Der Hitler-Stalin-Pakt von August 1939 (Ribbentrop-Molotow-Pakt)

Im März 1939 gab Großbritannien seine Appeasement-Politik gegenüber Deutschland auf, nachdem der Bruch des Münchner Abkommens die Zerschlagung der Tschechoslowakei zur Folge gehabt hatte und Polen nun von Deutschland deutlich bedroht wurde. Der deutsch-polnische Nichtangriffspakt von 1934 war von Deutschland schon zuvor aufgehoben worden und die Spannungen an der deutsch-polnischen Grenze nahmen zu. Die Strategie Hitlers und seiner Minister sah nun eine politische Isolierung Polens vor, die eine Invasion Polens ohne Eingreifen der umliegenden Mächte führen sollte.

Die Westmächte mussten in ihrer neuen Strategie nun die Existenz Polens als eigenständigem Staat sichern und gingen so ein Bündnis mit Polen ein. In Verhandlungen mit der Sowjetunion, versuchten sie ein Abkommen mit Stalin zu erreichen, das die Ostgrenze Polens sichern sollte. Die Verhandlungen führen aber zu keinem Erfolg.

Schon ab April 1939 bemühte sich deshalb nun auch Hitler mit seinem Außenminister Ribbentrop um eine Verständigung mit Stalin. Im August 1939 wurden die Verhandlungen von deutscher Seite aus massiv forciert, denn ein Pakt mit der Sowjetunion würde bedeuten, dass die Sowjetunion einer Invasion Polens zustimmen würde, diese Invasion möglicherweise sogar unterstützen würde. Eine Invasion ohne Abstimmung mit dem riesigen Sowjetstaat im Osten hätte auf der anderen Seite wohl einen sofortigen Krieg mit der Sowjetunion oder zumindestens eine massive Bedrohung der neuen deutschen Ostgrenze zur Folge gehabt.

Um den geplanten Angriffstag auf Polen am 1. September einhalten zu können, machte Deutschland nun Druck. Wie Lothar Gruchmann (Gruchmann, Lothar: Der Zweite Weltkrieg. Kriegsführung und Politik, Wiesbaden 2004, S. 15f) schreibt:

Da Hitler nun in Zeitdruck geraten drohte […] drängte Berlin mehrmals auf einen baldigen Empfang Ribbentrops in Moskau, zuletzt durch ein persönliches Telegramm Hitlers an Stalin vom 20. August. Die Sowjets erkannten den Grund für Hitlers Eile und trugen ihr aus Gründen der eigenen Staatsraison Rechnung: Ribbentrop konnte tatsächlich noch in der Nacht zum 24. August in Moskau einen Nichtangriffspakt und ein geheimes Zusatzprotokoll unterzeichnen, in dem die beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa […] abgegrenzt wurden.“

Die dabei zugewiesenen Gebiete wurden damit für die Invasion durch den jeweils anderen Staat freigegeben. Die meisten Gebiete wurden bis Juni 1941 von beiden Staaten auch planmäßig erobert oder in das eigene Bündnissystem aufgenommen. Das geheime Zusatzprotokoll wurde allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg in der Öffentlichkeit bekannt.

Die Deutschland zugewiesenen Gebiete:

– der westliche Teil Polens (1939 annektiert)
– Litauen (Memelgebiet 1939 von D annektiert, Rest von der Sowjetunion 1940 annektiert)
– Slowakei, Rumänien, Bulgarien, Ungarn (alle 1939 und 1940 in das deutsche Achsenbündnis aufgenommen)

Die der Sowjetunion zugewiesenen Gebiete:

– Finnland (im Winterkrieg von 1939 angegriffen, aber nicht erobert)
– das bessarabische Gebiet in Rumänien (1939 annektiert)
– der östliche Teil Polens entlang der Grenze der Flüsse Narew, Weichsel und San (1939 annektiert)- Estland und Lettland (1940 annektiert)

Die beiden ideologischen Erzfeinde teilten sich so nun Osteuropa untereinander auf. Stalin und seine Minister erhofften sich so Freiheit zur Eroberung Finnlands, der baltischen Staaten und Ostpolens, wollten sich aber vor allem gegen mögliche Aggressionen Hitlers absichern. Mit einem Nichtangriffspakt, so dachte man, würde man die Aggressionen Hitlers eher gegen die Westmächte lenken. Die Sowjetunion war 1939 tatsächlich militärisch nicht in der Lage, gegen das nationalsozialitische Reich in den Krieg zu ziehen. Die „Große Säuberung“ von 1938 hatte große Teile des Offizierskorps der Roten Armee vernichtet, die Truppen waren schlecht ausgerüstet und das Material z.T. deutlich veraltet. Der misslungene Winterkrieg gegen Finnland wenige Monate nach dem Hitler-Stalin-Pakt zeigte dies noch einmal deutlich.

Für Hitler und das Deutsche Reich war der Pakt essentiell wichtig, so hatte man nun freie Hand für einen Überfall auf Polen und konnte große Teile Osteuropas ins eigene Bündnis eingliedern, ohne einen Angriff der Sowjetunion befürchten zu müssen. Die beiliegenden Wirtschaftsabkommen sicherten Deutschland wichtige Erdöl-Lieferungen aus Russland, die für die Betankung der rasant wachsenden Panzer- und Motorisierte Infanterie-Einheiten notwendig waren.

Für die Westmächte war der Hitler-Stalin-Pakt weiterer außenpolitischer Tiefschlag. Statt Deutschland zu isolieren und Polen zu schützen, hatten die eigenen zähen Verhandlungen mit der Sowjetunion die Erzfeinde Hitler und Stalin zu einem Pakt zusammengeführt. Polen war nun eingekreist, Deutschland in einer hervorragenden Position in Mitteleuropa und noch zu wirtschaftlich gestärkt. Die britischen und französischen Truppen waren im August 1939 für einen Krieg mit dem erstarkten Deutschen Reich nicht gerüstet, sogar so wenig, dass Hitler hoffen konnte, dass die Westmächte erst gar nicht auf Seiten Polens in den Krieg eingreifen würde. Diese Hoffnung wurde allerdings am 3. September, zwei Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen enttäuscht.

 

Der Hitler-Stalin-Pakt war ein diplomatisch geschickter Schachzug zweier autoritärer Staaten, die ihre Macht in Europa 1939 deutlich ausbauen wollten. Er ermöglichte es dem Deutschen Reich nicht nur Polen zu überfallen, sondern auch bis zum Bruch des Paktes im Juni 1941 fast ganz Europa unter deutsche Kontrolle zu bringen, ohne das die Sowjetunion dies unterband oder bedrohte (Frankreich, Jugoslawien, Griechenland, Dänemark, Norwegen, Belgien, Luxemburg, Holland und Westpolen wurden bis 1941 annektiert, Italien, Bulgarien, Rumänien und Ungarn schlossen sich dem deutschen Bündnis an).

Selbst der Bruch des Hitler-Stalin-Pakts und der Angriff deutscher Truppen auf die Sowjetunion kam 1941 für Stalin und seine Berater überraschend. Man hatte geglaubt, dass sich Hitler mit den weitreichenden Eroberungen zufriedenstellen würde und seine Aggressionen weiter auf die Eroberung Großbritanniens bündeln würde. Die schon in Hitlers Buch „Mein Kampf“ geforderte „Lebensraumerweiterung im Osten“ wollten die Nationalsozialisten allerdings um jeden Preis zu einem Erfolg führen. Im Juni 1941 sollte dies mit der „Operation Barbarossa“ gelingen …

Weiteres Material für eine GFS oder zum Weiterlesen:

Eine gute und kurze Zusammenfassung des Deutschen Historischem Museums:

http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/aussenpolitik/nichtangriffspaktsu/index.html

Ein wichtiger Text von Georg Friebe, der vor allem der Frage nachgeht, was Stalin mit dem Pakt bezweckte:

http://potsdamer-konferenz.de/geschichte/hitler_stalin_pakt.php

Der Vertragstext mit kurzer Einführung:

http://www.polish-online.com/geschichte-polen/hitler-stalin-pakt.php

Ein sehr interessanter Auszug aus Schultze-Rhonhofs „Der Krieg der viele Väter hatte“:

http://www.vorkriegsgeschichte.de/content/view/30/46/

Videos, Bilder, Texte und eine Originalkarte bietet diese Seite des brandenburgischen Rundfunks:

http://www.deutscheundpolen.de/ereignisse/ereignis_jsp/key=hitler-stalin-pakt_1939.html

Ein Artikel der „Welt“ von Richard Herzinger, der dem Thema einen aktuellen Bezug gibt, sehr lesenswert:

http://www.welt.de/kultur/history/article108759195/Die-Luege-vom-russischen-Antifaschismus.html

Ein Aufsatz von Gerhard Wettig zum Thema:

http://www.kas.de/lettland/de/publications/7185/

Ein Aufsatz von Professor Olschowsky zum Thema:

http://www.tagesspiegel.de/meinung/hitler-stalin-pakt-der-weisse-fleck/8653986.html

Ein Aufsatz von André Krajewski zum Thema:

http://www.andre-krajewski.de/content/pdf/Hitler_Stalin_Pakt.pdf

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8 Antworten zu Der Hitler-Stalin-Pakt von August 1939 (Ribbentrop-Molotow-Pakt)

  1. bergamontrider99 schreibt:

    Danke, haben sie meine E-Mail bekommen ?

  2. bergamontrider99 schreibt:

    Ok gut 🙂
    Ich habe mir zwar eine Leitfrage überlegt, die eigentlich auch Sinn macht, aber dazu müsste ich entweder den Punkt „Zweck des Pakts“ weglassen, oder sie sagen dass es trotzdem ok ist weil die Frage wird in diesem Punkt halt schon beantwortet. Also die eine Leitfrage wäre: Warum wurde der Pakt überhaupt abgeschlossen ? (Absichten der beiden Seiten)

  3. bergamontrider99 schreibt:

    Ok gut 🙂
    Ich habe mir zwar eine Leitfrage überlegt, die eigentlich auch Sinn macht, aber dazu müsste ich entweder den Punkt “Zweck des Pakts” weglassen, oder sie sagen dass es trotzdem ok ist weil die Frage wird in diesem Punkt halt schon beantwortet. Also die eine Leitfrage wäre: Warum wurde der Pakt überhaupt abgeschlossen ? (Absichten der beiden Seiten)

  4. iksgeschi schreibt:

    Hat dies auf iksgeschilounge rebloggt und kommentierte:
    Lektüreempfehlung für alle, die nicht nur Fußball im Sinne haben.
    Hv

  5. Pingback: Themenliste 9b Klassenarbeit Nr. 2 am 24.05.2017 | Histoproblog – Geschichte macht Schule

  6. Pingback: Themenliste 9a Klassenarbeit Nr. 2 am 23.06.2017 | Histoproblog – Geschichte macht Schule

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