Im Frühjahr 1525 erhoben sich im Süden und in der Mitte Deutschlands Zehntausende Bauern gegen ihre Herren. Sie plünderten Klöster, belagerten Burgen und forderten Freiheit und Gerechtigkeit – und beriefen sich dabei auf die Bibel. Wenige Monate später war der Aufstand blutig niedergeschlagen. Der Deutsche Bauernkrieg gilt als größte Volkserhebung in Europa vor der Französischen Revolution. Warum kam es dazu, was wollten die Bauern, und warum scheiterten sie?
Die Lage der Bauern um 1500
Um 1500 lebten etwa 80 bis 90 Prozent der Menschen im Heiligen Römischen Reich auf dem Land. Die meisten Bauern waren von einem Grundherrn abhängig – einem Adligen, einem Kloster oder einem Bischof. Sie mussten Abgaben in Form von Getreide, Vieh oder Geld leisten, Frondienste auf den Feldern des Herrn verrichten und der Kirche den Zehnten zahlen. Viele waren Leibeigene: Sie durften nicht ohne Erlaubnis wegziehen oder heiraten, und beim Tod eines Bauern forderte der Herr oft das beste Stück Vieh als Abgabe.
Im späten 15. Jahrhundert verschlechterte sich die Lage vieler Bauern. Die Landesherren wollten ihre Macht ausbauen und brauchten mehr Geld. Sie erhöhten die Abgaben, schränkten alte Rechte ein und verboten den Bauern zunehmend, in den Wäldern Holz zu schlagen, zu jagen oder in Bächen zu fischen. Diese Nutzungsrechte an der Allmende, dem Gemeindeland, waren für die Dorfbewohner lebenswichtig. Außerdem ersetzten die Herren das alte, mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht immer mehr durch das geschriebene römische Recht, das ihnen mehr Vorteile brachte.
Schon vor 1525 hatte es deshalb Aufstände gegeben, zum Beispiel die Bundschuh-Bewegung am Oberrhein und den Aufstand des „Armen Konrad“ in Württemberg 1514. Der Bundschuh, ein einfacher geschnürter Bauernschuh, wurde zum Symbol des bäuerlichen Widerstands.
Der Funke der Reformation
Seit 1517 verbreiteten sich die Lehren Martin Luthers in Windeseile. Luther schrieb 1520 von der „Freiheit eines Christenmenschen“ und übersetzte die Bibel ins Deutsche. Viele Bauern verstanden das auch politisch: Wenn vor Gott alle Menschen gleich waren und Christus alle erlöst hatte, wie konnte es dann Leibeigenschaft geben? In der Bibel fanden sie nichts, was den Zehnten auf Vieh oder das Jagdverbot rechtfertigte. Ihr Maßstab wurde das „göttliche Recht“, also das, was ihrer Ansicht nach der Bibel entsprach.
Die Zwölf Artikel
Im Sommer 1524 begannen die ersten Unruhen im südlichen Schwarzwald. Im Frühjahr 1525 sammelten sich in Oberschwaben große Bauernhaufen. Im März 1525 verfassten der Kürschnergeselle Sebastian Lotzer und der Prediger Christoph Schappeler in Memmingen die Zwölf Artikel. Sie wurden gedruckt und verbreiteten sich in kurzer Zeit in ganz Deutschland. Die wichtigsten Forderungen waren:
- Jede Gemeinde soll ihren Pfarrer selbst wählen und absetzen dürfen.
- Der kleine Zehnt auf Vieh soll abgeschafft werden, der große Zehnt auf Getreide nur noch für Pfarrer und Arme verwendet werden.
- Die Leibeigenschaft soll aufgehoben werden, „weil uns Christus alle erlöst hat“.
- Jagd, Fischfang und Holzschlag sollen allen erlaubt sein.
- Frondienste und Abgaben sollen auf ein gerechtes Maß begrenzt, Strafen nicht willkürlich verhängt werden.
Bemerkenswert ist der letzte Artikel: Die Bauern erklärten, sie würden jede Forderung zurücknehmen, die sich als unvereinbar mit der Bibel erweisen sollte. Die Zwölf Artikel waren also kein Aufruf zum Umsturz, sondern eine Forderung nach Reformen. Heute gelten sie als eine der ersten schriftlichen Forderungen nach Freiheitsrechten in Europa.
Der Verlauf des Krieges
Im Frühjahr 1525 breitete sich der Aufstand schnell aus: nach Franken, ins Elsass, nach Württemberg, Thüringen, Tirol und ins Salzburger Land. Die Bauernhaufen zählten oft mehrere Tausend Mann. Manche Adlige wie Götz von Berlichingen oder Florian Geyer schlossen sich ihnen an – freiwillig oder unter Zwang. Viele Burgen und Klöster wurden gestürmt und geplündert.
Ein Ereignis veränderte die Stimmung: Am 16. April 1525 eroberten Bauern die Stadt Weinsberg und töteten den Grafen Ludwig von Helfenstein und seine Begleiter, indem sie sie durch die Spieße jagten. Diese „Weinsberger Bluttat“ erschreckte viele Zeitgenossen und wurde von den Fürsten als Beweis für die Gefährlichkeit der Bauern genutzt.
In Thüringen wurde der Prediger Thomas Müntzer zur Leitfigur. Anders als Luther wollte er die Welt mit Gewalt verändern und die gottlosen Herrscher stürzen. Am 15. Mai 1525 kam es bei Frankenhausen zur Entscheidung. Die schlecht bewaffneten Bauern, die in einer Wagenburg Stellung bezogen hatten, wurden vom Heer der Fürsten vernichtend geschlagen. Tausende starben. Müntzer wurde gefangen, gefoltert und am 27. Mai bei Mühlhausen hingerichtet.
Im Süden zog das Heer des Schwäbischen Bundes unter Georg Truchsess von Waldburg, von den Bauern „Bauernjörg“ genannt, von Sieg zu Sieg, etwa bei Böblingen und Königshofen. Bis zum Sommer 1525 war der Aufstand fast überall niedergeschlagen, nur in Tirol und im Salzburger Land kämpften Bauern noch bis 1526 weiter. Insgesamt kamen wohl 70.000 bis 75.000 Menschen ums Leben.
Luther und die Bauern
Viele Bauern hatten gehofft, dass Luther auf ihrer Seite stehen würde. Zunächst schrieb er im April 1525 eine „Ermahnung zum Frieden“, in der er sowohl die Fürsten als auch die Bauern kritisierte. Als die Gewalt eskalierte, verfasste er jedoch die Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“. Darin forderte er die Fürsten auf, die Aufständischen „zu erschlagen, zu würgen und zu stechen“. Für Luther war die Freiheit eines Christen eine innere, geistliche Freiheit – nicht die Freiheit von weltlichen Herren. Viele Bauern fühlten sich von ihm verraten.
Warum scheiterten die Bauern?
- Militärische Unterlegenheit: Den Bauern fehlten Kampferfahrung, Reiterei und Geschütze. Ihnen standen gut ausgerüstete Landsknechte gegenüber.
- Fehlende Einheit: Die Bauernhaufen handelten meist nur regional. Die Aufstände verliefen zeitversetzt, sodass die Fürsten die Haufen nacheinander besiegen konnten.
- Unterschiedliche Ziele: Manche wollten nur mildere Abgaben, andere wie Müntzer eine völlig neue Ordnung.
- Fehlende Verbündete: Die meisten Städte, der Kaiser und auch Luther stellten sich gegen sie.
Die Folgen
Nach dem Krieg wurden die Aufständischen hart bestraft: mit Hinrichtungen, Geldstrafen und dem Verlust von Rechten. Gewinner waren die Landesfürsten, deren Macht weiter wuchs. Auch die Reformation veränderte sich: Sie wurde nun vor allem von den Fürsten gesteuert, die bestimmten, welcher Glaube in ihrem Land galt. In einigen Gebieten wurden die Lasten der Bauern allerdings auch vertraglich begrenzt, und Bauern konnten ihre Rechte künftig häufiger vor Gericht einklagen.
Wie der Bauernkrieg zu deuten ist, war lange umstritten. In der DDR galt er als „frühbürgerliche Revolution“, und Müntzer wurde als Held gefeiert. Andere Historiker betonen stärker die religiösen Motive oder sehen ihn als „Revolution des gemeinen Mannes“, an der neben Bauern auch Bergleute und Stadtbewohner beteiligt waren.
Aufgaben
- Nenne drei Ursachen für den Bauernkrieg.
- Erkläre, wie die Bauern ihre Forderungen in den Zwölf Artikeln begründeten.
- Vergleiche die Haltung Luthers und Müntzers zum Aufstand der Bauern.
- Beurteile, ob man den Bauernkrieg als „Revolution“ bezeichnen kann.