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KS1: Der Erste Weltkrieg als erster totaler, industrialisierter Krieg

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Als im August 1914 der Krieg begann, rechneten die meisten Menschen in Europa mit einem kurzen Feldzug. „Weihnachten sind wir wieder zu Hause“, hieß es. Stattdessen dauerte der Krieg über vier Jahre und kostete rund 17 Millionen Menschen das Leben. Der Erste Weltkrieg gilt als erster industrialisierter und als erster totaler Krieg der Geschichte. Was ist mit diesen Begriffen gemeint, und wie weit tragen sie? Dieser Beitrag bereitet das Thema für die Kursstufe auf.

Vom Bewegungskrieg zum Stellungskrieg

Der deutsche Kriegsplan sah vor, Frankreich in wenigen Wochen durch einen Vormarsch über Belgien zu besiegen und sich dann Russland zuzuwenden. Doch in der Schlacht an der Marne im September 1914 kam der Vormarsch zum Stehen. Beide Seiten gruben sich ein. Bald zog sich ein System von Schützengräben über etwa 700 Kilometer von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze. Aus dem Bewegungskrieg wurde ein Stellungskrieg, in dem sich die Front über Jahre kaum bewegte.

Der Grund dafür war die Überlegenheit der Verteidigung. Maschinengewehre, Stacheldraht und Artillerie machten Angriffe über offenes Gelände zu einem Massensterben. Wer eine feindliche Stellung erobern wollte, musste sie zuvor tagelang mit Granaten beschießen – mit dem Ergebnis, dass der Gegner Zeit hatte, Reserven heranzuführen.

Der industrialisierte Krieg

Im Ersten Weltkrieg entschieden nicht mehr Mut und Tapferkeit einzelner Soldaten, sondern die Menge an Waffen, Munition und Material, die ein Land herstellen konnte. Man spricht deshalb von Materialschlachten. Die Industrie lieferte immer neue und wirkungsvollere Waffen:

  • Artillerie: Schwere Geschütze feuerten in „Trommelfeuern“ Millionen Granaten ab. Die meisten Soldaten starben durch Artilleriebeschuss.
  • Maschinengewehre: Sie konnten Hunderte Schuss pro Minute abgeben und machten Sturmangriffe fast aussichtslos.
  • Giftgas: Am 22. April 1915 setzte die deutsche Armee bei Ypern in Belgien erstmals Chlorgas in großem Umfang ein. Später verwendeten alle Seiten Gas; Gasmasken wurden zur Grundausrüstung.
  • Panzer: Im September 1916 schickten die Briten an der Somme die ersten Panzer ins Gefecht.
  • Flugzeuge und U-Boote: Flugzeuge dienten zunächst der Aufklärung, später dem Luftkampf und dem Bombenabwurf. U-Boote führten einen Krieg gegen die Handelsschifffahrt.

Sinnbild dieser Kriegsführung ist die Schlacht um Verdun 1916. Die deutsche Führung wollte die französische Armee dort „ausbluten“ lassen. Nach zehn Monaten hatten beide Seiten zusammen Hunderttausende Tote zu beklagen, ohne dass sich die Front wesentlich verschoben hätte. Die gleichzeitige Schlacht an der Somme forderte über eine Million Tote, Verwundete und Vermisste. Für die Soldaten bedeutete der industrialisierte Krieg eine neue Erfahrung: Der Feind war oft unsichtbar, der Tod kam aus der Entfernung, und der Einzelne fühlte sich als bloßes „Material“.

Die Heimatfront: der Krieg erfasst die ganze Gesellschaft

Weil der Krieg so viel Material verschlang, mussten die Staaten ihre gesamte Wirtschaft und Gesellschaft darauf ausrichten. Schon zeitgenössisch sprach man von der Heimatfront. In Deutschland zeigte sich das auf vielen Ebenen:

  • Kriegswirtschaft: Schon im August 1914 wurde unter Walther Rathenau eine Kriegsrohstoffabteilung eingerichtet, die knappe Rohstoffe verteilte. Mit dem Hindenburg-Programm von 1916 sollte die Rüstungsproduktion massiv gesteigert werden. Das Hilfsdienstgesetz vom Dezember 1916 verpflichtete alle Männer von 17 bis 60 Jahren, die nicht Soldaten waren, zur Arbeit in kriegswichtigen Betrieben.
  • Frauenarbeit: Frauen ersetzten die eingezogenen Männer in Fabriken, im Verkehr und in der Landwirtschaft, besonders in der Munitionsherstellung.
  • Hunger: Die britische Seeblockade schnitt Deutschland von Lebensmittelimporten ab. Lebensmittel wurden rationiert. Im „Steckrübenwinter“ 1916/17 ernährten sich viele Menschen fast nur noch von Rüben. Hunderttausende Zivilisten starben an den Folgen von Hunger und Mangelernährung.
  • Propaganda und Finanzierung: Plakate, Zeitungen und Schulen sollten den Durchhaltewillen stärken. Mit Kriegsanleihen liehen die Bürger dem Staat Geld für den Krieg.
  • Politik: Zu Kriegsbeginn schlossen die Parteien im Reichstag einen „Burgfrieden“ und stellten innenpolitische Konflikte zurück. Ab 1916 gewann die Oberste Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff immer mehr Einfluss auf die Politik.

Ein weltweiter Krieg

Der Krieg blieb nicht auf Europa beschränkt. In den Kolonien in Afrika, im Nahen Osten und in Ostasien wurde gekämpft, und die Kolonialmächte setzten Hunderttausende Soldaten und Arbeiter aus ihren Kolonien ein. Als Deutschland im Februar 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg erklärte und auch neutrale Schiffe versenkte, traten im April 1917 die USA in den Krieg ein. Ihre wirtschaftliche und militärische Kraft trug entscheidend zur Niederlage der Mittelmächte bei.

Wie „total“ war der Erste Weltkrieg?

Den Begriff des „totalen Krieges“ machte der frühere General Erich Ludendorff 1935 mit seinem gleichnamigen Buch bekannt – als Programm für einen künftigen Krieg. In der Geschichtswissenschaft wurde daraus ein Analysebegriff. Er beschreibt, dass im Krieg die Grenze zwischen Front und Heimat, zwischen Soldaten und Zivilisten verschwimmt und alle Kräfte eines Staates für den Krieg mobilisiert werden.

Viele Historiker sprechen für den Ersten Weltkrieg allerdings lieber von einer Totalisierung des Krieges als von einem totalen Krieg. Denn die Kriegführenden kamen dem Ideal der totalen Mobilisierung zwar immer näher, erreichten es aber nicht vollständig. Zivilisten wurden noch nicht in dem Maße gezielt angegriffen und vernichtet wie im Zweiten Weltkrieg mit seinen Flächenbombardements und dem systematischen Völkermord. Sicher ist jedoch: Der Erste Weltkrieg zeigte erstmals, was geschieht, wenn Industriestaaten ihre gesamte Leistungsfähigkeit in den Dienst des Krieges stellen. Er gilt deshalb als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts.

Wie es 1914 überhaupt zu diesem Krieg kam und wer dafür verantwortlich war, wird bis heute diskutiert – mehr dazu im Beitrag zur Kriegsschulddebatte.

Aufgaben

  1. Erläutere, warum sich der Krieg an der Westfront in einen Stellungskrieg verwandelte.
  2. Erkläre den Begriff „Materialschlacht“ am Beispiel Verduns.
  3. Stelle dar, wie die deutsche Gesellschaft an der „Heimatfront“ auf den Krieg ausgerichtet wurde.
  4. Erörtere, ob der Erste Weltkrieg als „totaler Krieg“ bezeichnet werden kann.

Quellen