Die Universität im europäischen Mittelalter

Die Universität im europäischen Mittelalter

1. Das Prinzip Paris

– Ab 8. Jhd: Entstehung der scholae publicae, alter Kloster- und Domschulen, die von auswärts zahlreiche Schüler an sich zogen.
– Magister lehren ausschließlich im Auftrag eines Domkapitels, oftmals mit kirchlichen Pfründen.
– Ab 12. Jhd.: Wandernde Magister und Scholaren.
– Aus verschiedenen Kollegien und Domschulen entwickelt sich in Paris mit der Zeit das Prinzip der Universität, Magister werden zunächst von den Scholaren bezahlt, erhalten später Pfründe
– Eigentliche Gründung der Universität geht auf die Domschule von Nôtre Dame zurück. Das Domkapitel sicherte
sich durch deren Umfunktionierung zur Universität seinen Einfluss und wollte die Universität zur
wichtigsten Schule der christlichen Welt machen.
– Kollegien werden von einflussreichen Klerikern/Philosophen gegründet (Thomas v. Aquin, Albertus Magnus), deren Lehren große Anziehungskraft beweisen.

2. Das Prinzip Bologna

Phase 1)
Bologna bildete seit dem 11. Jhd. Einen Brennpunkt der Auseinandersetzungen des Papsttums mit dem Kaisertum und der Emanzipierungsbestrebungen des städtischen Bürgertums.
Um 1090 wurde das Lehrmaterial des Zivilrechts von Ravenna nach Bologna gebracht.
Dessen Nachfolger Irnerius begann 1116, die gesammelten Texte zu kommentieren und mündlich im Unterricht zu erklären.
Bis Ende des 12. Jhd. Hatte die daraus entstehende Rechtsschule keine äußere Organisation. Scholaren schlossen sich einem Rechtslehrer an, der sie gegen ein bestimmtes Honorar unterrichtete.
Kontinuierlichen Unterricht gab es seit 1140.

Phase 2)
Als das studium in Bologna in den letzten Jahrzehnten des 12. Jhd. an Bedeutung gewann, versuchten städtische Behörden, Rechtslehrer, Scholaren und die Kirche jeweils die Universität ihrem Einfluss zu unterwerfen.

1155: Scholaren und Rechtslehrer wenden sich an Kaiser Friedrich I. Barbarossa der die Authentica Habita erlässt:
– Schutz der ausländischen Scholaren
– Kein Scholar kann für die Schulden seines Landsmanns haftbar gemacht werden
– Universitäten erhalten eigene Gerichtsbarkeit
– Residenzeid für Professoren bindet diese mehr an den Ort ihrer Tätigkeit
– Deckt den bereits latenten Konflikt zwischen Studium und Kommune auf

Phase 3)
Als Resultat dieser Interessenkämpfe entstanden je zwei Korporationen von Rechtslehrern und Scholaren, die nun die Verfassung der Rechtsschule bestimmten.
=> Bildung von nationes (Landsmannschaften) Ende 12. Anfang 13. Jhd.

Aus den nationes entstanden zwei Gesamtverbände, die Universitates:
a) Universitas scholarium citramontanorum (italienische Scholaren)
b) Universitas scholarium ultramontanorum (Ausländer)
Nur Rechtsstudenten waren zugelassen. Den Bolognesen war wegen Kollision ihrer Bürgerpflichten die
Mitgliedschaft in einer Universitas ebenfalls verwehrt.
1252 gaben sich die Universitäten zum ersten Mal eine geschriebene Satzung

Unterschiede zur Rechtsschule:
Die Rechtssprechung lag nun nicht mehr bei den Doktoren, sondern bei den Rektoren der universitates
1280 übernahm die Stadt zum ersten Mal die Besoldung eines Kanonisten. Um 1350 scheinen alle Rechtslehrer städt. Gehalt bezogen zu haben.
Ein von der Stadt gestelltes Gremium wählte nun die Professoren aus und leitete die Schule, die nun zu einer kommunalen Anstalt geworden war.

3. Landesherrliche Gründungen im Heiligen Römischen Reich

Fakultäten:
Artes Liberales (Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie)
Theologie
Medizin
Recht (kanonisches und römisches)

1348 Prag (Ende der internat. Unis, Beginn der landesherrlichen Unis, 1409 Auszug der deutsch. Scholaren und Professoren durch hussitische Bewegung)
1365 Wien
1386 Heidelberg (Gründung durch Kurfürst Ruprecht I.)
1388 Köln (Gründung durch den Rat der Reichsstadt Köln)
1392 Erfurt (Gründung durch die Stadt, hohes Engagement der Bürgerschaft)
1402 Würzburg (1412 aus finanziellen Gründen eingegangen, 1562 wiederbegründet)
1409 Leipzig (Gegründet durch den Auszug der deutschen Stud. u. Prof. aus Prag)
1419 Rostock (1437 bis 1443 in Greifswald, ab 1542 protestantisch)
1456 Greifswald (n. d. Beispiel Rostocks)
1457 Freiburg (Albrecht VI.)
1459 Basel (v. d. Stadt aus)
1472 Ingolstadt (Anfang des 16. Jahrhunderts Zentrum der Gegenreformation, Johannes Eck)
1477 Mainz (Gegründet von Kurfürst Adolf II. von Nassau)
1477 Tübingen (Herzog Eberhard im Barte)
1502 Wittenberg (erst nur königliches Privileg)

4. Kollegien und Bursen

Kollegien
– Im 12. Jahrhundert entstanden in Paris die ersten Kollegien
– Unterscheidung zwischen grands collèges, in denen unterrichtet wurde und in petites collèges, die nur
zum wohnen dienten
– Kollegien waren meist Stiftungen und verfügten über eigenes Kapital
– Anfangs nur Schlafsaal, Küche, Speisesaal, später Kauf umliegender Gebäude
– Gebäudekomplexe mit Gruppierung um Innenhof entstehen
– 1257 wurde die „Sorbonne“ in Paris von Hofkaplan Robert de Sorbon gegründet
– Neubau auf altem Gelände im 17. Jhd., Lehrräume und Zimmer nach höfischem Vorbild
– In England entstehen die Kollegien als „Halls“, Bürgerhäusern mit großer Halle
– 2-4 Personen pro Schlafzimmer, für jeden Zugang zu eigenem Arbeitszimmer
– In Italien haben Kollegien kaum Bedeutung, in England nur Wohnzweck

Bursen
– Hausgemeinschaften, die den Zweck hatten, den Scholaren Kost und Logis zu gewähren
– Etablierung einer Burse nur unter der Leitung eines Magisters möglich
– Bursenzwang im Heiligen Römischen Reich seit 1457

5. Repräsentation der Universität

a) Siegel/Wappen
Universitätssiegel: Rechtsfähigkeit, Darstellung der Autonomie der Universität, traditionsbildend
Neben den Gesamtkorporationen Universität und neben den Rektoren haben sich auch die Fakultäten eines eigenen Siegels bedient. Bei den Fakultätssiegeln gibt es 2 Typenreihen:
Patrone der Fakultät werden dargestellt
Symbolische Darstellungen

Die Verwendung der Siegel war dem Rektor der Universität vorbehalten. Sie wurden in speziellen Kisten aufbewahrt, zu denen nur der Rektor und ausgewählte Dekane Schlüssel hatten.
Wappen sind nur im Bereich der englischen Sprache die Regel.

b) Zepter
Zepter symbolisieren den Rechtsstatus der Universität.
Darstellung: Wissenschaftspatrone, Lehrszenen, Wappen, christliche Darstellungen
Die Zepter waren das Hoheitszeichen des Rektors in seiner Funktion als Oberhaupt der Institution. Der Rektor trug das Zepter jedoch höchstens um damit gemalt zu werden. Hauptsächlich kam dem Pedell die Aufgabe zu das Zepter bei feierlichen Veranstaltungen dem Rektor voraus zu tragen.

c) Studentenordnung und Kleidung
Strenge Kleidervorschriften für Studenten (Talare), aber auch für Gelehrte.
Strafen konnten bis zur Exmatrikulation ausgeweitet werden, adlige Studenten wurden schonender bestraft.
Ab dem 15. Jhd. entschärfen sich die Kleiderordnungen, ab dem 16. Jhd. treten Statuten in den Hintergrund.

d) Epitaphe und Grabplatten
„Epitaphum“: Grabinschrift oder Gedenktafel für einen Verstorbenen.
Epitaphe werden seit dem 14. Jhd. nicht mehr ausschließlich an Gräbern sondern auch an Wänden und Säulen in Kirchen angebracht. Die Spender lassen sich und ihre Position als Professor dort verewigen.

6. Soziale Situation der Universitätsbesucher

Universitätsmatrikel: „Universitätsverwandte“ wurden in die Matrikelbücher „immatrikuliert“.
Student: Studenten oder Universitätsverwandte hießen alle Personen die mit der Universität irgendwie in Beziehung standen und deren Privilegien und Freiheiten genossen.

Studentengruppen: Simplex, Bakkalar, Magisterstudent, Standesstudent, Fachstudent

Sozialtypen: Divites, Pauperes, Konjunkturpendler, Honores

Zahlungsverhalten: Sollzahler, Teilzahler, Übersollzahler, Befreite (Pauperes)

Grundmann: Keine Vorrechte der Geburt in den universitären Gemeinschaften des Spätmittelalters
Schwinges: Die Universitäten des Spätmittelalters waren das getreue Abbild der sie umgebenden Gesellschaft.

Zwei Haupttypen sozialer Ankunft:
die Reisegruppe (kamen als Gruppe am Hochschulort an)
die Universitätsgruppe (fanden erst in der Universität zusammen)
Verschiedene Arten von Reisegruppen:
Die Verwandtengruppe
Personen im Kreis eines Universitätslehrers
Hohe geistliche und weltliche Herren mit ihrem Gefolge
Gruppen von Mönchen
Personen aus dem gleichen oder nahe benachbarten Herkunftsort

Die Universitäten im Spätmittelalter stellten keine abgeschlossenen Gesellschaften dar, sondern waren von äußeren Einflüssen in hohem Maße abhängig.
– Soziale Ankunft in kleinen Gruppen vollzog sich mehrheitlich in einer Scheidung zwischen Arm und Reich
– Die Universitätsarmen waren in sozialer Hinsicht von den übrigen Universitätsbesuchern distanziert.
– Die Standesgesellschaft war im Spätmittelalter schon so gefestigt, dass sie auch in die Universitäten hineingetragen wurde.

Literatur:

Ellwein, Thomas: Die deutsche Universität: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 1992.
Hammerstein, Notker: Enzyklopädie deutscher Geschichte. Bd. 64. Bildung und Wissenschaft vom 15. bis zum 17. Jahrhundert. München 2003.
Mayer, Hermann: Mitteilungen aus den Matrikelbüchern der Universität Freiburg i. Br. (XV. u. XVI. Jhd.), in: Zeitschrift der Gesellschaft zur Beförderung der Geschichts-, Altertums- und Volkskunde, Band 13, Freiburg i. Br. 1897.
Müller, Rainer: Geschichte der Universität. Von der mittelalterlichen Universitas zur deutschen Hochschule, München 1990.
Rashdall, Hastings: The Universities of Europe in the Middle Ages. Vol. I (Salerno – Bologna – Paris), Oxford 1987.
Rückbrod, Konrad: Universität und Kollegium. Baugeschichte und Bautyp, Darmstadt 1977.
Rüegg, Walter (Hg.): Geschichte der Universität in Europa, Bd.1: Mittelalter, München 1993.
Schwinges, Rainer Christoph: Studentische Kleingruppen im Mittelalter. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der Universität, in: Politik, Gesellschaft und Geschichtsschreibung, hg. v.: Herbert Ludat und Rainer Christoph Schwinges, Köln 1982.
Seifert, Arno: Die Universitätskollegien. Eine historisch-topographische Übersicht, in: Lebensbilder deutscher Stiftungen, Band 3, Tübingen 1974.
Weber, Wolfgang, E. J.: Geschichte der europäischen Universität, Stuttgart 2002.

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