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Die Kreuzzüge – Kampf gegen das Andere

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Wenn wir an die Kreuzzüge denken, stellen wir uns meist Ritter vor, die gegen Muslime um Jerusalem kämpfen. Doch die Kreuzzüge richteten sich keineswegs nur gegen Muslime. Im Laufe des Mittelalters wurden auch Juden, orthodoxe Christen, sogenannte Ketzer und nichtchristliche Völker in Europa zu Opfern. Was all diese Gruppen verband: Sie galten als „die Anderen“ – als Menschen, die nicht zur richtigen Gemeinschaft der Gläubigen gehörten. In diesem Beitrag geht es um die Frage, wie Feindbilder entstanden und welche Folgen sie hatten.

Wie entsteht ein Feindbild?

Ein Feindbild entsteht, wenn eine Gruppe eine andere als grundsätzlich böse, gefährlich oder minderwertig darstellt. Dabei hilft eine einfache Einteilung in „wir“ und „die“. Die eigene Gruppe erscheint gut und gerecht, die andere als Bedrohung. Im Mittelalter geschah diese Einteilung vor allem über die Religion. Die lateinische Christenheit unter der Führung des Papstes verstand sich als Gemeinschaft der wahren Gläubigen. Wer nicht dazugehörte, konnte schnell zum Feind erklärt werden.

1. Muslime: der Feind im Osten

In seiner Rede in Clermont 1095 zeichnete Papst Urban II. ein düsteres Bild der Muslime im Heiligen Land. Nach den Berichten späterer Chronisten beschrieb er sie als grausames, gottloses Volk, das Christen quäle und Kirchen schände. Viele dieser Schilderungen waren stark übertrieben. Sie sollten die Zuhörer emotional aufwühlen und zum Kampf bewegen. Über den Islam selbst wussten die meisten Europäer kaum etwas. Manche hielten ihn für eine Art christliche Irrlehre, andere glaubten, Muslime würden Götzenbilder anbeten.

Interessant ist ein Blick auf die andere Seite: Muslimische Autoren sahen die Kreuzfahrer, die sie „Franken“ nannten, ebenfalls als fremd an. Der syrische Adlige Usama ibn Munqidh beschrieb sie im 12. Jahrhundert als tapfere Krieger, aber auch als ungebildet und roh, etwa in ihrer Medizin. Er berichtete jedoch auch von Freundschaften mit einzelnen Franken, die schon länger im Orient lebten. Auch das gehört zum Bild der Kreuzzugszeit.

2. Juden: der Feind im eigenen Land

Die ersten Opfer des Ersten Kreuzzugs lebten nicht im Orient, sondern mitten in Europa. Im Frühjahr 1096 überfielen Kreuzfahrerscharen die jüdischen Gemeinden im Rheinland, in Speyer, Worms, Mainz, Köln und Trier. Tausende Juden wurden ermordet oder zur Taufe gezwungen; viele nahmen sich lieber selbst das Leben. Die Täter fragten: Warum sollen wir in die Ferne ziehen, um gegen die Feinde Christi zu kämpfen, wenn sie doch hier unter uns leben? Dahinter stand der alte Vorwurf, die Juden seien schuld am Tod Jesu. Hinzu kamen Habgier und die Hoffnung, sich an jüdischem Besitz zu bereichern.

Manche Bischöfe versuchten, die Juden zu schützen, oft ohne Erfolg. Die Pogrome von 1096 gelten als tiefer Einschnitt in der Geschichte der Juden in Deutschland. Bei späteren Kreuzzügen wiederholte sich die Gewalt.

3. Orthodoxe Christen: fremde Brüder

Eigentlich sollten die Kreuzzüge den Christen im Byzantinischen Reich helfen. Doch seit der Kirchenspaltung von 1054 waren sich die lateinische Kirche im Westen und die griechisch-orthodoxe Kirche im Osten fremd geworden. Die Kreuzfahrer hielten die Byzantiner oft für hinterlistig und verweichlicht, die Byzantiner die Kreuzfahrer für ungehobelte Barbaren. 1204 eroberten und plünderten Kreuzfahrer des Vierten Kreuzzugs sogar Konstantinopel, die größte christliche Stadt der Welt. Aus Glaubensbrüdern waren Feinde geworden.

4. Ketzer: die Feinde im Inneren

Bald wurde die Idee des Kreuzzugs auch auf Christen übertragen, die von der Lehre der Kirche abwichen. Im Süden Frankreichs verbreiteten sich die Katharer, auch Albigenser genannt. Sie lebten sehr streng und lehnten die reiche, mächtige Kirche ab. Papst Innozenz III. rief deshalb 1209 zum Albigenserkreuzzug auf, der bis 1229 dauerte. Bei der Eroberung der Stadt Béziers wurde 1209 fast die gesamte Bevölkerung getötet. Ein Mönch berichtete später, der päpstliche Gesandte habe auf die Frage, wie man Katharer und Katholiken unterscheiden solle, geantwortet: „Tötet sie alle, Gott wird die Seinen erkennen.“ Ob dieser Satz wirklich gefallen ist, ist unsicher. Er zeigt aber, wie das Feindbild die Grenze zwischen „uns“ und „den Anderen“ verwischen konnte.

5. „Heiden“: Kreuzzüge in Nord- und Osteuropa

Auch gegen Völker, die noch nicht christlich waren, wurden Kreuzzüge geführt. 1147 zogen sächsische, dänische und polnische Fürsten im Wendenkreuzzug gegen die slawischen Stämme östlich der Elbe, etwa im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Später eroberte der Deutsche Orden das Land der Prußen und weite Teile des Baltikums. Hier mischten sich Mission, Eroberung und die Suche nach neuem Land besonders deutlich.

Gab es auch Begegnung statt Kampf?

Ja – und das ist wichtig, um kein neues Schwarz-Weiß-Bild zu zeichnen. In den Kreuzfahrerstaaten lebten Christen, Muslime und Juden nebeneinander und trieben Handel. Es gab Verträge und Waffenstillstände. Kaiser Friedrich II. erreichte 1229 durch Verhandlungen mit dem Sultan von Ägypten, dass Jerusalem für einige Jahre wieder den Christen zugänglich wurde – ganz ohne Schlacht. Dafür wurde er von vielen Zeitgenossen scharf kritisiert. Auch innerhalb der Christenheit gab es Stimmen, die das Töten im Namen Gottes kritisierten.

Die Kreuzzüge in der Erinnerung

Die Feindbilder der Kreuzzugszeit wirken bis heute nach. In der arabischen Welt werden die Kreuzzüge oft als Beginn einer langen Geschichte westlicher Angriffe gesehen, die über die Kolonialzeit bis in die Gegenwart reicht. Der libanesische Schriftsteller Amin Maalouf hat dieser Sicht in seinem Buch „Der Heilige Krieg der Barbaren“ eine Stimme gegeben. Umgekehrt benutzen heute Extremisten auf beiden Seiten das Wort „Kreuzzug“, um Hass zu schüren. Umso wichtiger ist es, die Geschichte genau und aus mehreren Perspektiven zu betrachten.

Fazit

Die Kreuzzüge waren nicht nur Kriege um Jerusalem, sondern ein Kampf gegen alle, die als „anders“ galten: Muslime, Juden, orthodoxe Christen, Ketzer und Heiden. Feindbilder machten die Gewalt gegen diese Gruppen für viele Zeitgenossen gerechtfertigt. Gleichzeitig zeigt die Geschichte, dass es neben Hass und Gewalt auch Begegnung, Handel und Verständigung gab. Wer über die Kreuzzüge spricht, lernt deshalb auch etwas über die Frage, wie Menschen mit dem Fremden umgehen – eine Frage, die bis heute aktuell ist.

Quellen