Ausstellungsrezension: „RAF – Terror im Südwesten“ im Haus der Geschichte in Stuttgart

Ausstellung: „RAF – Terror im Südwesten“ vom 14.6.2013 – 23.2.2014

– ein Artikel von Lenka Scubik –

Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart

ca. 220 Exponate

Katalog 19.90 €

Eintritt 3 €

Führung 7 €

Schüler 1.50 €

Die RAF scheint museumsreif zu sein. Museumsleiter Thomas Schnabel nennt die Ausstellung im Untergeschoss seines Museums  „die erste große historische Ausstellung zu diesem Thema in Deutschland“ (Katalog, S. 5). Und die Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger streift das Konfliktpotential der Ausstellung mit dem Hinweis auf die Berliner Kunst-Werke, die unter dem Kurator Felix Ensslin (!) 2003 der RAF eine umfassende Ausstellung konzipiert hatten, die jedoch aufgrund von Protesten aus einigen Opferfamilien verhindert bzw. mit dem Schwerpunkt auf der Rezeption der RAF in der Kunst 2005 ausgeführt worden war: „Zur Vorstellung des Terrors“(S. 9f).

Man steigt hinab in den „Untergrund“ des Hauses der Geschichte und gelangt in eine Düsternis.

Was ist nun in Stuttgart zu sehen?

  • Bevor man den ersten Ausstellungsraum betritt, werden Bilder auf großen Monitoren gezeigt und von einem virtuellen Finger umgeblättert, die den zeithistorischen Kontext illustrieren: Vietnam, Rudi und Gretchen Dutschke, Mercedes-benz-Anzeigen, Benno Ohnesorg, Brigitte Bardot, Biafra, Drogenkonsum in der BRD, die Mondlandung.
  • Gewalt, künstlerisch, optisch, prägt rot und zersplittert den Hauptraum der Ausstellung wie eine Explosion!
  • Ruth Schroers als Ausstellungsarchitektin aus Berlin setzt ganz auf das Raumkonzept eines 36m langen roten Trichters, der sich zur Spitze hin immer weiter verengt- zeitlich symbolisch für die Phase zwischen 1971 und 1977. Polygone schwarze Tafeln hängen von der Decke wie Bombensplitter, bedruckt mit Orten und Daten der Terrorakte.
  • Ein weißgrauer Quader symbolisiert mitten im roten Ausstellungsraum den Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Stammheim.
  • Der Nebenraum ist schwarz-weiß gehalten und ein großes Transparent mit dem berühmten Satz von Martin Luther King jr.“We must choose nonviolence or nonexistence“ zeigt sich unter anderen großflächigen Plakaten der Friedensbewegung
  • Acht Tische ermöglichen das Abhören von Interviews über Kopfhörer zum Thema Zerfall und Auflösung der RAF, bis hin zur Problematisierung des Gewaltbegriffs zwischen dem Philosophen Bloch und dem Theologen Gollwitzer.
  • Elf Themenbereiche werden präsentiert: Gewalterfahrungen im Südwesten 1967 – 1972, Gewalttaten, Aufruf zur Gewalt, Trauer, Gewaltmonopol, Vollzug, Radikalisierung, Eskalation, Absage an die Gewalt, Ausstieg aus der Gewalt, Ist die Gewalt der RAF Geschichte.
  • Der Schwerpunkt liegt geografisch auf dem Südwesten, da führende RAF-Mitglieder wie Gudrun Ensslin, Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt und Stefan Wisniewski aus dem Land stammen.
  • Die 34 Opfer der RAF stehen im Mittelpunkt, wenn auch nicht alle gleich detailliert, vermittelt durch Tondokumente und Fotos in Schaukästen.
  • Anschlagsziele befanden sich im Südwesten: wegen der US-Truppenpräsenz in Heidelberg und dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, sowie der JVA Stammheim.
  • Die mehr als 220 Exponate setzen sich zusammen aus Bild-und Tondokumenten der Zeit, Filmsequenzen des SWR, Tatwerkzeugen und Besitztümer aus der Asservatenkammer von Polizei und BKA oder aus Privatbesitz, wie sie so noch nie gezeigt worden sind. Am eindrucksvollsten wohl: die Suzuki GS 750, von der aus am 7.4.1977 der Generalbundesanwalt Buback erschossen worden war am Ausgang der Ausstellung; die Panzerfaust RPG7 vom Anschlag auf den Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa 1981 in Heidelberg; der „Knast-Pizza-Ofen“ von Jan-Carl Raspe, die Destillieranlage von Irmgard Möller zur Alkoholherstellung und die Minox-Kamera, die Andreas Baader nach Stammheim geschmuggelt hatte. Die Liste ist unvollständig.
  • Bilder von den toten Häftlingen und dann von der Beerdigung mit O-Tönen des damaligen OB Manfred Rommel u.a.
  • Katalog und Begleitprogramm (Zeitzeugengespräche und Filmreihe) sind ausgezeichnet und hilfreich. Sie finden großen Anklang bei zahlreichen Besuchern.

Was findet man nicht? Was könnte man bemängeln am Ausstellungskonzept?

  • Der Titel der Ausstellung erscheint problematisch, bedenkt man, dass der Terror der RAF die gesamte bundesdeutsche Gesellschaft betraf und veränderte.
  • Andererseits füllt die Präsentation eine Lücke, denn das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und das Deutsche Historische Museum haben bislang keine RAF-Sonderausstellung organisiert.
  • Die Betonung auf der Verbesserung der Haftbedingungen in Stammheim als Folge  massiver Auseinandersetzungen in der bundesdeutschen Gesellschaft, auch in medizinischer Hinsicht.

Nicht nur die Darstellung der Freizeitgestaltung der Häftlinge, deren Bücherlisten, „Bastelarbeiten“ und Korrespondenz.

  • Eine Auseinandersetzung mit Fragen der Legitimation und Anwendung von Gewalt im sog. politischen Kampf, samt den Personen und deren Positionen, die die Debatte damals führten oder beherrschten.
  • Die Reaktionen des Staates auf den Terror der RAF werden zwar angesprochen und teilweise dargestellt, in ihrer Wirkungsgeschichte aber wenig verfolgt oder gar problematisiert.
  • Es fehlt eine Darstellung des Wechselverhältnisses zwischen Justiz und Staat, Öffentlichkeit und Medien, sowie der RAF. Der gewählte Fokus der Präsentation engt zu sehr ein in dieser Hinsicht, wobei allerdings der gesetzte Schwerpunkt vielschichtig dokumentiert wurde.
  • Terror und Gewalt, insbesondere repräsentiert durch Tatwerkzeuge und Opfer-Schicksale, bewirken immer auch Voyeurismus und Faszination durch Gewalt. Unklar scheint daher noch immer, wie man dem in einer zeithistorischen Ausstellung entgehen könnte.
  • Zeitzeugen und SchülerInnen der Gegenwart, die gut informiert die Ausstellung besuchten, bemängeln oft im Besucherbucht, dass unklar bleibe, wie es zur RAF kommen konnte, während andere, weniger informierte Besucher die Präsentation als zusammenhangloses Sammelsurium, das wenig erklärt, empfinden.
  • Der Mythos RAF könnte sich eher verfestigen als aufklären für die Schüler-Generation unter den BesucherInnen. Es sei denn, man nehme das Begleitprogramm intensiv wahr oder lese den Katalog.

„Es war nicht selbstverständlich, dass es der Bundesrepublik gelang – bei allen Schwierigkeiten und Pannen im Einzelnen – sich rechtsstaatlich und erfolgreich mit dem Terror der RAF auseinanderzusetzen“ schreibt der Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg Dr. Thomas Schnabel im Vorwort des Katalogs zur Ausstellung.

Es lohnt sich, über diesen erstaunlichen Satz nachzudenken und die Ausstellung zu besuchen.

Noch sind wenige Wochen Zeit!

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