Nach dem gemeinsamen Sieg über die Perser um 480 v. Chr. waren Athen und Sparta die beiden mächtigsten Stadtstaaten Griechenlands. Nur ein halbes Jahrhundert später führten sie einen Krieg gegeneinander, der fast die gesamte griechische Welt erfasste und 27 Jahre dauerte: den Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.). Er endete mit der Niederlage Athens und markierte das Ende der klassischen Blütezeit Athens. Zugleich verdanken wir diesem Krieg eines der bedeutendsten Geschichtswerke der Antike.
Zwei ungleiche Mächte
Athen war eine Demokratie, eine reiche Handelsstadt und die stärkste Seemacht Griechenlands. Nach den Perserkriegen hatte es 478/477 v. Chr. den Attisch-Delischen Seebund gegründet, ein Bündnis vieler Städte an der Ägäis. Aus dem Bündnis wurde nach und nach ein athenisches Herrschaftsgebiet: Die Mitglieder mussten Tribute zahlen, 454 v. Chr. wurde die Bundeskasse nach Athen gebracht, und Städte, die austreten wollten, wurden mit Gewalt daran gehindert. Mit diesem Geld wurden auch die prächtigen Bauten auf der Akropolis finanziert.
Sparta dagegen war ein von einer kleinen Kriegerelite beherrschter Staat mit der besten Landarmee Griechenlands. Es führte den Peloponnesischen Bund an, dem unter anderem Korinth und Theben angehörten. Sparta war konservativ, misstrauisch gegenüber Neuerungen und fürchtete vor allem Aufstände der unterdrückten Heloten auf seinem eigenen Gebiet.
Die Ursachen
Der Athener Thukydides, der den Krieg miterlebte und beschrieb, unterschied als einer der Ersten zwischen den Anlässen und der eigentlichen Ursache eines Krieges. Anlässe gab es mehrere: einen Konflikt um die Insel Kerkyra (Korfu), in den Athen gegen Korinth eingriff, die Belagerung der abtrünnigen Stadt Poteidaia und ein Handelsverbot, mit dem Athen die Stadt Megara vom Markt ausschloss. Als wahre Ursache nannte Thukydides aber das Wachstum der athenischen Macht und die Furcht, die es in Sparta auslöste.
Phase 1: Der Archidamische Krieg (431–421 v. Chr.)
Der athenische Staatsmann Perikles verfolgte einen klaren Plan: Athen sollte eine Landschlacht gegen das überlegene spartanische Heer vermeiden. Die Landbevölkerung Attikas zog sich hinter die Langen Mauern zurück, die Athen mit seinem Hafen Piräus verbanden. Über das Meer blieb die Stadt versorgt, während die athenische Flotte die Küsten des Peloponnes angriff. Das spartanische Heer unter König Archidamos verwüstete zwar jedes Jahr das attische Land, konnte Athen aber nicht einnehmen.
Dann traf Athen ein Unglück, mit dem niemand gerechnet hatte: 430 v. Chr. brach in der überfüllten Stadt eine Seuche aus, die Thukydides selbst überlebte und genau beschrieb. Ein großer Teil der Bevölkerung starb, 429 v. Chr. auch Perikles. Danach bestimmten Politiker wie der kriegsbereite Kleon die Politik. Beide Seiten errangen Erfolge: Athen nahm 425 v. Chr. bei Pylos spartanische Soldaten gefangen, der spartanische Feldherr Brasidas eroberte die wichtige Stadt Amphipolis. 421 v. Chr. schlossen die erschöpften Gegner den Nikiasfrieden, benannt nach dem athenischen Verhandlungsführer.
Zwischen den Kriegen: Melos und Sizilien
Der Frieden hielt nicht lange. 416 v. Chr. forderte Athen die neutrale Insel Melos auf, sich zu unterwerfen. Als die Melier sich weigerten, töteten die Athener alle Männer und versklavten Frauen und Kinder. Thukydides schildert die Verhandlungen im berühmten Melierdialog, in dem die Athener erklären, das Recht gelte nur zwischen Gleichstarken; der Stärkere tue, was er könne, der Schwächere erleide, was er müsse.
415 v. Chr. beschloss die athenische Volksversammlung, angetrieben vom ehrgeizigen Alkibiades, eine gewaltige Flotte nach Sizilien zu schicken, um die reiche Stadt Syrakus zu erobern. Kurz nach dem Aufbruch wurde Alkibiades wegen eines religiösen Frevels nach Athen zurückbeordert. Er floh stattdessen nach Sparta und beriet nun den Feind. Die Sizilische Expedition endete 413 v. Chr. in einer Katastrophe: Fast die gesamte Flotte und Tausende Soldaten gingen verloren.
Phase 2: Der Dekeleische Krieg (413–404 v. Chr.)
Auf Rat des Alkibiades besetzten die Spartaner die Festung Dekeleia in Attika. Nun konnten sie das Umland dauerhaft kontrollieren; Tausende Sklaven aus den athenischen Silberbergwerken liefen zu ihnen über. Viele Bündner Athens fielen ab. Entscheidend war, dass Persien Sparta nun mit Geld unterstützte. Damit konnte Sparta eine eigene Flotte bauen. In Athen stürzte 411 v. Chr. zeitweise eine Oligarchie die Demokratie. Zwar siegte Athen 406 v. Chr. noch einmal in der Seeschlacht bei den Arginusen, doch 405 v. Chr. vernichtete der spartanische Feldherr Lysander die athenische Flotte bei Aigospotamoi. Nun wurde Athen vom Meer abgeschnitten und ausgehungert.
404 v. Chr. kapitulierte Athen. Die Langen Mauern wurden unter Flötenmusik eingerissen, die Flotte bis auf wenige Schiffe ausgeliefert, der Seebund aufgelöst. Sparta setzte in Athen eine Regierung von dreißig Oligarchen ein, die sogenannten Dreißig Tyrannen, die mit großer Grausamkeit regierten. Bereits 403 v. Chr. wurde die Demokratie jedoch wiederhergestellt.
Die Folgen
- Athen verlor seine Vormachtstellung für immer. Die klassische Blütezeit war vorbei.
- Sparta wurde zur Vormacht, konnte diese Stellung aber nicht lange halten. Kriege zwischen den griechischen Städten gingen weiter.
- Persien gewann wieder Einfluss auf Griechenland.
- Die Schwächung aller griechischen Stadtstaaten erleichterte später den Aufstieg Makedoniens unter Philipp II. und Alexander dem Großen.
Thukydides als Quelle
Thukydides war selbst athenischer Feldherr. Nachdem er 424 v. Chr. die Stadt Amphipolis nicht rechtzeitig retten konnte, wurde er für 20 Jahre verbannt. Im Exil sammelte er Informationen von beiden Seiten. Anders als frühere Geschichtsschreiber erklärte er Ereignisse nicht mit dem Willen der Götter, sondern mit menschlichen Motiven, Machtinteressen und Zufällen. Er gilt deshalb als Begründer der politischen Geschichtsschreibung. Für die Arbeit mit seinem Werk ist wichtig: Die vielen Reden in seinem Buch sind nicht wörtlich überliefert. Thukydides schreibt selbst, er habe die Redner sagen lassen, was seiner Meinung nach in der jeweiligen Lage angemessen war. Sein Werk bricht im Jahr 411 v. Chr. ab.
Hinweis für Lehrkräfte
Der Melierdialog und die Unterscheidung zwischen Anlass und Ursache eignen sich hervorragend für die Oberstufe, um Grundfragen der internationalen Politik zu diskutieren: Macht und Recht, Sicherheitsdilemma, Bündnisverpflichtungen. In der Politikwissenschaft wird Thukydides bis heute zitiert, etwa in der umstrittenen These von der „Thukydides-Falle“, nach der der Aufstieg einer neuen Macht die bestehende Großmacht leicht in einen Krieg treibt. Hier lässt sich gut diskutieren, wie weit historische Vergleiche tragen.
Aufgaben
- Vergleiche Athen und Sparta in einer Tabelle (Staatsform, militärische Stärke, Bündnis).
- Erkläre den Unterschied zwischen Anlass und Ursache am Beispiel des Peloponnesischen Krieges.
- Beurteile die Strategie des Perikles.
- Erörtere, welche Bedeutung der Melierdialog für das Verhältnis von Macht und Recht hat.
Quellen
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Peloponnesischer Krieg
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Attische Demokratie
- Enzyklopädie der Weltgeschichte: Karte der griechischen Stadtstaaten um 500 v. Chr.
- Lernhelfer Schülerlexikon: Verlauf der Peloponnesischen Kriege
- Landesbildungsserver Baden-Württemberg: Hintergründe des Peloponnesischen Krieges
- simpleclub: Peloponnesischer Krieg (431–404 v. Chr.)