Der Vormärz in Deutschland I: Vorbedingungen der Revolution von 1848 (Kursstufe)

Der Vormärz in Deutschland I: Vorbedingungen der Revolution von 1848

Mit der Zeit des „Vormärz“ in Deutschland meint man im weiteren Sinne die Zeit zwischen 1815 und 1848 in Deutschland. Mit dem unten genauer beschriebenen Wiener Kongress wurde das Zeitalter der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege abgeschlossen. Napoleons Herrschaft hatte sich bis zu dieser Zeit auf große Teile Europas (nur England und Russland ausgeschlossen) ausgeweitet und die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage des Kontinents nachhaltig verändert.

Genauere zeitliche Einteilung:
1789-1815: Französische Revolution und Herrschaft Napoleons
1815-1830: Zeitalter der Restauration
1830-1848: Zeitalter des Vormärz (ab Julirevolution 1830 in Frankreich)

Vor allem in Deutschland waren die Folgen der Herrschaft Napoleons enorm. Hierfür findest du hier einen gesonderten Artikel:
https://histoproblog.org/2013/12/11/die-folgen-der-herrschaft-napoleons-fur-europa/

Napoleons Reformen auf deutschem Boden lassen sich verkürzt folgendermaßen zusammenfassen:
Mediatisierung => kleinere Staaten und Kleinsstaaten wurden in größere deutsche Staaten eingegliedert, die süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg und Baden erhielten nach dem Verlust linksrheinischer Gebiete größere rechtsrheinische Gebiete als Ausgleich)
Säkularisierung => „Verweltlichung“ – kirchliche Einrichtungen wurden enteignet, bischöfliche Kleinstaaten wurden aufgelöst und deren Besitz weltlichen Fürstentümern übertragen
Auflösung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im Jahre 1806 – Das aus dem Mittelalter stammende Reichskonzept des HRR hatte das deutsche Ständewesen maßgeblich gestützt und gleichzeitig Reformen verhindert.
Bürgerliche Freiheitsrechte => Durch die Einführung des Code Civil als Gesetzbuch wurden Männern bürgerliche Freiheitsrechte garantiert und die Rechtsgleichheit aller Männer gesetzlich festgelegt.
Einführung von Verfassungen – Nach dem Vorbild Frankreichs führten nun auch viele deutsche Staaten Verfassungen ein, die die absolute Macht des Monarchen einschränkten.
Liberalisierung der Wirtschaft – Bürgerliche Unternehmer erhielten nun mehr Entscheidungsfreiheit zur Führung ihrer Unternehmen, Schutzzölle, Binnenzölle und Währungsschranken wurden aufgehoben – diese bürgerliche Unternehmerschicht gewann in der Folge an Kapital und Einfluss

Diese Reformen hatten maßgebliche Folgen auf die soziale und politische Struktur der deutschen Staaten:

Gesellschaftlicher Wandel: Das mittelalterliche Ständewesen wurde durch den Code Civil und die Abschaffung des HRR abgelöst durch eine bürgerliche Gesellschaft, die nicht mehr in drei Ständen (Klerus, Adel, Bürgertum/Bauern) eingeteilt war, sondern in Klassen.
Vereinheitlichung der Staatsgebiete: Mediatisierung und Säkularisierung fassten den Flickenteppich des HRR mit vielen kleinen Staaten zu einem Bund aus mehreren größeren deutschen Staaten zusammen. Dies brachte vor allem Vorteile in der Verwaltung der Gebiete, der Modernisierng der Gebiete und der Binnenwirtschaft des deutschen Sprachraums.
Rechtsgleichheit durch den Code Civil
Wille zur Veränderung: Durch die Abschaffung des HRR und der Ständegesellschaft wurden neue Ideen und Innovationen gefördert und erhielten nun die Möglichkeit sich in der Praxis zu beweisen.
Entstehung eines deutschen Nationalbewusstseins (nach dem Alteritätsprinzip): Der Freiheitskampf gegen die Truppen Napoleons machte den Deutschen bewusst, dass sie durch die deutsche Sprache, die deutsche Kultur und die deutsche Geschichte eine gemeinsame deutsche Identität besaßen. Dies konnte erst durch die Alterität (Gegenteil von Identität) entstehen, die die französischen Truppen in Deutschland bis 1815 repräsentierten. Deutsche wurden sich bis 1815 also vor allem in Abgrenzung zur französischen Kultur, französischen Sprache und französischen Geschichte ihrer eigenen Identität bewusst. Dies brachte im den gebildeten Bürgertum den Wunsch nach einem geeinten und freien Deutschland hervor.
Später sollte sich dies in den drei zentralen Forderungen der Revolution von 1848/49 manifestieren:
=> Deutscher Nationalismus (Wunsch: einiges Deutschland)
=> Deutscher Liberalismus (Wunsch: freies Deutschland)
=> (dazu): Wunsch nach Lösung der Sozialen Frage

Der Wiener Kongress 1814-15 – Neuordnung Europas und Restauration

Zum Wiener Kongress findest du hier einen Artikel, der die Standpunkte der einzelnen Teilnehmer näher beleuchtet:
https://histoproblog.org/2013/12/18/restaurationwienerkongress1815/

– Nach dem Untergang der napoleonischen Herrschaft mussten die Machtverhältnisse in Europa neu geordnet werden. Der Untergang des Heiligen Römischen Reichs (HRR) erforderte eine neue Regelung für die politischen Verhältnisse in Deutschland
– Möglich machte diesen Kongress auch die generelle Enttäuschung des aufgeklärten und liberalen Bürgertums über die Herrschaft Napoleons, die außer dem Code Civil keine weiteren liberalen Fortschritte gebracht hatte
– Teilnehmer waren die Monarchen und Staatsmänner von Großbritannien, Russland, Österreich, Preußen und Frankreich (alle anderen Staaten und Nationen waren damit an der Neuordnung nicht beteiligt)
– Ziele waren die politische Neuordnung Europas, die Rückkehr zur konservativen Struktur mit der Herrschaft der Fürsten und dem Gottesgnadentum als Legitimierung ihrer Herrschaft sowie die Unterdrückung revolutionärer Tendenzen
– Schließung der „Heiligen Allianz“ – nach Initiative des österreichischen Staatskanzlers von Metternich schlossen sich die Fürsten der großen europäischen Mächte zu einer Allianz zur Solidarität im Kampf gegen revolutionäre National- und Freiheitsbewegungen zusammen
– Prinzip der Restauration: Nach dem Untergang des HRR griff man auf die Schaffung des Deutschen Bundes zurück, einem Bund von 35 deutschen Fürstenstaaten und vier freien Städten. Die Staaten waren innenpolitisch souverän, der Bund selbst sehr lose und seine exekutiven und legislativen Organe wirkungs- und machtlos. Die Herrscher aller Mitglieder des Bundes trafen sich zur Bundesversammlung in Frankfurt am Main, einer Versammlung die durch die unterschiedlichen Interessen der Staaten, die Beteiligung ausländischer Mächte als Obrigkeitsherren mancher Kleinstaaten (z.B. durfte der König von England als Herrscher Hannovers teilnehmen) und die Machtlosigkeit der Versammlung selbst geschwächt war.

Proteste und Repressionen

Stabilisierung der Fürstenherrschaft und Restauration
– Der Wiener Kongress hatte die Fürstenherrschaft wieder eingesetzt -> Restauration
– Gleichzeitig waren die Ideen der Französischen Aufklärung immer noch präsent und die Forderungen nicht mehr zurückzudrängen: individuelle Freiheitsrechte, Volkssouveränität, nationale Selbstbestimmung
– Vor allem unter deutschen Studenten war dieses liberale Gedankengut weit verbreitet, sie organisierten sich in Burschenschaften und forderten offen Freiheitsrechte und einen deutschen Nationalstaat.
– Diese Forderungen fanden ihre Höhepunkte im Wartburgfest 1817, an dem 500 Studenten und Professoren aller deutschen Universitäten teilnahmen sowie der Ermordung des konservativen Schriftstellers Kotzebue durch den Studenten Sand 1819.

Repression durch die Kalsbader Beschlüsse
Die Karlsbader Beschlüsse des Deutschen Bunds sollten die revolutionären und nationalliberalen Bewegungen in Deutschland unterdrücken. Dies sollte durch ein staatliches Überwachungs- und Zensursystem erfolgen, das die Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit der Bürger entscheidend einschränkte.

– Universitätsgesetz: Lehrer und Professoren wurden von Lehranstalten verbannt, wenn sie etwas gegen die Fürstenherrschaft sagten (wurden in der Folge auch nicht mehr in anderen Anstalten eingestellt, kam einem Berufsverbot gleich) / Studenten in Burschenschaften und anderen Verbindungen durften kein öffentliches Amt belegen
– Pressegesetz: Werke von mehr als 20 Seiten Länge bedurften der Genehmigung von staatlicher Seite, die nur erteilt wurde, wenn die Werke die Fürstenherrschaft nicht in Frage stellten.
– Untersuchungsgesetz: Das Gesetz ermöglichte den staatlichen Exekutivorganen eine schrankenlose Untersuchung und Verhaftung von politischen Gegnern, denen „revolutionäre Umtriebe“ vorgeworfen werden konnten.

Burschenschaften:
– Zusammenschluss von Studenten an jeweils der gleichen Universität
– Bundesfarben waren schwarz-rot-gold, welche den Uniformfarben des im Befreiungskampf berühmt gewordenen Lützer Freikorps nachempfunden waren
– Ziele waren der Kampf für die politische Freiheit (Liberalismus) und die nationale Einheit Deutschlands (Nationalismus)
– Grund ihres Zusammenschlusses war die Enttäuschung über die politische Entwicklung seit dem Wiener Kongress

Verfassungen in Baden und Württemberg

– Badener Verfassung von Großherzog Karl 1818
-> jeder männliche Bürger hatte aktives Wahlrecht
-> passives Wahlrecht eingeschränkt (Zensus-Wahlrecht)

-> Grundrechte: Gleichheit aller Männer und Zugang zu Staatsämtern, Freiheit der Person und Meinung, Recht auf Eigentum, Wehr- und Steuerpflicht

-> Mängel: Zweikammersystem: alte Gesellschaftsordnung, Gewaltenteilung sehr unvollständig umgesetzt

-> Aber: Einheit der süddeutschen Länder gefördert

– Aus der Verfassung für Württemberg 1819:
-> Alle Württemberger haben gleiche staatsbürgerliche Rechte und Pflichten
-> Jeder hat gleich Steuerlast
-> Gleichheit von Geburt an
-> allgemeine Wehrpflicht
-> Meinungsfreiheit; Recht auf Eigentum
-> Aufhebung der Leibeigenschaft
-> Gleichheit vor Gericht
-> Religionsfreiheit
-> Recht auf Widerstand durch Petitionen
-> Zensuswahlrecht (nach Einkommen und Besitz gestaffelt)
-> Vom Landtag ausgehandelt

Hier kannst du weiterlesen über das Revolutionsjahr 1848/49:

https://histoproblog.org/2014/04/22/das-revolutionsjahr-184849/

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3 Antworten zu Der Vormärz in Deutschland I: Vorbedingungen der Revolution von 1848 (Kursstufe)

  1. Pingback: Die Folgen der Herrschaft Napoleons für Europa | Histoproblog – Geschichte macht Schule

  2. schek0 schreibt:

    Hallo! In diesem Punk haben Sie etwas zu wenig geschrieben. Werke mit weniger als 21 BOGEN, also 320 Seiten wurde erst durch Zensur kontroliert und dann zum drucken freigegeben. Werke ab 21 Bogen erlagen einer Nachzensur. Der Grund ist, dass der Stadt dachte, dass Politische Gedanken nur kurz gedrückt werden. Als Antwort schrieben viele Autoren große Werke(über 320 Seiten) und fügen am Ende ihre Politische Ansichten dazu.
    – Pressegesetz: Werke von mehr als 20 Seiten Länge bedurften der Genehmigung von staatlicher Seite, die nur erteilt wurde, wenn die Werke die Fürstenherrschaft nicht in Frage stellten.

    • batumammut schreibt:

      Hallo! Danke für den Kommentar! So tief konnten wir im Umfang einer Doppelstunde nicht in das Unterthema einsteigen, deshalb ist es an dieser Stelle auch nicht detaillierter aufgeführt. Der Kommentar ergänzt den Artikel aber ja jetzt in diesem Bereich. 🙂

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