Il Risorgimento – die nationalstaatliche Einigung Italiens im 19. Jahrhundert

Il Risorgimento – die nationalstaatliche Einigung Italiens im 19. Jahrhundert

1. Vorbedingungen und Probleme
Vorbedingungen:
– Niedergang der ital. Stadtstaaten im 17. Jahrhundert -> Italien Spielball der Großmächte
– 1794/95 Versuch ital. Jakobiner, Ideen der Franz. Revolution in Italien umzusetzen
– Ab 1801 allerdings ganz Italien unter französischer Herrschaft -> Napoleon
– Durch Code Napoleon Abschaffung des Feudalwesens und Zentralismus
=> Entwicklung eines Gefühls einer überregionaler Identität in den Mittelschichten

Probleme:
– kulturelle Differenzen zwischen den verschiedenen Regionen Italiens
– Fehlen einer einheitlichen Sprache => 1860 beherrschten nur 2 % „Italienisch“
– ca. 75 % Analphabeten, sehr ländliche Verhältnisse, kaum Industrialisierung
– eigene ländliche Klientelsysteme limitierten Eingriff zentralistischer Staatsgewalt

2. Interessengruppen

Für die Einigung
– Historische Linke (Mazzini, Garibaldi)
Ziel: Errichtung einer ital. Republik
– Historische Rechte (Gioberti)
Staatenföderation mit Papst als Oberhaupt
– Gemäßigte Liberale (Cavour)
Konstitutionelle Monarchie unter Führung
des Hauses Savoyen (Sardinien-Piemont)

Gegen die Einigung
– Heiliger Stuhl
Ziel: Erhalt des gesamten Kirchenstaats
– Frankreich
bis 1849 gegen Einigung
– Österreich
Ziel: Kontrolle Norditaliens
– Spanien
Ziel: Kontrolle Süditaliens u. Siziliens

3. Revolution und Krieg 1848/49
– Restauration ab 1815 stellte die vornapoleonische Ordnung wieder her
– Königreich beider Sizilien, Königreich Lombardo-Venetien, Großherzogtum
Toskana, Herzogtümer Parma, Modena und Lucca => großer Einfluss ausl. Mächte
– Daneben Königreich Sardinien-Piemont unter dem Haus Savoyen u. Kirchenstaat
– Ab 1820 massiver Widerstand der Mittelschichten gegen diese Ordnung
– 1846 Einführung von Verfassungen in italienischen Staaten, selbst im Kirchenstaat (Pius IX.)
– 1848 entstanden durch Revolutionen kleine Republiken (v.a. in Rom u. Venedig)
– Gegen den Vatikan durchgesetzte Römische Republik wurde v. franz. Truppen
wieder aufgelöst => Napoleon II. garantierte Existenz des Kirchenstaats
– 1848 Sardinien-Piemont setzte sich mit Krieg gegen Österreich (Erster
Italienischer Unabhängigkeitskrieg) an die Spitze der Risorgimento-Bewegung

=> Scheitern der Historischen Linken und ihrem Versuch, aus Italien einen geeinten, demokratischen Staat zu formen. Stattdessen nun Initiative d. Gemäßigten Liberalen, die eine konstitutionelle Monarchie durchsetzen wollten.

4. Neuformierung und Entwicklung zum Königreich Italien bis 1861
=> Erkenntnis, dass Einigung Italiens nur über intern. Bündnisse realisierbar
– Unterstützung Frankreichs gegen Österreich, trotz Garantie für Kirchenstaat
– 1859 Zweiter Italienischer Unabhängigkeitskrieg => Annektion Lombardei
– 1860 Herzogtümer Parma, Modena, Toskana schlossen sich Haus Savoyen an
– 1860 erkaufte Cavour mit Preisgabe von Nizza und Savoyen die Unterstützung
von Frankreich zur Annektion weiter Teile des Kirchenstaates (außer Rom)
– Gleichzeitig Eroberung des Königreichs beider Sizilien durch Garibaldi
– Zusammenschluss der Armeen Viktor Emanuels II. und Garibaldis bei Neapel

=> Letztlich Durchsetzung der Einigung „von oben“
=> Bis 1870 nur Rom (französische Schutztruppe) und Venetien (Österreich) noch nicht in italienischer Hand

5. Vollendung der Einheit bis 1870
– Lösung der „Römischen Frage“ durch Bündnis mit Preußen
– Abzug der französischen Schutztruppe während des deutsch-französischen Krieges 1870/71
– Annektion des Kirchenstaats am 20. September 1870
– Volksabstimmungen in allen Regionen bestätigten Volkswille zur Einheit

6. Nachwirkung und Folgen
– Breite katholische Schichten waren durch Einnahme Roms entfremdet
– Durch Industrialisierung des Nordens bis heute massiver Nord-Süd-Konflikt
– Soziale Frage und konservative Monarchie führten zu politischen Unruhen
– Erstarken kommunistischer und anarchistischer Bewegungen
– Gleichzeitig Entstehen rechtsradikaler Bewegungen im Norden
– Gemeinsame staatliche Identität entstand nur langsam => Bedeutung der Musik, vor allem der Oper Verdis
– Unter Crispi (1887-1896) Entwicklung Italiens zu einem imperialistischen Staat
– Terre Irredente (Venetien, Südtirol, Trentino, Dalmatien, Istrien) erst nach dem Sieg im Ersten Weltkrieg (1919) zu Italien

– 1927 Vervollständigung des Monumento a Vittorio Emanuele II
=> Denkmal als neoklassizistisches Forum mit symbolischem Bezug zum antiken Rom
=> Versuch der Errichtung eines riesigen Denkmals für die Einigung Italiens, das durch seine Größe dem Petersdom und damit dem Papsttum Konkurrenz schaffen sollte

El Vittorino

Monumento a Vittorio Emanuele II, im Juni 2013
Bild vom Autor dieses Weblogs, alle Rechte vorbehalten

Literatur:
Feldhauer, Gerhard: Geschichte Italiens – Vom Risorgimento bis heute, Köln 2008.
Hibbert, Christopher: Rom. Biographie einer Stadt, München 1987.
Lill, Rudolf: Geschichte Italiens in der Neuzeit, Darmstadt 1998.
Reinhard, Volker: Geschichte Italiens von der Spätantike bis zur Gegenwart, München 2003.
Traniello, Francesco und Gianni Sofri: Der lange Weg zur Nation. Das italienische Risorgimento, Stuttgart 2012.

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