Die Reichsgründung 1871 (die Gründung des Deutschen Kaiserreichs)

Leitfrage: Wie gelang Bismarck die deutsche Einheit?

Vermutungen der Schüler:
– Versprechen Bismarcks nach allen Seiten
– Bismarcks Plan, mit „Blut und Eisen“ vorzugehen mündet in Kriegen gegen alle, die sich gegen die Einigung wehren wollen
– Bismarck macht allen klar, dass die Einigung die „letzte Hoffnung“ für Deutschland sei und eint sie so
– Preußen setzt sich als „mächtigster“ deutscher Staat schrittweise gegen alle anderen Staaten durch und eint Deutschland

Vorbedingungen der Staatsgründung

Nachdem die Revolution von 1848/49 gescheitert war, schien die Hoffnung liberaler deutscher Kreise auf eine nationalstaatliche Einigung Deutschlands ebenfalls zerstört worden zu sein. Die Abgeordneten der Nationalversammlung der Frankfurter Paulskirche hatten versucht mit einer liberalen Verfassung den Grundstein für ein einerseits geeintes Deutschland, andererseits für ein freiheitliches Deutschland zu legen, in dem die Menschenrechte geachtet, die Rechte aller Bevölkerungsgruppen geschützt und in dem das Volk sich seine Regierung selbst wählen konnte. Dieses Vorhaben war am Widerstand der Fürsten und des Adels gescheitert, die deutschen Staaten waren im Deutschen Bund weiterhin lose organisiert und freiheitliche Forderungen hatten sich nicht durchgesetzt.

https://histoproblog.org/2014/01/25/die-revolution-von-1848/

Die deutschen Staaten standen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nun drei dringenden Problemen gegenüber:

1. Nationale Einigung:
Die nationalliberalen Forderungen von 1848 hatten auch in breiten Bevölkerungskreisen die Hoffnung auf eine nationalstaatliche Einigung Deutschlands (Einigung in einem einzigen deutschen Staat) geweckt. Nationalistische Kräfte blieben bei ihrer Forderung, was die innenpolitische Situation in den deutschen Staaten zu destabilisieren drohte.
Dabei gab es auch in der Theorie bereits Probleme: Preußen und Österreich standen ab 1849 im starken Gegensatz zueinander und strebten beide eine Vormachtstellung in den deutschen Staaten an (Deutscher Dualismus). Dabei gab es drei Lösungsmöglichkeiten:
– die kleindeutsche Lösung: Preußen schließt sich mit allen nicht-österreichischen Gebieten zusammen und erhält dabei eine klare Vormachtstellung in Deutschland
– die großdeutsche Lösung: alle deutschen Staaten schließen sich mit den deutschen Gebieten Österreichs zu einem Staat zusammen, wobei entweder Preußen oder Österreich die Führung übernimmt
– die großösterreichische Lösung: alle deutschen Staaten schließen sich mit dem österreichischen Vielvölkerstaat (neben Österreich auch Ungarn, Kroatien, Slowenien, Rumänien usw.) zusammen unter österreichischer Führung, wobei viele verschiedene Nationen, Sprachen und Kulturen Teil des neuen Staats wären und kein wirklicher „deutscher Nationalstaat“ entstehen würde

2. Demokratisierung:
Nach 1848 forderten weiterhin breite Kreise der Bürgerschaft
– die Einführung von Verfassungen
– die Parlamentarisierung, also den Aufbau von vom Volk gewählten Parlamenten, die Gesetze verabschieden und das Staatsbudget bestimmen dürfen
– die Sicherung der Grund- und Menschenrechte für alle Bevölkerungsschichten
Eine völlige Ignorierung dieser Forderungen hieß für alle deutschen Staaten die Gefahr von Aufständen und einer zweiten Revolution, außerdem würde dies die liberalen Kräfte immer weiter stärken. Es musste also auf die liberalen Kräfte zugegangen werden oder sie mussten offensiv attackiert und unterworfen werden, um einen stabilen Staat zu ermöglichen.

3. Soziale Frage:
Die sich immer massiver durchsetzende Industrialisierung hatte eine Arbeiterschicht entstehen lassen, die keinerlei Rechte besaß, unter schwierigsten Bedingungen arbeiten und leben musste und von den Unternehmern ausgebeutet, vollkommen verarmte. Diese neue „Arbeiterklasse“ forderte deutliche Verbesserungen ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen, gleichzeitig wollten Staat und Unternehmer diese billigen Arbeitskräfte durch die Einführung von Arbeitszeitverkürzungen, Lohnerhöhungen oder Krankenversicherungen nicht übermäßig verteuern und damit ihren Gewinn schmälern. Gleichzeitig bedrohten die Forderungen der Arbeiter, die sich nun in Arbeitervereinen und Arbeiterparteien organisierten, immer mehr die alte Ordnung und die Stabilität der Gesellschaft. Mit der Entstehung der Sozialdemokratie und des Kommunismus und deren rasanten Aufstieg wurde die Lösung der Sozialen Frage endgültig zum zentralen Thema aller industrialisierten Staaten.

Diese Probleme führten im preußischen Staat (der damals schon der deutlich mächtigste in Deutschland war) zu einem Streit zwischen konservativen und liberalen Kräften (preußischer Verfassungskonflikt), der sich v.a. um die Frage drehte, wem das mächtige preußische Heer unterstellt sei, dem König oder dem Parlament. In dieser Situation wurde Otto von Bismarck vom preußischen König am 22. September 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt.

Bismarcks Vorgehen

1862/63: Innenpolitische Lösung des Verfassungskonflikts, in dem er dem Parlament jegliches Mitspracherecht am Budget des Staates und des Heeres verweigerte und dies damit begründete, dass die preußische Verfassung über diese Frage nichts aussage (Lückentheorie). Bismarck regierte bis 1866 ohne Budget und ließ sich diese Rechtswidrigkeit 1866 nachträglich legitimieren. (Indemnitätsvorlage)

1863: Außenpolitische Absicherung Preußens durch ein Bündnis mit Russland gegen Polen

1864: Annektion Schleswigs und Holsteins im Deutsch-Dänischen Krieg, Machtgewinn Preußens, Dänemark als außenpolitischer Gegner ausgeschaltet

1866: Im Deutsch-Österreichischen Krieg gelang Preußen der militärische Sieg über Österreich. Der Deutsche Bund (mit Österreich) wurde zu einem Norddeutschen Bund (ohne Österreich und süddeutsche Staaten) unter deutlicher Übermacht und Führung Preußens. Preußen annektierte außerdem mehrere norddeutsche Staaten (Hannover, Kurhessen, Nassau, Stadt Frankfurt am Main) und band die süddeutschen Staaten wirtschaftlich an sich. => Preußen nun bestimmende Macht in „Deutschland“

1870/71: Nachdem die Großmächte, v.a. Frankreich, durch diese Machtsteigerung Preußens provoziert worden waren, suchte Bismarck durch eine weitere Provokation Frankreich zu einem Krieg zu bewegen. Bismarck war klar, dass Napoleons III. Truppen gegen die hochmodernen preußischen Truppen und deren deutschen Bündnistruppen vollkommen unterlegen sein mussten.
Emser Depesche: In der Frage um die Thronfolge auf dem spanischen Thron 1870 sollte entschieden werden, ob ein preußischer oder ein französischer Kandidat auf den spanischen Thron folgen sollte. Die Wahl eines preußischen Kandidaten war für Frankreich absolut unakzeptabel, weil dies eine Einklammerung Frankreichs von Osten (Preußen) und Südwesten (Spanien) zur Folge gehabt hätte. Napoleon III. ließ dem preußischen König Wilhelm durch seinen Botschafter übermitteln, dass er auf alle Zeiten auf den spanischen Thron verzichten sollte. Bismarck schrieb einen dann veröffentlichten Bericht über das Ereignis derart um, dass die Antwort so schien, als habe der preußische König den französischen Botschafter düpiert (beleidigt).

Hier ein Vergleich der beiden Versionen der Emser Depesche:

http://www.documentarchiv.de/nzjh/ndbd/emser-depesche.html

Als Frankreich Preußen daraufhin den Krieg erklärte, galt die erneute Abwehr eines „Napoleons“ dann in ganz Deutschland als nationale Aufgabe. Nicht nur die Staaten des norddeutschen Bundes, sondern auch die süddeutschen Staaten schlossen sich dem „Abwehrkrieg“ gegen Frankreich an und errangen bis 1871 einen schnellen und für Frankreich folgenschweren Krieg. Das Land musste neben hohen Kriegsentschädigungszahlungen auch das Elsass und Teile Lothringens abgeben.

Mit Frankreich war der entschiedenste Gegner einer nationalen Einigung Deutschlands besiegt worden. Die anderen Großmächte (England, Russland, Österreich) konnten sich gegen diese Einigung und gegen diesen Krieg nicht empören, da die Kriegserklärung ja von französischer Seite erfolgt war, Preußen sich also anscheinend nur verteidigt habe.

Bismarck konnte den bayrischen König Ludwig II. durch die Zahlung von jährlich 100.000 Goldmark dazu bewegen dem preußischen König Wilhelm  im Namen aller deutschen Staaten (außer Österreich) die deutsche Kaiserkrone anzubieten. Dieser nahm das Angebot auf Anraten Bismarcks an, auch wenn er nachweislich gegen seine Überzeugung handelte, da er fürchtete dadurch die Macht Preußens aufzulösen.

Mit der Ausrufung (Proklamation) Wilhelms zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871 wurde die Gründung des Deutschen Kaiserreichs auch symbolisch vollzogen.

Am Vortag hatte Wilhelm in seiner Proklamationsschrift seine Herrschaft damit legitimiert, dass ihn alle deutschen Fürsten und Städte in einem „einmütigen Ruf“ zum Kaiser berufen hätten. Als Ziele des Deutschen Kaiserreichs gab er darin folgende aus:

– Wahrung des Friedens

– Verzicht auf neue Eroberungen

– Nation in segenreiche Zukunft führen

– Unabhängigkeit und Freiheit Deutschlands

– Schutz der Gesetze

– Wohlfahrt und Freiheit des deutschen Volkes

– Wahrung der Rechte des Reiches

– Sicherung gegen erneute Angriffe Frankreichs

Fazit: Mit der Proklamation Wilhelms zum Deutschen Kaiser war Bismarck die Einigung Deutschlands gelungen. Zwar wurde damit die Einigung Deutschlands zu einem Nationalstaat vollzogen, allerdings ohne die liberalen Forderungen nach Demokratisierung zu erfüllen und nur in den „kleindeutschen Grenzen“ ohne Einbeziehung Österreichs.

Diese nationalstaatliche Einigung Deutschlands unter Führung Preußens („von oben“) war Bismarck gelungen, indem er

Preußen zunächst zur bestimmenden Macht in Deutschland formte (Kriege gegen Konkurrenten, Diplomatie mit den Großmächten, um sie vor einem Einschreiten gegen Preußens Aufstieg zur Großmacht abzuhalten)

und

Frankreich zu einer Kriegserklärung provozierte, die ihm einerseits die Neutralität der Großmächte, andererseits den Kriegseintritt aller deutscher Staaten (außer Österreich) bescherte

=> Bismarcks „Blut und Eisen“-Theorie von 1861 hatte er in zehn Jahren nun also umgesetzt. Doch wie würde er die anderen beiden zentralen Fragen der Zeit, die Demokratisierungsfrage und die Soziale Frage lösen? Waren auch diese Fragen „von oben“ und mit „Blut und Eisen“ lösbar?

 

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