Preußens Aufstieg zur Deutschen Großmacht

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Vom brandenburgischen Kurfürstentum zur europäischen Großmacht

Kaum eine Entwicklung der deutschen Geschichte ist so voraussetzungsreich und zugleich so folgenschwer wie der Aufstieg Preußens von einem territorial zersplitterten, wirtschaftlich schwachen Kurfürstentum zu einer der führenden Mächte Europas und schließlich zum staatlichen Kern des 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreichs. Für die Abiturprüfung ist dieser Prozess von zentraler Bedeutung, da er zentrale Kategorien der historischen Analyse – Staatsbildung, Machtpolitik, Reformprozesse, Multikausalität – exemplarisch verdeutlicht und zugleich den unmittelbaren Vorlauf zur Reichsgründung 1871 bildet.

Ausgangslage: Ein zersplittertes Territorium

Brandenburg-Preußen war zu Beginn der Frühen Neuzeit alles andere als ein naheliegender Kandidat für eine europäische Großmachtrolle. Das Staatsgebiet bestand aus territorial getrennten, wirtschaftlich schwachen und militärisch verwundbaren Gebieten: der Mark Brandenburg, dem Herzogtum Preußen (außerhalb des Heiligen Römischen Reiches gelegen) sowie später hinzukommenden Territorien am Niederrhein (Kleve, Mark, Ravensberg). Diese geographische Zersplitterung – ohne natürliche Grenzen und ohne wirtschaftliches Kernland vergleichbar mit Frankreich oder England – blieb eine strukturelle Herausforderung der brandenburgisch-preußischen Politik über Jahrhunderte hinweg.

Der Große Kurfürst: Grundstein der preußischen Großmachtpolitik

Als eigentlichen Begründer der preußischen Großmachtpolitik gilt gemeinhin Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst (Regierungszeit 1640–1688). Nach den verheerenden Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges, der Brandenburg-Preußen besonders hart getroffen hatte, verfolgte er eine konsequente Politik der Staatsstärkung:

  • Aufbau eines stehenden Heeres, das die militärische Verwundbarkeit des zersplitterten Territoriums kompensieren sollte.
  • Zentralisierung der Steuererhebung und Verwaltung, wodurch der Kurfürst zunehmend unabhängig von den ständischen Vertretungen wurde.
  • Eine merkantilistische Wirtschaftspolitik, unter anderem durch die Aufnahme protestantischer Glaubensflüchtlinge (insbesondere der Hugenotten nach dem Edikt von Potsdam 1685), die wirtschaftliches und kulturelles Kapital nach Brandenburg brachten.

Diese Politik legte das Fundament für das, was die historische Forschung häufig als preußischen Absolutismus bezeichnet: eine effiziente, zentral gesteuerte Staatsmaschinerie, getragen von Militär und Beamtentum, die im europäischen Vergleich bemerkenswert leistungsfähig war.

Die Erhebung zum Königreich 1701

Ein wichtiger symbolischer und völkerrechtlicher Schritt war die Krönung Friedrichs III. als König Friedrich I. „in Preußen“ im Jahr 1701. Da das Herzogtum Preußen außerhalb des Heiligen Römischen Reiches lag, konnte der Kurfürst hier den Königstitel annehmen, ohne die reichsrechtlichen Verhältnisse in Brandenburg zu verletzen. Dieser Akt war zunächst vor allem ein Prestigegewinn und stand im Kontext der Gegenleistung für preußische Waffenhilfe im Spanischen Erbfolgekrieg – die eigentliche machtpolitische Bedeutung Preußens sollte sich erst im 18. Jahrhundert entfalten.

Friedrich der Große und der Aufstieg zur Großmacht

Der entscheidende Sprung Preußens in den Kreis der europäischen Großmächte erfolgte unter Friedrich II. („der Große“), der von 1740 bis 1786 regierte. Mehrere Faktoren waren hierfür ausschlaggebend:

Die Schlesischen Kriege

Unmittelbar nach seinem Regierungsantritt 1740 nutzte Friedrich II. den Herrschaftsantritt Maria Theresias in Österreich – deren Anspruch als Frau auf den habsburgischen Thron umstritten war – zum Angriff auf die reiche Provinz Schlesien. In drei Schlesischen Kriegen (1740–1742, 1744–1745, 1756–1763) gelang es Preußen, Schlesien dauerhaft zu erobern und gegen die Großmacht Österreich zu behaupten.

Besonders der Siebenjährige Krieg (1756–1763), in dem sich Preußen gegen eine Koalition aus Österreich, Frankreich, Russland und weiteren Mächten behaupten musste, gilt als Bewährungsprobe: Trotz zeitweise existenzbedrohender Lage (u. a. durch die kurzzeitige Besetzung Berlins) gelang es Preußen, seinen Großmachtstatus zu behaupten – nicht zuletzt begünstigt durch das sogenannte „Mirakel des Hauses Brandenburg“ (der plötzliche Thronwechsel in Russland 1762, der zum Ausscheiden Russlands aus der gegnerischen Koalition führte).

Innere Reformen und Verwaltungsstruktur

Friedrich II. setzte zudem die Reform- und Zentralisierungspolitik seiner Vorgänger fort: effiziente Verwaltung, Förderung von Landwirtschaft und Gewerbe, religiöse Toleranz (in gewissen Grenzen) sowie eine straffe Militärorganisation. Preußen entwickelte sich zu einem Staat, dessen militärische und administrative Effizienz in deutlichem Missverhältnis zu seiner eigentlichen wirtschaftlichen und demographischen Größe stand – eine Beobachtung, die schon Zeitgenossen festhielten und die die Bezeichnung Preußens als „Armee mit einem Staat“ (statt umgekehrt) prägte.

Krise und Erneuerung: Die Preußischen Reformen

Der nächste entscheidende Wendepunkt war die schwere Niederlage Preußens gegen Napoleon in den Schlachten von Jena und Auerstedt (1806). Diese Katastrophe offenbarte gravierende strukturelle Schwächen des preußischen Staates und löste die sogenannten Preußischen Reformen aus (etwa 1807–1815), maßgeblich getragen von Reformern wie Freiherr vom Stein und Fürst von Hardenberg:

  • Bauernbefreiung (Aufhebung der Erbuntertänigkeit, 1807)
  • Städtereform (Einführung kommunaler Selbstverwaltung, 1808)
  • Gewerbefreiheit (Abschaffung der Zunftbindung)
  • Heeresreform (u. a. durch Scharnhorst und Gneisenau: allgemeine Wehrpflicht, Modernisierung der Militärstruktur)
  • Bildungsreform (Wilhelm von Humboldt: Neugründung der Berliner Universität 1810, Reform des Bildungswesens)

Diese Reformen waren eine direkte Reaktion auf die Erkenntnis, dass der alte, stark ständisch geprägte Staat der napoleonischen Herausforderung nicht gewachsen war. Sie modernisierten Preußen grundlegend und schufen die administrativen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für dessen spätere Rolle im 19. Jahrhundert – auch wenn viele Reformvorhaben (insbesondere eine umfassende Verfassung) letztlich unvollendet blieben oder nach dem Wiener Kongress wieder zurückgenommen wurden.

Preußen im Deutschen Bund: Rivalität mit Österreich

Nach dem Wiener Kongress 1815 war Preußen neben Österreich die bedeutendste Macht im neu gegründeten Deutschen Bund. Zwischen beiden Großmächten entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts eine zunehmende Rivalität um die Frage der deutschen Einigung – bekannt als der Gegensatz zwischen großdeutscher Lösung (unter Einschluss Österreichs) und kleindeutscher Lösung (unter preußischer Führung, ohne Österreich).

Ein entscheidender wirtschaftlicher Vorteil Preußens in dieser Rivalität war der von Preußen initiierte Deutsche Zollverein (1834), der die meisten deutschen Staaten in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum unter faktisch preußischer Führung zusammenschloss – während Österreich außen vor blieb. Diese wirtschaftliche Integration schuf eine wichtige strukturelle Voraussetzung für die spätere politische Führungsrolle Preußens.

Bismarck und die Einigungskriege

Der entscheidende machtpolitische Durchbruch gelang unter Otto von Bismarck, der 1862 preußischer Ministerpräsident wurde. Mit seiner berühmten „Blut und Eisen“-Rede desselben Jahres machte er deutlich, dass er die deutsche Frage notfalls mit militärischen Mitteln zu lösen gedachte. In drei sogenannten Einigungskriegen setzte Bismarck diese Politik konsequent um:

  1. Deutsch-Dänischer Krieg (1864): Gemeinsam mit Österreich gegen Dänemark um die Herzogtümer Schleswig und Holstein.
  2. Deutscher Krieg (1866): Preußen gegen Österreich (und dessen deutsche Verbündete); der entscheidende Sieg bei Königgrätz beendete den deutschen Dualismus zugunsten Preußens und führte zur Auflösung des Deutschen Bundes sowie zur Gründung des Norddeutschen Bundes unter preußischer Führung.
  3. Deutsch-Französischer Krieg (1870/71): Der Sieg über Frankreich (u. a. die entscheidende Schlacht bei Sedan) führte nicht nur zum Gewinn von Elsass-Lothringen, sondern beförderte auch den nationalen Einigungsprozess: Die süddeutschen Staaten traten dem Norddeutschen Bund bei, und am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles der preußische König Wilhelm I. zum ersten Deutschen Kaiser proklamiert.

Historiographische Einordnung: Kontinuität oder Bruch?

Für die Abiturvorbereitung ist es wichtig, den preußischen Aufstieg nicht als geradlinigen, zwangsläufigen Prozess misszuverstehen. Die Geschichtswissenschaft diskutiert kontrovers, inwiefern hier eine kontinuierliche „preußische Mission“ zur deutschen Einigung vorlag (eine Sichtweise, die vor allem in der älteren, oft nationalistisch gefärbten „kleindeutschen“ Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts vertreten wurde) oder ob es sich vielmehr um eine Verkettung kontingenter Ereignisse, geschickter Machtpolitik und günstiger struktureller Voraussetzungen handelte. Die moderne Forschung tendiert überwiegend zu letzterer, differenzierteren Sichtweise: Der Aufstieg Preußens war das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus institutioneller Reformfähigkeit, militärischer Stärke, wirtschaftlicher Integration und – nicht zuletzt – der geschickten machtpolitischen Ausnutzung historischer Gelegenheiten durch einzelne Akteure wie Friedrich II. und Bismarck.

Fazit

Der Aufstieg Preußens von einem territorial zersplitterten Kurfürstentum zur deutschen Großmacht und schließlich zum Kernstaat des Deutschen Kaiserreichs vollzog sich über mehr als zwei Jahrhunderte in mehreren entscheidenden Phasen: der Staatsbildung unter dem Großen Kurfürsten, dem militärischen Durchbruch unter Friedrich dem Großen, der grundlegenden Modernisierung durch die Preußischen Reformen und schließlich der machtpolitischen Vollendung durch Bismarcks Einigungskriege. Dieser Prozess verdeutlicht exemplarisch, wie institutionelle Reformfähigkeit, militärische Stärke und geschickte Machtpolitik zusammenwirken können, um einen zunächst schwachen Staat zur dominierenden Macht eines ganzen Kontinents aufsteigen zu lassen – ein Umstand, der zugleich die Grundlage für das spätere, ambivalente Verhältnis Deutschlands zu seiner preußisch-militärischen Vergangenheit bildete.

Quellen