Buchrezension: „Furcht und Befreiung. Wie der Zweite Weltkrieg die Menschheit bis heute prägt“ von Keith Lowe

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen prägen uns bis heute. Diese These hat mich und meine Schüler/innen in diesem Schuljahr besonders beschäftigt. In der neunten Klasse konnten wir die Folgen des Zweiten Weltkriegs untersuchen und es war spannend wie eine Schülerin dabei begonnen hat sich mit der Vergangenheit ihres in der Waffen-SS beteiligten Großvaters beschäftigen. Im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten untersuchte meine zehnte Klasse die Folgen von Flucht und Vertreibung nach dem Weltkrieg, eine Vergangenheit, die auch mich persönlich betrifft: Meine Vorfahren flohen 1945 als donauschwäbische Siedler aus dem Balkan-Raum nach Schwaben.

In der Kursstufe folgten wir sogar der Leitfrage von Keith Lowes neuen Buchs „Furcht und Befreiung“. Der Zweite Weltkrieg allerdings liegt nun über 70 Jahre hinter uns, seine Zeitzeugen sterben langsam aus und im Bildungsplan wird dem bedeutendsten Krieg der Menschheitsgeschichte heute nur noch eine Doppelstunde zugewiesen. So prägend kann dieser Krieg also nicht gewesen sein, könnte man vermuten.

Keith Lowe gelingt mit seinem Buch ein hochinteressanter personaler Ansatz: Um die menschliche Dimension dieser Folgen begreifbar zu machen, macht Lowe jedes Kapitel an der Geschichte einer Person fest, die den Krieg und seine Folgen hautnah miterlebte. Diese persönlichen Erfahrungen ermöglichen dem Leser den Wechsel verschiedenster Perspektiven, die alle von den beiden Hauptmotiven Furcht und Freiheit bedingt sind.

Der britische Historiker geht dabei sinnvoller Weise von kollektiver Erinnerung und einem kollektiven Narrativ aus, das einerseits von den individuellen Geschichten der Zeitzeugen gespeist wird und andererseits durch vergessene Fakten, Emotionen und gezielte Desinformation den Tatsachen nicht immer entspricht. Die so entstandenen Mythen und Lügen haben heute genauso Einfluss auf unser Weltbild, wie die realen Erlebnisse aus den angst- einflößenden Situationen der damaligen Zeit. Die emotionalen Erlebnisse haben sich so tief eingebrannt, dass sie von Generation zu Generation weitergereicht wurden und unser Verhalten noch heute beeinflussen.

Mich haben einige der Geschichte sehr an die Geschichte meiner Großeltern erinnert, die nach ihrer Flucht aus sowjetischen Gefangenenlagern Nahe der Stadt Stalino in der Nähe von Stuttgart sesshaft geworden sind. Da sie zwischen 1944 und 1949 fünf Jahre lang in Lagern hatten hungern müssen und meine Großmutter eine der Lagerköchinnen gewesen war, waren an Festtagen die Esstische traditionell von Torten, Kuchen, Braten, fettigen Suppen und Unmengen an Schokolade überladen. Erst im Geschichtsstudium habe ich realisiert, dass dies eine direkte Folge der Flucht- und Hungererfahrungen meiner Großeltern war. Später konnte ich noch viele weitere, für mich vorher völlig unerklärliche Situationen meiner Kindheit und z.T. eigene übernommene Handlungsweisen auf diese Vergangenheit zurückführen.

Lowes Recherche-Arbeit allerdings fördert weitaus überwältigendere Geschichten hervor. Am meisten hat mich die Geschichte von Yuasa Ken berührt, der im Zweiten Weltkrieg als japanischer Arzt in China war. Er sezierte während des Krieges dort mehrere chinesische Bauern bei lebendigem Leibe und schnitt ihnen beispielsweise Gliedmaßen ab, um für Notoperationen auf dem Schlachtfeld vorbereitet zu sein. Nach dem Krieg arbeitete er in China als Hausarzt weiter, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein. Erst die rechtliche Untersuchung seiner Taten, eine lange Gefängnisstrafe und der aufwühlende Brief der Mutter eines Opfers zwangen ihn die Verleugnung seiner Taten aufzugeben und seine Schuld aufzuarbeiten.

Der Autor zeigt vollkommen überzeugend auf, dass auch Gesellschaften kollektiv einer solchen Verleugnung oder Glorifizierung unterliegen können. Erlittene Traumata oder auch Märtyrertum werden emotional überhöht und verhindern einen differenzierten und multiperspektivischen Blick auf die Vergangenheit. Die persönlichen Erfahrungsberichte aus diesem Buch führen uns vor Augen, dass der Dualismus aus „gut“ und „böse“ dazu führen wird, dass wir die Fehler der Vergangenheit wiederholen könnten. So ist das Aufarbeiten von Verbrechen, Mythen und Lügen aus der Vergangenheit auch heute noch wichtig für eine klare Sicht auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die aktuellen kontroversen Diskussionen über historische Persönlichkeiten wie Erwin Rommel oder Ferdinand Porsche zeigen dies mehr als deutlich.

Das Buch „Furcht und Befreiung. Wie der Zweite Weltkrieg die Menschheit bis heute prägt“ von Keith Lowe ist vor wenigen Wochen im Klett-Cotta-Verlag erschienen und kann bei mir in der Geschichtssammlung ausgeliehen werden.

Das Buch kann unter der ISBN-Nummer 978-3-608-96265-9 bestellt werden.

 

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