Gast-Essay: Der Kampf um Vietnam (von Thomas Frank)

Der Kampf um Vietnam

Ein Artikel und Bilder von: Thomas Frank

1. Einleitung

2. Der Kampf um Vietnam

  2.1 Der Weg aus der Antike

  2.2 Europa mischt sich ein

  2.3 Der Indochina-Krieg

  2.4 Der Vietnam-Krieg

3. Schlussbetrachtung und Kritik

4. Literatur

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1. Einleitung

Nach einem langen und anstrengenden Flug landet das Flugzeug einer russischen Fluggesellschaft schließlich pünktlich und mit einem lauten Aufsetzer auf der ewig weiten Landebahn der 7,1 Millionen Metropole Ho Chi Minh Stadt. Die schwül-heiße Luft ist erfüllt von Abgasen und einem sonderbaren Geruch.

Beim Verlassen des Flughafens säumen unzählige Motorräder und Menschenmassen die engen Straßen und erschaffen dabei eine Geräuschkulisse, an die man sich wahrhaftig erst gewöhnen muss. Wenn man sich so umschaut, ahnt man kaum, dass sich auf diesem Stück Land einer der wohl leidvollsten und blutigsten Unabhängigkeitskämpfe unserer Menschheitsgeschichte abgespielt hat – der Kampf um Vietnam.

Dieser Artikel beabsichtigt zunächst einen groben Überblick über die Geschichte Vietnams zu vermitteln um anschließend im Schlussteil persönliche Eindrücke und Kritik aufzuzeigen.

2. Der Kampf um Vietnam

Die Geschichte des Landes Vietnams ist extrem vielseitig und komplex, sodass eine umfassende historische Wiedergabe in diesem Artikel den Rahmen sprengen würde. Die folgenden Kapitel beschäftigen sich daher mit den zusammengefassten wichtigsten Stationen in der Geschichte dieses Staates.

2.1 Der Weg aus der Antike

Bereits im ersten Jahrtausend vor Christus drangen Angehörige der sogenannte Viet-Völker aus China entlang des Roten Flusses (weitere Namen: Hóng Hé/Sông Hồng/Yuan Jiang) in das Gebiet des heutigen nördlichen Vietnams auf der Suche nach fruchtbaren Boden vor. Als sie an der Flussmündung in das Südchinesische Meer (Golf von Tonking) im Delta des Flusses einen geeigneten Siedlungsraum entdeckt hatten, beschlossen sie sich dort niederzulassen. Es entstanden zwei von China unabhängige Königreiche: Au Lac (~210-179 v. Chr.) und Nam-Viêt (207-111 v. Chr.), wovon es dem letzteren gelang Au Lac im Jahre 179 zu erobern. Das Jahr 111 v. Chr. leitete jedoch das Ende des siegreichen, jungen Königreichs Nam-Viêt ein, da es von China erobert und als Provinz annektiert wurde. Es folgte eine lange Periode chinesischer Besatzung, die erst im 10. Jahrhundert n. Chr enden sollte, als es den örtlichen Einwohnern gelang die chinesischen Truppen zu vertreiben. Ein zentralistisches Reich mit dem Namen Dai Co Viêt und mit einem durch den Buddhismus legitimierten Kaiser wurde im Norden des heutigen Vietnams eingerichtet, welches im Stande war, sowohl die einfallenden Mongolen als auch eine erneute Invasion der Chinesen abzuwehren. Diese Zeitperiode war ebenfalls geprägt durch eine Ausdehnung des Herrschaftsgebietes. 1471 gelang es Dai Co Viêt den Süden Vietnams zu unterwerfen und wuchs daher sowohl territorial als auch machtpolitisch deutlich an.

2.2 Europa mischt sich ein

Schon lange beschäftigte das junge vietnamesische Reich ein innenpolitischer Streit zweier mächtiger Feudalgeschlechter (Trinh und Nguyen), die beide Ende des 16. Jahrhunderts um Macht im Reich rangen. Europa sah in dieser Rivalität eine Chance seine Interessen und seinen Machteinfluss auf den asiatischen Kontinent auszuweiten. Schließlich gelang es der territorial unterlegenen Familie Nguyen unter französischer und portugiesischer Hilfe 1802 die im Norden herrschende Familie Trinh und den dort thronenden Kaiser zu stürzen und mit einem neu eingesetzten Kaiser über das gesamte Reich zu herrschen. Unter dieser Führung weitete sich das Staatsgebiet erstmalig vom Roten Fluss bis zum Mekongdelta im Süden des Landes aus und nahm damals bereits nahezu die uns heute bekannte Struktur des Landes an. Aufgrund von Uneinigkeiten zwischen dem neuen Reich und Frankreich, wurden Truppen aus Europa in das Land verschifft.

Zu jener Zeit herrschte in Europa eine Art „Wettlauf um Kolonien“, welcher auch als Imperialismus bezeichnet wird. Europäische Staaten versuchten (meist mit katastrophalen Folgen) zu jener Zeit möglichst viele Gebiete auf der Erde zu kolonisieren um ihre Rohstoffbeschaffung zu sichern und ihre Machtstellung gegenüber anderen europäischen Staaten zu festigen. Zwischen 1862 und 1885 wurde das Herrschaftsgebiet des heutigen Vietnams, Kambodschas und später auch Laos durch französische Truppen besetzt und gewaltsam übernommen. Bereits im Jahre 1887 folgte dann der nächste Schritt. Die Gebiete wurden zu einer gewaltigen Kolonie Frankreichs erklärt und unter dem Namen „Union Indochina“ zusammengefasst. Die Nguyen-Herrscher blieben zwar offiziell an der Macht, doch hatten in Wahrheit keinerlei Kontrolle mehr über ihr Land und mussten sich der neuen Kolonialführung Frankreichs beugen. Vietnam, Laos und Kambodscha standen einer militärischen als auch technischen Übermacht gegenüber. Aufstände der hungernden Bevölkerung gegen den neuen Status ihres Landes und dessen Besatzung wurden meist durch französische Truppen blutig niedergeschlagen. Nichtsdestotrotz formierte sich eine kommunistische Widerstandsfront gegen die französischen Kolonialherren unter der Führung eines für Vietnam sehr bedeutenden Mannes: Ho Chi Minh.

2.3 Der Indochina-Krieg

In Europa und auf der gesamten Welt herrschte Krieg – der zweite Weltkrieg und die damit verbundene größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte war im vollem Gange. Während 1940 Nazi-Deutschland in Frankreich einmarschierte und Paris besetzte, plante dessen Verbündeter Japan eine Invasion auf die französischen Kolonialgebiete, welche 1941 erfolgreich durchgeführt wurde. Als vier Jahre später auch Japan kapitulieren musste, ergriff der Führer der vietnamesischen kommunistischen Widerstandsbewegung, Ho Chi Minh, die Gelegenheit und rief unter seiner Führung im August 1945 die erste Demokratische Republik Vietnam aus. Obwohl der ehemalige Kolonialherr Frankreich dies zunächst akzeptierte, brach 1946 aufgrund von kleinen militärischen Auseinandersetzungen beider Armeen der sogenannte Indochina-Krieg aus, welcher nach der Niederlage Frankreichs 1954 die Teilung des Landes zur Folge hatte. Während der kommunistische Norden unter Ho Chi Minh aufgrund der kommunistischen Ideologie von der Sowjetunion und China unterstützt wurde, fand Frankreich für den Süden des Landes Unterstützung bei den USA und Großbritannien. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass dieser Krieg nicht länger aus einer bloßen Auseinandersetzung kolonialer Angelegenheiten bestand, sondern vielmehr als ein sogenannter Stellvertreterkrieg, globalen Zündstoff im Kontext des Kalten Krieges besaß.

2.4 Der Vietnamkrieg

Mit dem Ende des Indochina-Krieges war ebenfalls die provisorische Teilung Vietnams entlang des 17. Breitengrades beschlossen. Die kommunistisch ausgerichtete Demokratische Republik unter Ho Chi Minh im Norden und ein kapitalistisch ausgelegtes Königreich unter dem ehemaligen Kaiser Bao Dai im Süden. Beide Staaten versuchten unabhängig voneinander die Industrialisierung des Landes voranzutreiben, ausreichend Infrastruktur zu schaffen und die Bevölkerung mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Süd-Vietnam entwickelte sich hierbei allerdings zunehmend zu einer Diktatur, als der amtierende Führer Ngô Dinh Diêm 1956 anstehende Wahlen im Land verweigerte. Eine Widerstandsbewegung namens Viet Cong formierte sich im Süden und versuchte sich gegen die Regierung aufzulehnen. Eine kommunistische Machtübernahme Süd-Vietnams wurden Seitens des Westens befürchtet. Als dann auch noch im Golf von Tonkin angeblich zwei US-Amerikanische Kriegsschiffe von Nord-Vietnam attackiert wurden (Tonkin-Zwischenfall) erklärten die USA, Nord-Vietnam den Krieg. Von diesem Zeitpunkt an wurden insgesamt bis zum Ende des Krieges 1975 eine halbe Millionen US-Soldaten nach Vietnam stationiert die auf der Seite von Süd-Vietnam zum Einen gegen Nord-Vietnam im Norden und zum Anderen gegen den Viet Cong im Süden vorgingen. Nord-Vietnam fiel unzähligen Bombenangriffen der US-Luftwaffe zum Opfer, die darauf aus waren industrielle Zentren und vermeintliche Nachschubwege zum Viet Cong in Süd-Vietnam zu zerstören. Die amerikanische Luftwaffe griff dabei auf, zu diesem Zeitpunkt hochmoderne, Chemikalien wie Agent Orange und Napalm zurück, welche in erster Linie die dicht bewachsene Vegetation vernichten sollte, um die Verstecke des Feindes aufzudecken. Grausame Geschichten und Bilder über einen Krieg, der angeblich nicht gewonnen werden konnte, gingen um die Welt und führten in den USA zu massenhaften Protesten und einem politischem Wechsel. Am 1. Mai 1975 wurde Saigon, die Hauptstadt Südvietnams vollständig von Nord-Vietnam eingenommen. Die USA hatte sich bereits 1973 aus Vietnam zurückgezogen. Als der Krieg schließlich vorbei war, vereinigten Ho Chi Minhs Nachfolger in den darauffolgenden Jahren beide Landesteile zu einem einheitlichen und bis heute noch bestehenden Staat: Der Sozialistischen Republik Vietnam.

3. Schlussbetrachtung und Kritik

Vietnam erschien lange Zeit als eine Art Spielball größerer Mächte und fiel oftmals der Willkür anderer Staaten zum Opfer. Ob nun China, Frankreich oder Japan – sie alle nutzten die geringe und technisch unterentwickelte Verteidigung eines scheinbar wehrlosen Staates aus, um sich mit der Erfüllung eigener wirtschaftlichen oder politischen Interessen zu bereichern. Diese Tatsache erscheint uns aus heutiger Sicht so unvorstellbar wie der Kolonisierungswahn unserer europäischen Staaten, welcher unfassbar großes Leid über die Erde verteilte. Jede Zeitepoche scheint hierbei seine eigenen Konflikte in der Welt hervorgerufen zu haben. Ob nun Territorialstreit, Kolonialkonflikt, Weltkriegskonflikt oder Stellvertreterkrieg im Wettrüsten der Supermächte: Vietnam geriet immer zwischen die Fronten oder war direkt beteiligt. Besonders der letztere der Konflikte schien für das leidgeprüfte Volk besonders katastrophal gewesen zu sein, denn es hatte ähnlich wie in Deutschland oder Korea eine Teilung des Landes zur Folge. Eine Teilung des Volkes in zwei Interessengruppen, welche von zwei ideologisch unterschiedlichen Machtblöcken gegeneinander aufgehetzt wurden. In Deutschland endete die Teilung des Landes in einer Wiedervereinigung zu Gunsten des Westens, wobei ein Krieg zwischen beiden Parteien nie stattgefunden hatte. In Korea fand wie auch in Vietnam ein Krieg statt, der allerdings keine Wiedervereinigung zur Folge hatte und noch heute eine angespannte Lage verursacht. Und wie steht es mit Vietnam?

Der Vietnamkrieg endete in der Annektierung des kapitalistischen Südens durch das kommunistische Nord-Vietnam nachdem schätzungsweise um die 60.000 Soldaten und 3,3 Millionen Vietnamesen ihr Leben ließen. Für den Westen und insbesondere für die USA war dies eine absolute Katastrophe. Nicht nur die Tatsache, dass das Land dem Kommunismus zufiel, sondern auch die hohen Verluste und unzählige Massaker an der vietnamesischen Bevölkerung bescherten der USA die erste gefühlte Niederlage in ihrer durch Patriotismus geprägten Kriegshistorie und herbe Kritik an den Kriegsmethoden. Während man im Ersten und Zweiten Weltkrieg noch heldenhaft Europa befreien konnte und als Weltpolizei überall auf dem Globus erfolgreich Einfluss nahm, wurde der Supermacht in Vietnam erstmalig ihre militärischen Grenzen aufgezeigt. Der Westen war gescheitert. Zum Glück?

Ich setze meinen Rundgang durch Ho Chi Minh Stadt die einmal Saigon hieß fort. Unzählige Bilder Ho Chi Minhs schmücken die Straßen; Der 1969 verstorbene Führer Nord-Vietnams gilt als unangefochtener Held der jungen Sozialistischen Republik. Im Gespräch mit einigen Menschen erfahre ich auch warum. Es ging den Menschen damals wohl weniger um ideologische Hintergründe. Vielmehr war es die Tatsache, dass es Ho Chi Minh schaffte Vietnam auf dem Weg zur Unabhängigkeit zum Ziel zu führen und die zwei gespalteten Landesteile wieder zu vereinen. Auf die Frage wie die Menschen heutzutage zum Westen aufgrund der Vergangenheit des Landes stehen war die Antwort sehr positiv. Die neue Generation Vietnams schürt keine Rachegedanken an die Unterdrücker früherer Zeitepochen – im Gegenteil. Die Menschen sind sehr offen, gastfreundlich und neugierig, auch dem Westen gegenüber. Der Kommunismus selbst, auf dem die neue Republik gegründet wurde, ist für Außenstehende lediglich an Propaganda-Plakaten in den Städten und an täglichen Radiodurchsagen der einzigen Partei Vietnams festzustellen. Die Straßen von Ho Chi Minh Stadt sind erfüllt vom Kapitalismus. Bankenviertel, Wolkenkratzer, Märkte und unzählige Verkäufer jagen das schnelle Geld. Facebook wird zwar von der vietnamesischen Regierung blockiert, was aber nahezu von allen Jugendlichen der neuen Generationen umgangen und genutzt wird. Vietnam hat wie auch China einen Mittelweg zwischen Kommunismus und Kapitalismus gefunden. Während die Politik weiterhin durch das undemokratische Ein-Parteiensystem kommunistisch geprägt ist, haben sich weite Teile der Wirtschaft dem Kapitalismus geöffnet. Vietnam geht hiermit wohl endlich seinen eigenen Weg.

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4. Literatur

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2 Antworten zu Gast-Essay: Der Kampf um Vietnam (von Thomas Frank)

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