Die abendländische Sicht auf die Mongolen im 13. Jahrhundert

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Ein Volk aus der Hölle?

Als die mongolischen Heere 1241 bei Liegnitz und Muhi zwei christliche Ritterheere vernichteten, stand das Abendland unter Schock. Wer waren diese unbekannten Reiter, die scheinbar aus dem Nichts gekommen waren und gegen die selbst die besten Heere Europas chancenlos blieben? Die Antworten, die sich die Menschen des 13. Jahrhunderts auf diese Frage gaben, sagen mindestens ebenso viel über das mittelalterliche Europa selbst aus wie über die Mongolen – und sie zeigen exemplarisch, wie das Abendland mit dem radikal Fremden umging: zunächst mit Deutungen aus religiöser Tradition und Legende, dann zunehmend mit systematischer Beobachtung.

Der Name als Programm: Von „Tataren“ zu „Tartaren“

Bereits die Bezeichnung, die sich in Europa für die Angreifer durchsetzte, ist aufschlussreich. Der Begriff leitete sich vermutlich vom Steppenvolk der Tataren ab, das früh von den Mongolen unterworfen worden war. Im lateinischen Westen wurde daraus jedoch „Tartaren“ – eine bewusste oder unbewusste Anlehnung an den Tartarus, die Hölle bzw. den tiefsten Ort der Unterwelt in der antiken Mythologie. Die Angreifer wurden damit sprachlich buchstäblich zu einem Volk aus der Hölle erklärt.

Diese Wortwahl war kein Zufall, sondern Ausdruck einer verbreiteten Deutung: Die unbekannten Reiter, deren Grausamkeit in dramatischen Berichten geschildert wurde, ließen sich für viele Zeitgenossen nur als übernatürliche, endzeitliche Bedrohung erklären.

Endzeiterwartung: Gog und Magog

Das mittelalterliche Abendland verfügte über einen festen Deutungsrahmen für unbekannte Bedrohungen aus dem Osten: die biblische Endzeitprophetie. In der Offenbarung des Johannes und im Buch Ezechiel ist von den Völkern Gog und Magog die Rede, die am Ende der Zeiten hervorbrechen und die Christenheit heimsuchen würden. Eine verbreitete mittelalterliche Legende besagte zudem, Alexander der Große habe diese wilden Völker einst hinter einem eisernen Tor im Kaukasus eingeschlossen – bis zum Jüngsten Tag.

Als die Mongolen über Osteuropa hereinbrachen, lag für viele Zeitgenossen der Schluss nahe: Die eingeschlossenen Endzeitvölker waren losgebrochen, das Ende der Welt stand bevor. Diese apokalyptische Deutung prägte die erste Phase der abendländischen Mongolenwahrnehmung maßgeblich – die reale, historisch-politische Macht im fernen Asien wurde durch die Brille jahrhundertealter religiöser Traditionen betrachtet.

Die Hoffnung auf den Priesterkönig Johannes

Neben der Angst existierte allerdings auch eine gegenteilige Deutung, die auf einer anderen mittelalterlichen Legende beruhte: dem Mythos vom Priesterkönig Johannes. Dieser sagenhafte christliche Herrscher sollte irgendwo im fernen Osten über ein mächtiges Reich gebieten und wurde im lateinischen Europa als potenzieller Verbündeter gegen den Islam herbeigesehnt.

Als erste Nachrichten von den mongolischen Siegen über muslimische Reiche (etwa das Reich der Choresm-Schahs) nach Europa gelangten, hofften manche zunächst, hinter den unbekannten Eroberern könnte der Priesterkönig oder ein christlicher König aus seinem Umfeld stehen. Erst der Angriff auf das christliche Osteuropa zerstörte diese Hoffnung – doch die Legende blieb wirkmächtig: Noch die späteren Reiseberichte setzten sich mit der Frage auseinander, wo denn nun das Reich des Priesterkönigs zu finden sei, und verknüpften die Mongolen auf verschiedene Weise mit dieser Erzähltradition.

Der Wendepunkt: Europa beginnt zu forschen

Nach dem Schock von 1241/42 und dem überraschenden Rückzug der Mongolen reagierte das Abendland bemerkenswert pragmatisch. Papst Innozenz IV. entsandte ab 1245 Gesandtschaften ins Mongolenreich – mit einem doppelten Auftrag: diplomatische Kontakte zu knüpfen und, ganz nüchtern, strategisch wichtige Informationen über den gefährlichen Gegner zu sammeln.

Johannes von Plano Carpini: Der erste Bericht aus erster Hand

Die berühmteste dieser Missionen unternahm der Franziskaner Johannes von Plano Carpini (1245–1247). Der bereits über sechzigjährige Mönch reiste über Böhmen, Schlesien und Kiew durch die von den Mongolen beherrschten Gebiete bis in die Nähe von Karakorum, wo er der Inthronisation des Großkhans Güyük beiwohnte. Sein Bericht, die Ystoria Mongalorum („Kunde von den Mongolen“), ist ein Schlüsseldokument der europäischen Geistesgeschichte.

Bemerkenswert an Plano Carpinis Werk ist die Mischung aus nüchterner Beobachtung und tradierten Legenden: Einerseits beschrieb er detailliert und teils erstaunlich sachlich die Lebensweise, Religion, Gesellschaftsordnung und vor allem die Militärorganisation der Mongolen – sein Bericht enthält geradezu einen strategischen Leitfaden, wie ein europäisches Heer den Mongolen begegnen müsste. Andererseits verwob er seine empirischen Beobachtungen weiterhin mit den überlieferten abendländischen Erzähltraditionen, etwa der Legende vom Priesterkönig. Sein Bericht zeigt damit exemplarisch das Ringen des 13. Jahrhunderts zwischen traditio (der überlieferten Deutung) und Empirie (der eigenen Anschauung).

Zugleich blieb sein Urteil ambivalent: Er beschrieb die Mongolen als untereinander durchaus fürsorglich und ihrem Herrscher absolut gehorsam, hielt aber ebenso fest, dass Töten, Rauben und Gewalt gegenüber Fremden bei ihnen nicht als Unrecht gälten – eine Charakterisierung, die das Bild des grausamen, aber keineswegs „höllischen“, sondern sehr menschlichen Feindes zeichnete.

Wilhelm von Rubruk und die weitere Erkundung

Wenige Jahre später (1253–1255) reiste der Franziskaner Wilhelm von Rubruk im Auftrag des französischen Königs Ludwig IX. bis nach Karakorum. Sein Bericht gilt als eine der besten ethnographischen Beschreibungen des Mittelalters überhaupt: detailliert, kritisch gegenüber Gerüchten und Legenden und um genaue Beobachtung bemüht. Rubruk räumte unter anderem mit verbreiteten Fabelvorstellungen über den Osten auf und beschrieb das Alltagsleben, die religiöse Vielfalt (am Hof des Großkhans trafen Christen, Muslime und Buddhisten aufeinander) und die politischen Verhältnisse des Mongolenreichs.

Vom Feind zum möglichen Verbündeten

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wandelte sich das abendländische Mongolenbild ein weiteres Mal – nun aus machtpolitischen Gründen. Da die Mongolen im Nahen Osten gegen muslimische Mächte kämpften (1258 eroberten sie Bagdad und beendeten das Abbasiden-Kalifat), erschienen sie manchen europäischen Strategen plötzlich als potenzielle Verbündete gegen den Islam – die alte Priesterkönig-Hoffnung in neuem, realpolitischem Gewand. Es kam zu diplomatischen Kontakten zwischen europäischen Höfen, dem Papsttum und dem mongolischen Ilchanat in Persien über ein mögliches gemeinsames Vorgehen gegen die ägyptischen Mamluken – auch wenn eine solche Allianz nie wirklich zustande kam.

Aus den apokalyptischen „Höllenvölkern“ von 1241 waren binnen weniger Jahrzehnte reale politische Akteure geworden, mit denen man verhandelte, über die man Berichte verfasste und deren Reich europäische Kaufleute – am berühmtesten Marco Polo – nun bereisten. Die Forschung hat diesen bemerkenswerten Wandel auf die Formel gebracht, dass die mongolischen Reiter im abendländischen Urteil „vom Feind zum Freund“ umgedeutet wurden – wobei Angst, Faszination und strategisches Kalkül stets nebeneinander bestanden.

Was uns diese Geschichte lehrt

Die Entwicklung des abendländischen Mongolenbildes im 13. Jahrhundert ist ein Lehrstück über den Umgang mit dem Fremden:

  1. Deutungsmuster prägen Wahrnehmung: Das mittelalterliche Europa nahm die Mongolen zunächst nicht als das wahr, was sie waren, sondern als das, was die eigene religiöse Tradition erwartete – Endzeitvölker, Höllenwesen, oder umgekehrt: Boten des Priesterkönigs.
  2. Empirie kann Legenden korrigieren: Die Reiseberichte von Plano Carpini und Rubruk zeigen, wie direkte Beobachtung überlieferte Vorstellungen schrittweise ersetzte – auch wenn dieser Prozess langsam verlief und alte Legenden noch lange fortwirkten.
  3. Feindbilder sind wandelbar: Je nach politischer Interessenlage konnte dasselbe Volk als apokalyptische Bedrohung oder als erhoffter Bündnispartner erscheinen – eine Beobachtung, die weit über das Mittelalter hinaus Gültigkeit besitzt.

Fazit

Die abendländische Sicht auf die Mongolen im 13. Jahrhundert durchlief einen bemerkenswerten Wandel: von der apokalyptischen Deutung als höllische „Tartaren“ und Endzeitvölker Gog und Magog über die systematische Erkundung durch päpstliche und königliche Gesandte bis hin zur realpolitischen Betrachtung als möglicher Bündnispartner gegen den Islam. Dieser Prozess markiert zugleich einen wichtigen Schritt in der europäischen Geistesgeschichte: Mit den Reiseberichten des 13. Jahrhunderts begann das Abendland, die Welt jenseits seiner Grenzen nicht mehr nur durch die Brille biblischer und antiker Überlieferung, sondern zunehmend durch eigene Anschauung zu erfassen.

Quellen

  • Einfall der Mongolen in Europa: https://www.worldhistory.org/trans/de/2-1453/einfall-der-mongolen-in-europa/
  • Felicitas Schmieder: Europa und die Fremden. Die Mongolen im Urteil des Abendlandes vom 13. bis in das 15. Jahrhundert (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 16), Sigmaringen 1994 – das wissenschaftliche Standardwerk zum Thema
  • Felicitas Schmieder (Hrsg.): Johannes von Plano Carpini, Kunde von den Mongolen (1245–1247), eingeleitet, übersetzt und erläutert (Fremde Kulturen in alten Berichten 4), Sigmaringen 1997; überarbeitete Auflage Wiesbaden 2015 – die zentrale Primärquelle in kommentierter deutscher Übersetzung
  • Axel Klopprogge: Ursprung und Ausprägung des abendländischen Mongolenbildes im 13. Jahrhundert. Ein Versuch zur Ideengeschichte des Mittelalters, Wiesbaden 1993 – ideengeschichtliche Studie zu den Deutungsmustern
  • Felicitas Schmieder: Wenn die Tartaren kommen. Endzeitliche Umdeutungen: Wie die mongolischen Reiter vom Feind zum Freund wurden, in: Michael Jeismann (Hrsg.), Das 13. Jahrhundert. Kaiser, Ketzer und Kommunen, München 2000, S. 53–57
  • Dissertation (FU Berlin, Open Access) – Kapitel „Magog-Mongolen im Spannungsfeld von traditio und Empirie“ (zur Verbindung von Endzeiterwartung und empirischer Beobachtung bei Plano Carpini): https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/203/04_KapIV.pdf
  • Universität Hamburg (Arbeitsbereich Spätmittelalter) – Studie zum Mongolenreich aus abendländischer Sicht am Beispiel Jean de Mandevilles: https://www.spaetmittelalter.uni-hamburg.de/spaetmittelalter/Lehre/pdf/Seeburg_Das%20Mongolenreich%20aus%20abendlaendischer%20Sicht_Mandeville.pdf
  • Michael Weiers: Geschichte der Mongolen, Kohlhammer, Stuttgart 2004 – zur Begriffsgeschichte „Tataren/Tartaren“ und zur mongolischen Geschichte allgemein