Die Wirtschaft der DDR – ein Gastbeitrag von Simon Keilbach

Die Wirtschaft der DDR – ein Gastbeitrag von Simon Keilbach

Was waren die Gründe für das Scheitern der DDR-Wirtschaft?

„Mit moderner Wissenschaft soll der Westen technologisch überholt werden“. Dies verkündet das damalige Parteioberhaupt der SED: Walter Ulbricht am 6. Parteitag 1963 und leitet einen Umschwung des wirtschaftlichen Denkens der DDR ein. Denn seit 1945 wurde in der sowjetischen Besatzungszone strikt nach dem Vorbild der Sowjetunion die DDR sozialisiert. Damit einhergehend auch das Wirtschaftssystem- mit fatalen Folgen. So zeichnete sich die sogenannte stalinistische Planwirtschaft, die als Gegenstück zum westlichen Kapitalismus gedacht war, durch folgende Aspekte aus:

Kollektivierung der Landwirtschaft: So wurden alle Landwirtschaftlichen Betriebe unter den LPG (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) kollektiviert, also zusammengefasst, und von nun an durch die staatliche Plankommission der SED geführt.
Verstaatlichung der Betriebe: Alle Betriebe wurden unter den VEB (volkseigene Betriebe) verstaatlicht und von nun an durch ein staatliches Organ, nämlich die Plankommission kontrolliert und geführt.

Diese staatliche Plankommission gab den Betrieben Vorgaben, die in sogenannten Jahresplänen festgehalten wurden. In ihnen stand, welches Produkt produziert werden sollte, wie viel davon produziert werden sollte und wie viel das Produkt kosten soll. Die Vorgaben mussten stets eingehalten werden. So kam es auch, dass Ende des Monats massiv Überstunden gemacht werden mussten, damit die Vorgaben der Pläne eingehalten werden. Dieses System der Wirtschaft hatte gute und schlechte Seiten. Positiv dadurch, dass durch Subventionen durch die Regierung Mieten, Preise von Konsumgütern, etc. niedrig waren. Außerdem gab es Arbeit für Alle und jeder bekam den gleichen Lohn, was zwar für qualifizierte Bürger von Nachteil war, aber für die Proletarier, die meistens nicht einmal studiert hatten, von großem Nutzen.

Da aber der Staat durch seine rigorose Lenkung die wirtschaftlichen Leistungen bzw. Wachstum hemmte, gab es beispielsweise keinen Innovationsdruck wie im freien Markt. Außerdem führte die Inflexibilität der Pläne zu dauerhafter Warenknappheit, denn so sehr sich die Plankommission auch bemühte; es war unmöglich für einen gesamten Staat Jahre im Voraus zu planen. So konnte schon ein einziger Ernteausfall zu einer dramatischen Lebensmittelknappheit führen.

Wie eben schon erwähnt, bekam jeder Staatsbürger den gleichen Lohn, egal welchen Bildungsstandard er hatte. Ärzte wurden gleichhoch entlohnt wie Viehzüchter. Dieses Grundproblem führte unter anderem dazu, dass bis 1961 über 3,5 Millionen Menschen in den Westen flohen. Darunter wertvolle Arbeitskräfte wie Ingenieure. Um das „Ausbluten“ der DDR zu stoppen, beschloss die Führung der DDR sich einzumauern. Nun musste sie aber gleichzeitig auch beweisen, wie sehr sie dem Westen in aller Hinsicht überlegen ist. Mit dieser Thematik setzte sich auch Erich Apel, der mächtige Planchef Ulbrichts, auseinander und kam auf die Idee des Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung kurz NÖSPL, welches am 6. Parteitag der SED verkündet wurde. Dieses NÖSPL also sollte Betrieben mehr Freiheiten geben, denn daraus würde dann ein Wirtschaftswachstum resultieren. „Zauberwörter“ waren hier:

Rationalisierung: Rationalisierung bedeutet, dass die Betriebe beispielsweise die Menge an herzustellenden Produkten selbst wählen dürfen
Automatisierung: Automatisierung bedeutet zum Beispiel die Verwendung von Robotern, um noch effizienter im Herstellungsprozess zu sein.
– Prinzip der „materiellen Hebel“: Diese materiellen Anreize sollten die Arbeiter animieren, mehr und härter zu arbeiten, da sie im Gegenzug für ihre erbrachte Leistung ja auch zusätzlichen Lohn erhalten würden.

So könnte man NÖSPL eigentlich als „Marktwirtschaft light“ bezeichnen, da es ja Aspekte der Marktwirtschaft beinhaltet. Aber genau das war auch das Problem, denn die hohen Führungseliten waren strikt gegen ein solches System. Vor allem in der SED um Honecker wurden Stimmen laut, NÖSPL würde der Ideologie des Kommunismus nicht entsprechen. Obwohl durch NÖSPL die Wirtschaft der DDR eine Expansion erfuhr und die Bevölkerung einen höheren Konsum ausübte, schreckte die Wirtschaftspolitik unter Apel zudem zurück die Preise und den Handel endgültig freizugeben und die Subventionen zurückzufahren. Denn aufgrund der Subventionen der Einzelhandelspreise, waren diese günstiger als die Industriepreise. So kauften viele Betriebe ihre Rohstoffe zu den günstigen Einzelhandelspreisen ein, anstatt sie zu höheren Preisen aus dem Industriehandel zu kaufen. Dieses Agitieren der Betriebe führte aber zu einer Warenknappheit, unter der vor allem die Bevölkerung leidete. So war zwar mehr Konsum möglich, jedoch fehlte es immer noch an vielen begehrten Konsumgütern wie Autos oder Elektrogeräte.

Nachdem Ulbricht Anfang 1971 abgesetzt wurde, strebte der ehrgeizige Honecker an, dass „Glück des Volkes“ an oberste Stelle zu stellen, denn sobald eine Bevölkerung durch das System, in dem sie leben, zu weniger Konsum fähig ist, stellt sie dieses in Frage und deligitimiert es. Beispielsweise gab es während des Bestehens der DDR mehrfach Arbeiteraufstände, wie den am 17. Juni 1953. Honecker befürwortete deshalb im Rahmen der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ eine noch stärkere Subventionierung von Konsumgütern etc. Dies führte aber zu einer massiven Verschuldung der DDR; so lebte sie ab 1971 über ihre Verhältnisse. Aber warum verschuldete Honecker sein Land so gravierend? Nun, die Regierung dachte, dass der bessere Lebensstandard durch die Subventionierung die Bevölkerung zu mehr Leistung animieren würde, schließlich würde sich durch das daraus resultierende Wirtschaftswachstum zusätzliche Kaufkraft und ein noch höherer Lebensstandard ergeben. Dieses Vorgehen ist aber laut heutigen Historikern als sehr riskanter und letztlich ungedeckter „Wechsel auf die Zukunft“ zu bewerten.

Ein weitere gravierende Zäsur, die den Untergang der Wirtschaft zusätzlich beschleunigte, waren die Ölkrisen in den 70er Jahren. Die erste Ölkrise 1973, die aus dem Jom-Kippur-Krieg hervorging, stellte für die DDR aber noch keine Gefahr dar, denn durch die Jahrespläne war die Menge und der Preis der Erdöllieferungen von der Sowjetunion festgelegt. So konnte die DDR günstiges Erdöl aus der Sowjetunion importieren, das sie dann ihrerseits zu Weltmarktniveau verkaufte, und dadurch dringend benötigte Devisen erwirtschaftete. Diese ungeplante und indirekte Subventionierung durch die Sowjetunion endete aber Anfang der 80er Jahre abrupt, da die Sowjetunion auch für ihre Verbündeten Staaten den Erdölpreis auf Weltmarktniveau anhob. Anders als die BRD konnte die DDR mit dieser Rohstoffknappheit nicht mehr umgehen, musste sie fortan das dreizehnfache des Ölpreises von 1973 zahlen, und entschloss sich die längst veraltete Braunkohle zu reaktivieren. Dies war aber mit steigenden Umweltbelastungen verbunden. Außerdem war die Förderung mit den Anlagen aus den 20er und 30ern!, nicht gerade effizient und wurde immer teurer. Auf lange Sicht hätte die DDR sich also allein mit der Braunkohle nicht „über Wasser gehalten“. Zudem brauchte sie aber ein gewisses Maß an Erdöl, verschuldete sich also noch massiver. Diese Schulden versuchte die Regierung dann mit weiteren Krediten, unter anderem aus der BRD, zu kompensieren. Hinzu kommt, dass die DDR gute Produkte günstig an die BRD verkaufen musste, was wiederum zu einem Wirtschaftswachstum dieser führte.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es drei ausgabenseitig in Konkurrenz zueinanderstehende Wirtschaftsprobleme gab:

Beibehaltung bzw. Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung, da die Regierung befürchtete, dass Kürzungen zu einer Destabilisierung des Systems führen würden. Infolgedessen wurden Konsumgüter noch stärker subventioniert, was wiederum zu einer noch gravierenderen Verschuldung führte

Schuldendienst gegenüber ausländischen Gläubigern, da die internationale Zahlungsfähigkeit unabdingbar für die nationale Eigenständigkeit war, wurden absichtlich übertriebene Zahlen verbreitet und eigentlich nicht einmal der Bevölkerung jemals der Grad der Verschuldung mitgeteilt.

Investitionen in die eigene Wirtschaft, das -komischerweise- wenig priorisiert wurde. Stattdessen wurden starke Einsparungen an Infrastruktur, Umweltschutz, etc. vorgenommen und wenn investiert wurde, dann wurde falsch investiert. So wollte die SED-Regierung den Aufbau einer eigenen Mikroelektronik vorantreiben, die ihrerseits benötigte Gewinne abwerfen sollte. Dabei wurden Milliardenbeträge verschwendet, denn schlussendlich hinkte die Produktionsserie immer einer Generation gegenüber der des Westens hinterher.

Was waren nun die Gründe für das Scheitern eben jener Wirtschaft? Da solch ein Fazit schwer zu ziehen ist, da es so unglaublich viele Gründe für das Scheitern gibt, hier ein paar:

Die radikalen Demontagen durch die Sowjetunion stellten eine miserable Ausgangssituation dar
– Aufgrund der starren Wirtschaftsvorgaben eben jener Planwirtschaft und der damit verbundenen Warenknappheit, flohen viele Bürger in den Westen und trugen dort zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei
– Wie gerade eben schon genannt war auch das Wirtschaftssystem an sich nicht adäquat, denn zum einen hemmen die rigorosen staatlichen Vorgaben die wirtschaftliche Leistung und zum anderen resultierte aus dem System an sich und dem nur in Maßen vorhandenen Geld eine traditionelle Rohstoffarmut
– Auch bekam jeder den gleichen Lohn (nach der Ideologie des Kommunismus war ja jedes Individuum gleichwertig und damit auch gleichwertig zu behandeln). So gab es aber eben keine Anreize zu besserer und härterer Arbeit, etc.

Quellen:
http://www.bpb.de/themen/B59HAO,0,Die_Wirtschaft_in_der_DDR.html
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/wirtschaftsgeschichte-der-weg-der-ddr-in-den-untergang-11043750.html
http://www.mdr.de/damals/archiv/artikel75438.html#sprung1
http://www.pnn.de/campus/791081/

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