Seminarkurs: Die Geschichte Afrikas vor 1800

Alle Menschen stammen ursprünglich aus Afrika. Nach der vorherrschenden „Out-of-Africa“-Theorie entwickelten sich die Vorformen des heutigen homo sapiens allesamt im ostafrikanischen Bereich der Großen Seen (Kenia, Uganda, Tansania) von einem affenähnlichen Wesen („Dryopithecus“) zu aufrechtgehenden Humanoiden. Sie entwickelten fortschrittliche Werkzeuge, die gemeinsame Jagd und erste kulturelle Errungenschaften wie die Musik, die Kunst, die Mystik und den Schmuck.

Eine bedeutende Vorform des Menschen, der homo erectus, verließ Afrika wahrscheinlich bereits vor 1,6 Millionen Jahren und besiedelte Europa. Aus ihm entwickelte sich vor etwa 500.000 Jahren der Neandertaler, der sich an das eiszeitliche Klima in Europa anpasste und mit seinem muskulösen Körper und großen Gehirn, aber auch seinem Umgang mit Feuer und hochentwickelten Werkzeugen ideal mit der Kälte umgehen konnte. Vor etwa 40.000 Jahren bekam dieser hochentwickelte Mensch es mit einem neuen Konkurrenten zu tun. In Afrika hatte sich der Homo Sapiens bereits seit vielen Jahrhunderten entwickelt. Er zeichnete sich durch einen schlanken und effizienten Körperbau und ein kleineres, aber leistungsfähigeres Gehirn aus. Er war resistenter und anpassungsfähiger als alle anderen Menschenformen vor ihm. Höchstwahrscheinlich verdrängte er die Neandertaler-Populationen in kürzester Zeit, auch begünstigt durch eine bis heute anhaltende Warmzeit ab 30.000 vor unserer Zeit.

Erst vor rund 6000 Jahren passte sich auch die Hautpigmentierung der in Europa lebenden Menschen an die neue Umwelt an. Alle Menschenarten vor dieser Zeit hatten eine schwarze Hautfarbe. Erst seit 6000 Jahren „verblasste“ die europäische Bevölkerung zunehmend.
Auch wenn somit Afrika die Wiege der Menschheit ist, sind es Europäer gewesen, die dem Kontinent ihren Namen gegeben haben. Im Jahr 146 v. Chr. eroberten die Römer die Stadt Karthago im heutigen Tunesien und wenig später gründeten sie dort die Provinz Africa. Im Laufe der Zeit wurde der Provinzname Africa von den Römern auf den gesamten Kontinent ausgedehnt.

So wie die Europäer damals, wissen auch wir heute wenig über Afrika vor 1800. Für die Europäer endete der Bereich der zivilisierten Welt am Nordrand der Sahara-Wüste und am Oberlauf des großen Nils. Handelswaren aus Afrika tauschte man mit den Berber-Stämmen am Sahara-Rand oder mit den Ägyptern. Dadurch dass im subsaharischen Afrika keine eigenständige Schrift entwickelt wurde, können wir die Geschichte dieser Zeit ebenfalls nur bruchstückartig erforschen.

Unser Bild von Afrika ist geprägt vom Topos der „Stämme“. Europäer stellen sich das alte Afrika oft als Ansammlung wilder Stämme vor, die von einem Häuptling geführt wird, der durch einen Medizinmann oder Schamanen unterstützt wird. Diese Stämme sollen sich mit Jagd und Sammlung von Nahrung perfekt an die wilde Vegetation und Tierwelt der Savanne angepasst und ein sehr einfaches Leben geführt haben. Auch die europäische Vorstellung von Menschenopfer, Kannibalismus und ständigen Kriegen dominiert noch. Durch die Sprachforschung, die Archäologie, Berichte von Reisenden sowie ägyptische und arabische Quellen entsteht allerdings ein völlig anderes Bild vom vorkolonialen Afrika:

Dadurch sind sechs verschiedene Strukturen von afrikanischen Gesellschaften vor 1800 bekannt:

Erstens lebten die meisten Afrikaner in sogenannten „akephalen Systemen“ oder „segmentären Gesellschaften“. Diese Siedlungsverbände bewohnten gemeinsam eine fruchtbare Gegend und kultivierten den Boden mit Ackerbau oder Viehzucht. Es gab auch halbnomadische Jägergesellschaften, die den großen Herden nachzogen. Diese kleinteiligen Verbände bezeichnet man als Klans und waren durch gemeinsame Riten und Kulte und den wirtschaftlichen Überlebenskampf miteinander verbunden. Innerhalb der Klans waren häufig alle Mitglieder in „Altersklassen“ unterteilt, die jeweils einen Status und unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen hatten. Der beschnittene Jugendliche trat in den Status als Krieger ein. Mit dem Alter der Familiengründung war der Übergang in den Erwachsenenstatus verbunden, darauf folgte die Klasse der Alten. Diese Hauptklassen waren wiederum mehrfach unterteilt. Die Führungsfunktion im Klan wurde meist nicht von einem Herrscher, sondern von einer Führungsgeneration übernommen. Die feierliche Übergabe der Verantwortung in einem Ritus legitimierte eine neue Generation, politische Macht auszuüben.
Neben diesem System waren aber auch die Wirkkraft der Familie und sogenannter Bünde (Zusammenschluss über die Klans hinaus) von großer Bedeutung für die afrikanische Gesellschaft. Innerhalb der Gemeinschaften war privates Eigentum unbekannt. Ackerboden wurde bearbeitet, solange man ihn brauchte. Wurde er ungenutzt verlassen, konnte jeder beliebige andere Dorfbewohner den Boden beackern. Ein Geflecht von Riten, Regeln und Räten bestimmte das Gemeinschaftsleben, es gab soziales Gefälle zwischen dominierenden „big men“ und Unfreien. Die Ausbildung territorialer und institutioneller Macht nach europäischem Sinn existierte hier nicht, nach Außen waren die segmentären Gesellschaften offen für Neulinge, das Rechtssystem basierte auf Mediation und Kompensationszahlungen.

Zweitens entwickelten sich in Westafrika Zonen verdichteter Herrschaft, die man in der Wissenschaft teilweise als „Reiche“ bezeichnet, vor allem die Reiche Ghana, Wolof, Luba, Mali und Songhay. Sie sind gekennzeichnet durch ein starkes Machtzentrum mit nach außen hin abnehmender Abhängigkeit. Die Regionen außerhalb des Machtzentrums wurden Tributen unterworfen, es gab also keine klaren Reichsgrenzen, dafür eher fließende Loyalitäten. Die Macht konzentrierte sich hier auf einen starken Herrscher, der meist spirituell überhöht war und sich durch Friedensicherung und Handelssicherheit legitimierte. Wirtschaftlich stützte sich ein Reich auf Ressourcen- und Handelsakkumulation teurer Güter, wie z.B. Gold, Kupfer, Salz oder Sklaven. Die Machtsicherung erfolgte meist durch die Kriegerkaste, die überlegene Militärtechnologie und Heeresorganisation aufwies. Die Gesellschaft war auch hier geordnet durch personale Bindungen, Familie, Klans, Altersklassen und Bünde, wobei der Herrscher hier eine übergeordnete Position einnahm, diese aber bei Inkompetenz rasch verlieren konnte.

Drittens bildeten sich auch polyzentrische Gebilde heraus, wie die Hausa-Stadtstaaten (Kongo), die Yoruba-Stadtstaaten (Nigeria) oder die Benin-Reiche. Diese Gebilde entwickelten sich jeweils aus mehreren stark befestigen Siedlungen mit bewaffneten Verteidigungstruppen mit eigenen Dynastien und Aristokratien, die eigenes Verwaltungspersonal einsetzten. Sie waren durch eine gemeinsame Kultur und Sprache verbunden und überlebten wirtschaftlich durch die starke Spezialisierung auf bestimmte Produkte. Die Mehrheit der Bevölkerung lebte in den kleinen Dörfern rund um die dominanten Siedlungen und versorgten deren Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Die Fürsten waren hier sehr mächtig, allerdings wurde ihre Macht durch Ältestenräte eingeschränkt, die sogar die Selbsttötung eines unfähigen Herrschers erzwingen konnten.

Viertens entstanden auch im Osten Afrikas solche „Stadtstaaten“. Die Hima-Städte trieben erfolgreich Handel und waren durch die Swahili-Sprache miteinander verbunden. Wie die Sprache war auch die Kultur massiv durch den Einfluss des arabischen Islam beeinflusst, den arabische Händler aus dem Mittleren Osten nach Ostafrika brachten.

Fünftens existierte im Nordwesten des Viktoria-Sees der Kriegerstaat Buganda mit einem ausdifferenzierten höfischen System, an dem die Klanführer teilnehmen mussten. Dieses Gebilde finanzierte sich durch die Kontrolle des Handels zwischen Binnenland und der Ostküste Afrikas.

Sechstens hatte sich bereits im Jahre 350 n. Chr. in Äthiopien das christliche Reich Aksum unter König Ezana gebildet. Es bestand bis ins 9. Jahrhundert und umfasste Teile Äthiopiens, Eritreas, des Sudan und des Jemen.

Die Portugiesen waren die ersten Europäer, die den Vorstoß in das subsaharische Afrika wagten. 1487 wurde die Südspitze Afrikas „entdeckt“, 1497 umsegelte Vasco da Gama das „Kap der Guten Hoffnung“ auf der Suche nach einem südlichen Weg nach Indien. Erst 1652 erfolgte die erste europäische Siedlung der Niederländer als Versorgungsstation für die nach Indonesien fahrenden Schiffe (Kapstadt). Portugiesische Siedlungen im Osten Afrikas gingen schnell unter, sie hatten aber europäische Begierde nach dem Gold, dem Elfenbein und den Sklaven Afrikas geweckt. Gewiss gab es Sklaverei auch bereits vor der Ankunft der Europäer. Aber das war nicht zu vergleichen mit dem transatlantischen Sklavenhandel, den die Europäer ins Leben riefen. Sie installierten ein menschenverachtendes System des Menschenraubs, indem die nach Amerika fahrenden Schiffe auf ihrem Weg an den afrikanischen Küsten Tausende Sklaven von den dort ansässigen Sklavenhändlern kauften und sie in die amerikanischen Kolonien verschleppten. Dies führte zu einer Transformation der afrikanischen Gesellschaften. Da die Europäer die Sklaven gegen neuartige Waren eintauschten, die den Händlern Macht und Reichtum brachten, spezialisierten sich ganze Gesellschaften auf den Menschenraub im Inneren Afrikas. Familien wurden auseinandergerissen, bis zu 12 Millionen Männer, Frauen und Kinder wurden auf die riesigen Plantagen für Baumwolle, Tabak und Zuckerrohr verschleppt, wo schier unersättlicher Bedarf nach Arbeitskräften herrschte. Viele Menschen überlebten den Transport, die Zwangsarbeit und die Bestrafungen nicht. In Afrika führte dies zur Zerstörung der alten Strukturen und zur Dezimierung der jungen und produktiven Bevölkerung. Dies bereitete den Europäern den Weg zur Unterwerfung des Kontinents ab dem Jahre 1800.

Literatur:
Ansprenger, Franz: Geschichte Afrikas, München 2002.
Asserate, Asfa-Wossen: Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten, Berlin 2018.
Marks, Robert B.: Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, Darmstadt 2006.
Sonderegger, Arno: Kurze Geschichte des Alten Afrikas: Von den Anfängen bis 1600, Berlin 2017.
Speitkamp, Winfried: Kleine Geschichte Afrikas, Stuttgart 2009.

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