Die „Smuta“: Charakter und Ursachen der „Wirren“ im Moskauer Staat

Die „Smuta“: Charakter und Ursachen der „Wirren“ im Moskauer Staat
Verfasser: Manfred Pretz

Als die Smuta oder Zeit der Wirren wird in der Geschichte Russlands die Zeit von der Krönung des Zaren Boris Godunov (ca. 1551-1605) 1598 bis zur Krönung des Zaren Michael I. (1596-1645) 1613 bezeichnet. Dieser Essay soll den Charakter und die Ursachen dieser „Wirren“ im Moskauer Staat erläutern.

Die russischen Gebiete waren nach dem Mongolensturm eines Enkels Dschingis Khans, Batu Khan, 1251 unter die Herrschaft der neu entstandenen mongolischen Goldenen Horde gefallen. Die Fürstentümer in der Rus litten bis ins 15. Jahrhundert unter der Hegemonie der Mongolen, die als „Tartarenjoch“ bekannt ist. Obwohl den russischen Fürstentümern dabei weitgehend ihre Selbstverwaltung belassen wurde, waren sie zu hohen Tributzahlungen gegenüber der Horde verpflichtet und konnten sich nicht aus ihrer Unterdrückung lösen. Moskau gelang es aber während dieser Zeit durch ihre anfängliche Loyalität zu den Besatzern zum bedeutendsten Fürstentum der Rus aufzusteigen und lehnte sich schließlich Ende des 15. Jahrhunderts erfolgreich gegen ihre Herren auf. Ivan III. (1440-1505) gelang es die durch eigene Bürgerkriege stark geschwächte Goldene Horde zurückzutreiben und deren Machtanspruch zu übernehmen.

Nach Ivan III. und Wassili III. (1497-1533) bestieg Ivan IV. (1530-1584) 1547 den Thron Moskaus, das zu dieser Zeit bereits die beherrschende Großmacht unter den russischen Fürstentümern darstellte. Durch weitreichende Reformen gelang es ihm bis 1550 den Moskauer Staat zu stabilisieren. Auf dieser Grundlage versuchte Ivan die jeweilige Bedrohung Moskaus durch die mongolischen Splitterkhanate und Litauen auszuschalten. 1552 wurde das Khanat Kazan, 1556 das Khanat Astrachan besiegt und damit die Gefahr aus dem Osten gebannt. 1558 begann Moskau den Livlandkrieg gegen den Deutschen Orden und hoffte damit, bereits kultiviertes Land zu gewinnen. Nachdem sich der Orden auf diesen Druck hin 1560 aufgelöst hatte, traten an dessen Stelle aber Polen, Litauen und Schweden. Der Vorstoß im Westen scheiterte komplett, vor allem weil Polen und Litauen aufgrund der russischen Angriffe noch näher zusammenrückten, aber auch da die Mongolen der Krim und türkische Steppenvölker die Interventionen Moskaus nutzten, um ihre erlittenen Verluste wieder rückgängig zu machen. 1571 wurde im Zuge dieser Angriffe Moskau geplündert und niedergebrannt.

Eine schwere Erkrankung 1553, der Tod ihm nahe stehender Vertrauter, die Missbilligung seines Krieges durch den Hochadel, die Bojaren, und der sich anbahnende Misserfolg seiner Unternehmung im Westen verbitterten Ivan und schürten seine Angst vor einer Beschränkung seiner innenpolitischen Macht. Durch die Entlassung seiner Ratgeber 1560 und seinen Forderungen nach unbeschränkter Macht brachte er die Bojaren endgültig gegen ihn auf. Mithilfe der opričnina, einem Staat im Staate, entledigte er sich dem größten Teil des Hochadels und etablierte eine brutale Schreckensherrschaft. Die opričnina wurde zwar nach dem Einfallen der Mongolen 1571 wieder aufgelöst, doch der Staat hatte durch sie und den immer noch tobenden Livlandkrieg erheblichen Schaden genommen.

Hier sind nun auch die Hauptursachen für „Wirren“ der Folgezeit zu suchen: Die Schreckensherrschaft hatte zur Folge, dass der Dienstadel den Hochadel als mächtigste Schicht im Reich ablöste. Das destabilisierte nicht nur das Machtgefüge Moskaus. Die Macht des Dienstadels und deren Interesse an einer völligen Unterwerfung der Bauern hatte eine Flucht der Bauern aus Zentralrussland in den Süden zur Folge. Dies wiederum stärkte die Position der Kosaken, in deren unübersichtlichen und herrschaftsfreien Gebiet die Bauern zunehmend Schutz suchten. Ivan gelang es dabei nicht die Flucht der Bauern zu unterbinden, was den Staat weiter deutlich schwächte: Die Bevölkerung der Rus war im 15. Jahrhundert stark angewachsen und die damit sowieso schon knappe Nahrungsversorgung wurde ab der Mitte des 16. Jahrhunderts durch regelmäßige Missernten bedroht. Für einen Agrarstaat wie Moskau kommt dies einer Katastrophe gleich. Zwei Jahre vor seinem Tod 1584 erschlug Ivan seinen Sohn und Thronfolger im Streit und leitete damit zudem noch eine dynastische Krise ein. Er hinterließ damit nämlich lediglich den schwachsinnigen Thronfolger Fedor und seinen einjährigen Sohn Dmitrij.

Aus dem darauf folgenden Machtkampf um die Regentschaft Moskaus unter dem neuen, regierungsunfähigen Zaren Feodor I. (1557-1598) ging Boris Godunov, der Schwager des Zaren, als Sieger hervor. Er konnte seine Macht als Regent von 1587 an festigen und wurde nach dem Tod Feodors 1598 sogar zum neuen Zaren gewählt. Als Emporkömmling und ehemaliger Günstling Ivans IV. hatte auch er den Hochadel gegen sich. Durch die Unterstützung der Familie der Romanovs und des Dienstadels konnte er seine Macht bis 1598 soweit ausbauen, dass sie zu dieser Zeit fast als ungefährdet gelten kann. Seine Wahl zum Zaren entfremdete ihn aber schließlich von den Romanovs, die dadurch ihre eigene Thronnachfolge angegriffen sahen. Godunov wurde vorgeworfen, er habe Dimitrij, den dritten legitimen Sohn Ivans IV., 1591 ermorden lassen. Die offizielle Version besagte, der Knabe hätte sich damals in einem epileptischen Anfall selbst getötet. Um 1600 wurde das Auftauchen Dimitrijs in Polen bekannt, Gerüchte besagten, dieser sei nicht gestorben, sondern nach Polen geflohen und bereite sich nun dort auf die Wiedergewinnung seines rechtmäßigen Throns vor. In Wahrheit muss dieser „Pseudodemetrius“ wohl ein entlaufener Mönch gewesen sein, der Dimitrij ähnlich sah. Godunov konnte sich mit Hilfe des Dienstadels der Gefahr durch die Romanovs entledigen, starb 1605 aber im politisch ungünstigsten Augenblick. Nur die politischen Fähigkeiten Godunovs hatten den schwer geschwächten und durch Machtkämpfe zerrütteten Staat vor der Anarchie bewahrt. Godunovs Sohn Fedor folgte ihm nach und musste sich schnell einem Angriff des „falschen“ Dimitrijs beugen, mit dem sich auch der Hochadel verbündet hatte und diesem damit den Weg zur Herrschaft in Moskau frei machten. Ausschlaggebend war dabei die Hilfe des alten Adelsgeschlechts der Rjurikiden unter der Führung Vasilij Šujskijs. Die Herrschaft des Usurpators Dimitrij endete knapp ein Jahr später durch eine weitere Revolte der Moskauer, durch die schließlich Vasilij Šujskij selbst auf den Zarenthron gelangte. Seine Thronbesteigung markiert die zweite Phase der Smuta, den Ausbruch des sozialen Konflikts im Staat. Hatten die „Wirren“ bisher eher auf dynastischer Ebene stattgefunden, berührte die Erhebung eine Hochadeligen auch das sozialen Gefüge des Staates: Dem Dienstadel, der seit der Herrschaft Ivans IV. Moskau stabilisiert hatte, war es nicht daran gelegen den „Bojarenzar“ zu unterstützen und ohne Rückhalt gelang es Vasilij nicht, das Problem der flüchtigen Bauern und die sozialen Konflikte im Lande zu lösen. Im daraus resultierenden Bürgerkrieg, verschiedenste soziale Parteien hatten in unterschiedlichsten russischen Gebieten die Kontrolle übernommen, forderte Vasilij 1609 schwedische Söldner zur Bekämpfung der mittlerweile höchst gefährlichen Unruhen an und löste dadurch die dritte Stufe der „Wirren“ aus, die nationale Krise. Polen konnte dem Bündnis zwischen Schweden und Russen nicht tatenlos zusehen und intervenierte 1610 erfolgreich in den tobenden Bürgerkrieg. Erst 1613 gelang es den Moskowitern die polnische Oberherrschaft abzuschütteln und mit der Wahl des Zaren Michael I. die Zeit der „Wirren“ und Bürgerkriege zu beenden.

Die Smuta kann somit in drei unterschiedliche Krisen unterteilt werden, eine dynastische, eine soziale und eine nationale Krise, die sich gegenseitig überlappen. Dass es überhaupt zu einer Krise im Moskauer Staat kommen konnte, ist der Herrschaft Ivans IV. zuzuschreiben: Er versuchte zum einen den Herrschaftsbereich und die Macht seines Landes künstlich auszuweiten, zu einer Zeit, in der Moskau nicht annähernd dafür bereit war. Der katastrophale Livlandkrieg brach der sowieso schon schwachen russischen Wirtschaft das Genick. Die Gewaltherrschaft Ivans und die Ermordung seines eigenen Thronfolgers lösten eine dynastische Krise aus, die wiederum unter Vasilij Šujskij zur sozialen Krise und zum Bürgerkrieg auswuchs. Dies öffnete den polnischen Ambitionen gegen Moskau die Tür und führte zum polnischen Interregnum.

Literatur:
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Haumann, Heiko: Geschichte Russlands, München 1996.
Kappeler, Andreas: Russische Geschichte, 4. aktualisierte Auflage, München 2008.
Kliutschewskij, W.: Geschichte Russlands, Berlin 1925.
Löwe, Heinz-Dietrich (Hrsg.): Volksaufstände in Rußland. Von der Zeit der Wirren bis zur „Grünen Revolution“ gegen die Sowjetherrschaft, Wiesbaden 2006.
Stohl, Günther: Russische Geschichte, Stuttgart 1983.
Torke, Hans-Joachim: Einführung in die Geschichte Russlands, München 1997.

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