefert war

 

=> Es folgte eine Rückkehr zu einem durch das reiche Großbürgertum geführte System

 

Maßnahmen des Wohlfahrtsausschusses unter Robespierre

– Bekämpfung der Spekulanten auf Lebensmittel und Waren (Hinrichtungen)

– Festsetzung von Höchstpreisen auf Lebensmittel

– Todesstrafe auf Warenhortung (z.B. gegen Bauern oft ausgesprochen)

– Einführung der Revolutionären Erziehung und Schulpflicht

– Einführung der Französischen Hochsprache

– Abschaffung des Christentums, Enteignung jeglichen Kirchenbesitzes

– Einführung einer neuen Zeitrechnung, neuer Kalender

– Todestribunale, die in Scheinprozessen Verdächtige zum Tode verurteilten und hinrichten ließen

– Vermögen von Verurteilten wurde beschlagnahmt und verstaatlicht

 

Terror als Mittel der Machtausübung

Als Verdächtige konnte 1793/94 fast jeder Mensch in Frankreich gelten:

– scheinbare Anhänger der „Tyrannei“

– suspendierte Staatsbeamte

– Leute, die nicht täglich ihre Sympathie zur Revolution bekundeten

– Emigranten

 

=> die Mehrzahl der Todesopfer waren nicht etwa Adlige, Geistliche und Großbürgerliche, sondern Bauern (28,5 %) und Kleinbürgerliche (41,75 %). Der Terror richtet sich also nicht gegen die eigentliche Zielgruppe, sondern wird vor allem als Mittel zum Machterhalt eingesetzt.

 

=> durch Denunziationen konnte im Grunde jeder verhaftet werden => allgemeiner Terror

 

Tugend durch Terror?

Der allgemeine Terror während der Schreckensherrschaft ließ den Versuch einer radikalen Demokratie mit sehr weitreichenden sozialen Rechten und mit einer politischen Gleichstellung der ärmeren Schichten scheitern. In der neuen Verfassung von 1795 wurden viele dieser Maßnahmen wieder aufgehoben, das Wahlrecht wieder an das Einkommen der Bürger geknüpft. Der Terror hatte den Menschen also nicht „die Vernunft eintrichtern“ können.

Die Revolution hatte aber durch Revolutionsfeste, die allgemeine Wehrpflicht, die Koalitionskriege und die Erklärung der Menschenrechte Frankreich zu einer Nation zusammenwachsen lassen. Viele freiheitliche Entwicklungen überlebten außerdem die Schreckensherrschaft und konnten weitergeführt werden. Die innen- und außenpolitischen Probleme waren aber immer noch nicht gelöst. Sie waren durch die Herrschaft Robespierres nur noch akuter geworden. Die Verfassung von 1795 und das nun regierende Direktorium aus dem Großbürgertum stellten den nächsten Versuch der Republik dar, den sozialen Frieden, die innere Sicherheit und die staatspolitische Existenz Frankreichs in Europa zu sichern.

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6 Antworten zu Die Schreckensherrschaft Robespierres – Tugend durch Terror?

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  4. Till Hermann schreibt:

    Vielen Dank für diesen Eintrag. Er hat mir sehr geholfen.

  5. Edda Hobuss schreibt:

    Hi, ich fand den Text super! Was für Quellen hast du benutzt?

    • batumammut schreibt:

      Vielen Dank! Grundlage waren die Unterrichtsergebnisse aus meinem Unterricht mit einer achten Klasse mit den Schulbüchern „Das waren Zeiten 3“ und „Geschichte und Geschehen 3“, sowie einigen eigenen Inputs.

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