Wer trägt die Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs? Kaum eine Frage der neueren Geschichte wurde so heftig und so lange diskutiert. Die Antworten waren nie nur wissenschaftlich, sondern immer auch politisch – sie berührten das Selbstverständnis der Deutschen und ihrer Nachbarn. Für die Kursstufe ist die Kriegsschulddebatte ein Musterbeispiel für eine historische Kontroverse. Dieser Beitrag stellt die Ereignisse der Julikrise und die wichtigsten Positionen vor.
Die Julikrise 1914
- 28. Juni: In Sarajevo ermordet der bosnisch-serbische Nationalist Gavrilo Princip den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau.
- 5./6. Juli: Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Bethmann Hollweg sichern Österreich-Ungarn die bedingungslose Unterstützung Deutschlands zu (sogenannter Blankoscheck).
- 23. Juli: Österreich-Ungarn stellt Serbien ein Ultimatum, das bewusst so formuliert ist, dass Serbien es kaum vollständig annehmen kann.
- 28. Juli: Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.
- 30. Juli: Russland ordnet die Generalmobilmachung an.
- 1. und 3. August: Deutschland erklärt Russland und Frankreich den Krieg. Nach dem deutschen Einmarsch ins neutrale Belgien tritt am 4. August Großbritannien in den Krieg ein.
Innerhalb von fünf Wochen wurde so aus einem regionalen Konflikt auf dem Balkan ein europäischer Krieg. Im Hintergrund standen die Bündnissysteme, das Wettrüsten, imperialistische Rivalitäten und der Nationalismus aller Großmächte. Umstritten ist, welche Regierungen in diesen Wochen die entscheidenden Weichen stellten.
1919: Die Schuld der Besiegten
Im Versailler Vertrag von 1919 heißt es in Artikel 231, Deutschland und seine Verbündeten seien als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich, die den Siegermächten durch den Krieg entstanden waren. Dieser Artikel diente vor allem als rechtliche Grundlage für die Reparationsforderungen. In Deutschland wurde er jedoch als Vorwurf der Alleinschuld verstanden und von fast allen politischen Lagern empört zurückgewiesen.
Die Weimarer Republik: Deutschland ist unschuldig
Die Regierungen der Weimarer Republik bemühten sich, die „Kriegsschuldlüge“ zu widerlegen. Das Auswärtige Amt richtete eine eigene Abteilung ein, gab ausgewählte Aktenbände heraus und förderte Veröffentlichungen, die Deutschlands Unschuld beweisen sollten. Diese Deutung setzte sich weitgehend durch – auch im Ausland. Der frühere britische Premierminister David Lloyd George schrieb später, die Völker seien in den Krieg „hineingeschlittert“. Viele betrachteten den Krieg nun als Ergebnis einer gemeinsamen Verantwortung aller Großmächte. In Deutschland diente die Unschuldsthese zugleich dazu, den Versailler Vertrag als ungerecht darzustellen – ein Argument, das später die Nationalsozialisten aufgriffen.
Die Fischer-Kontroverse
1961 veröffentlichte der Hamburger Historiker Fritz Fischer sein Buch „Griff nach der Weltmacht“. Gestützt auf bisher unbekannte Akten vertrat er die These, die deutsche Führung habe den Krieg 1914 bewusst in Kauf genommen, um Deutschland zur Weltmacht zu machen. Als Beleg führte er unter anderem das Septemberprogramm vom September 1914 an, in dem Reichskanzler Bethmann Hollweg weitreichende Kriegsziele formulieren ließ: die dauerhafte Schwächung Frankreichs, die Kontrolle über Belgien und ein von Deutschland beherrschtes „Mitteleuropa“. In einem späteren Buch ging Fischer noch weiter und sprach von einem von langer Hand geplanten Krieg.
Fischers Thesen lösten einen erbitterten Streit aus. Konservative Historiker wie Gerhard Ritter warfen ihm vor, die deutsche Geschichte einseitig zu verurteilen. Politiker mischten sich ein, und die Debatte wurde bis in die Zeitungen hinein geführt. Denn es ging nicht nur um 1914: Wenn Deutschland schon den Ersten Weltkrieg gewollt hatte, dann stand der Nationalsozialismus nicht als „Betriebsunfall“ der deutschen Geschichte da, sondern in einer längeren Kontinuität.
Am Ende der Kontroverse hatte sich in der Forschung eine vermittelnde Position durchgesetzt: Deutschland und Österreich-Ungarn trugen die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch, weil sie in der Julikrise bewusst das Risiko eines großen Krieges eingingen. Viele Historiker betonten dabei, dass die deutsche Führung eher aus Angst vor einer künftigen Einkreisung durch Russland und Frankreich handelte als aus einem langfristigen Eroberungsplan – sie sprachen von einem „Präventivkrieg“ oder einer „Flucht nach vorn“.
Die neue Debatte: „Die Schlafwandler“
Zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns entbrannte die Debatte neu. Auslöser war vor allem das Buch „Die Schlafwandler“ des in Cambridge lehrenden australischen Historikers Christopher Clark (englisch 2012, deutsch 2013). Clark beschreibt die Julikrise als Ergebnis des Handelns aller beteiligten Regierungen, die wie Schlafwandler – wachsam, aber blind für die Folgen – in die Katastrophe gegangen seien. Er richtet den Blick stärker auf die Rolle Serbiens, Russlands und Frankreichs und fragt weniger nach Schuld als danach, wie der Krieg zustande kam.
Das Buch wurde in Deutschland ein Bestseller. Kritiker wie die Historikerin Annika Mombauer warfen Clark vor, die deutschen Entscheidungen in Berlin zu wenig zu gewichten. Sie beobachteten außerdem, dass Teile der deutschen Öffentlichkeit das Buch als Entlastung verstanden – als Beweis, dass Deutschland letztlich nicht mehr verantwortlich gewesen sei als die anderen. Andere Historiker wie Herfried Münkler begrüßten dagegen, dass die Forschung nun wieder alle Großmächte in den Blick nehme.
Überblick über die Positionen
- Alleinschuld (Versailler Vertrag 1919): Deutschland und seine Verbündeten sind allein verantwortlich.
- Gemeinsame Verantwortung (Weimarer Republik, Lloyd George): Alle Großmächte sind in den Krieg „hineingeschlittert“.
- Hauptverantwortung Deutschlands (Fischer und die Forschung seit den 1960er-Jahren): Die deutsche Führung nahm den Krieg bewusst in Kauf oder strebte ihn an.
- Geteilte Verantwortung (Clark und andere): Der Krieg entstand aus dem Zusammenwirken vieler Entscheidungen aller Beteiligten.
Hinweise für die Klausur
Bei Aufgaben zur Kriegsschuldfrage wird meist verlangt, Darstellungen von Historikern zu analysieren und zu vergleichen. Achte dabei auf den Entstehungszeitpunkt: Welche Quellen standen dem Autor zur Verfügung, und in welcher politischen Situation schrieb er? Unterscheide außerdem zwischen Ursachen (langfristige Spannungen), dem Anlass (Attentat von Sarajevo) und den Entscheidungen in der Julikrise. Ein gutes Urteil wägt die Argumente ab und benennt, welche Regierungen welche Handlungsspielräume hatten – statt nur nach einer einzigen „Schuld“ zu suchen.
Aufgaben
- Erstelle eine Zeitleiste der Julikrise und markiere die Entscheidungen, die du für besonders folgenreich hältst.
- Erkläre, warum der Artikel 231 des Versailler Vertrags in Deutschland so heftig abgelehnt wurde.
- Erläutere, warum die Fischer-Kontroverse nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine politische Debatte war.
- Beurteile die Kriegsschuldfrage auf der Grundlage der hier vorgestellten Positionen.
Quellen
- Bundeszentrale für politische Bildung: Auslösung und Beginn des Krieges
- Bundeszentrale für politische Bildung: Julikrise und Kriegsschuld – Thesen und Stand der Forschung (APuZ)
- Friedrich-Ebert-Stiftung: Forschungsdiskussion zum Ersten Weltkrieg
- Geschichte kompakt: Erster Weltkrieg – Kriegsschuldfrage