Der „Große Terror“ 1934 – 1938 in Russland (Stalinistischer Terror)

Der „Große Terror“ 1934 – 1938 in Russland

Periodisierung

1. Dezember 1934 Ermordung Kirovs bis 29. Juli 1936 „Volksfeind“-Brief Stalins
=> „Gesetz vom 1. Dezember“: Notstandsmaßnahmen zum Zugriff auf „Volksfeinde“
=> Begriff des „Volksfeindes“ im Gegensatz zum „Klassenfeind“: Zugriff auf Parteimitglieder wurde dadurch möglich
=> Schuldfrage Stalins an der Ermordung Kirovs ist nicht geklärt

29. Juli 1936 bis 17. November 1938 Beria neuer NKWD-Chef, Einstellung des Terrors
=> Eigentliche Phase des „Großen Terrors“
=> Schauprozesse gegen Zivov’ev, Kamenev, Buchanin, Rykov als Propaganda-Prozesse
=> 1,6 Millionen Internierte, 680.000 Erschießungen

Möglich ist auch die Abgrenzung einer dritten Phase von 1937-1938, der „Massenterrorphase“, in der sich die unten beschriebenen Phänomene verselbstständigten und der Terror damit vollständig außer Kontrolle der staatlichen Autoritäten geriet.

Ursachen des Terrors

=> Verbreitete Paranoia vor Saboteuren, Erklärung wirtschaftlicher Probleme durch „Sabotage“
=> Zwangskollektivierung, überschnelle Modernisierung der Industrie, Zwangsdenomadisierung (z.B. von Kasachischen Nomadenstämmen) usw. konnten nur mit Gewalt durchgeführt werden
=> Person Stalins, Terror als Herrschaftskonzept, Loyalität musste immer neu bewiesen werden, Familienmitglieder sogar dafür geopfert werden
=> Verkörperung der Gewalt der Bolschewiki, Einteilung in Freund und Feind, es gab keine neutralen Menschen in der bolschewikischen Denkweise, Tötung aller potentiellen Feinde, Idee vom weiter fortgeführten Krieg!
=> Denunziationen von unten (aus Angst vor eigener Verfolgung)
=> „Potentielle Feinde“ durch zwei Bedrohungsszenarien „gefährlich“:
– großer Krieg mit Angriff des Kapitalismus (NS-Gefahr)
– innere Bedrohung im Vorfeld von anstehenden Wahlen. Unkonforme Ansichten waren im Volk weit verbreitet. 1937 Volkszählung: Mehrheit im Volk „religiös“
=> Verhalten der Opfer, Bereitwilligkeit der Täter, Ausbruch kultureller Dispositionen, die das Töten vereinfachten => massenhafte „Gewaltkulturen“

Facetten des Terrors

Moskauer Schauprozesse waren der Auftakt des Terrors:
=> Vorwürfe des „Trotzkismus, Spionage, Sabotage, Hochverrat
=> Bewusst in der Öffentlichkeit, von partei-organisierten Massendemonstrationen begleitet
=> Liquidierung der wichtigsten Konkurrenten Stalins innerhalb der Partei (v.a. Buchanin)
„Parteisäuberungen“
=> 98 von 139 ZK-Mitgliedern liquidiert, 3 von 100 im ukrainischen ZK überlebten
„Säuberung der Roten Armee“
=> 11. Juni 1937: Tuchatschewski und 7 Generäle liquidiert
„Kulakenoperationen“ („NKWD-Befehl Nr. 00447“)
=> Massenterror gegen zurückgekehrte Kulaken, „Weiße“, Banditen, Geistliche, Sekten usw.
Ethnische Säuberungen
=> Gezielter Kampf gegen nationale Minderheiten als potentielle Aggressoren im Kriegsfall
Verfolgung der Intelligenzia
=> Kampf gegen die Geistlichkeit, Liquidierung von unkonformen Wissenschaftlern
=> Exekution der Statistiker der unbefriedigenden Volkszählung von 1937

Mechanismen des Terrors

=> Unterzeichnung der meisten Listen durch Mitglieder des Politbüros und Stalin (Parteisäuberung)
=> „Album-Verfahren“ bei der Liquidierung („nationale Operationen“), später „Sondertroikas“
=> Einsatz von Troikas („Befehl 00447“)
=> Erfolgsdruck des NKWD und Todesangst führte zu möglichst hohen Ziffern von Internierten und Erschossenen, z.T. Zusammentreiben von „Verdächtigen“ auf offener Straße
=> Folter zur Erpressung von Geständnissen zur „Gewissheit Schuldige zu töten“
=> Erschießungen ohne Verkündigung des Urteils, nur wenige Exekutoren
=> Extrem hohe Sterblichkeit in den Gulags

Literatur:

– Altrichter, Helmut: Kleine Geschichte der Sowjetunion. 1917 – 1991, München 2007.
– Baberowski, Jörg: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. München 2003.
– Binner, Rolf und Marc Junge: Wie der Terror „Groß“ wurde: Massenmord und Lagerhaft nach Befehl 00447. In: Cah Monde Russe 42 (2001), 557-614.
– Creuzberger, Stefan, Ingo Mannteufel und Jutta Unser: Kommunismus und Terror. Das „Schwarzbuch des Kommunismus“ – Hauptthesen und Argumente. In: Osteuropa 50 (2000), 585-592.
– Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917 – 1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 1998.
– Hildermeier, Manfred: Stalinismus und Terror. In: Osteuropa 50 (2000), 593-605.

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Eine Antwort zu Der „Große Terror“ 1934 – 1938 in Russland (Stalinistischer Terror)

  1. theprepp schreibt:

    Schade, dass es hierzu gekommen ist, aber gut gemacht 😉

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