Die These der „Identitätsbildung durch Feindbildmarkierung“

Die These:
Die These der „Identitätsbildung durch Feindbildmarkierung“ geht davon aus, dass verschiedene Menschen sich dann zu einer gemeinsamen Identität (also Zusammengehörigkeitsgefühl aufgrund von gemeinsamen Zielen, Werten und Überzeugungen) zusammenschließen, wenn sie ein gemeinsames Feindbild haben, über das sie sich alle gemeinsam definieren können.
Durch die gemeinsame Abgrenzung von einer bestimmten anderen Menschengruppe werden dabei erst die Gemeinsamkeiten all derjenigen klar, die dieses Feindbild teilen. Die These stützt sich auf das Konzept der „Identität und Alterität“, wobei Identität ein Zusammengehörigkeitsgefühl aufgrund von gemeinsamen Zielen, Werten und Überzeugungen darstellt und andererseits Alterität eine Zusammenfassung aller Ziele, Werte und Überzeugungen darstellt, über die sich eine Person oder Personengruppe eben NICHT identifiziert. Das gemeinsame Feindbild überbrückt dabei die Meinungsverschiedenheiten und hebt durch den Kontrast die (meist wenigen) Gemeinsamkeiten der Gruppe erst hervor.

Allgemeine Beispiele:
Gut zu beobachten ist ein solcher Ablauf nach dem Prinzip „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ beim Aufeinandertreffen verschiedene Fussball-Fans. So verbünden sich verfeindete Fussball-Hooligans häufiger gegen die Polizei als gemeinsamen Feindbild (Identität: „Fussball-Hooligans“, Alterität: „Polizei / Gesetz“). [Weitere Beispiele folgen später.]

In der Geschichte werden mehrere Beispiele eines solchen Zusammenschlusses von Menschen gegen einen gemeinsamen Feind genannt, bei dem sich gleichzeitig durch das neue Feindbild eine gemeinsame Identität entwickelt haben soll. Dies soll vor allem bei den von Urs Bitterli beschriebenen Kulturkontakten geschehen sein.

Beispiele im europäischen Kontext:
– Der „gemeinsame Kampf“ der antiken Griechen gegen die Perser in den Perserkriegen
– Der „gemeinsame Kampf“ von Germanen und Römern gegen die Hunnen
– Der „gemeinsame Kampf“ der christlichen Kreuzritter gegen die Muslime im Heiligen Land
– Der „gemeinsame Kampf“ einiger christlicher Fürsten gegen die Mongolen im 13. Jahrhundert
– Der „gemeinsame Kampf“ einiger christlicher Fürsten gegen die Osmanen (Konstantinopel 1454 / Wien 1618)
– Die „gemeinsame Eroberung und Ausbeutung“ der Neuen Welt durch mehrere europäische Nationen

=> Mit der These wäre es zunächst möglich davon zu sprechen, dass „die Europäer“ sich in Gefahrensituationen gegen „nicht-europäische Gruppen“ zu einer gemeinsamen Verteidigung ihrer Grundwerte zusammengetan hätten.

Probleme:
– In allen Beispielen sind die beteiligten „Europäer“ mit den verschiedensten Gründen zu Feld gezogen, selten aus einer gemeinsamen Überzeugung. Gemeinsame Werte oder die Unterschiede zum Feindbild wurden oft lediglich als Kriegsgrund missbraucht, wirklich bindend waren sie wohl nicht.
– In den meisten Beispielen sind nur sehr wenige der betroffenene „Europäer“ tatsächlich aktiv gegen den „Feind“ vorgegangen. Im Kampf gegen die Osmanen war das christliche Frankreich sogar mit dem „Feind“ verbündet. Gegen die Mongolen blieben gemeinsame Aktionen sogar fast ganz aus.
– Selbst in gemeinsamen Aktionen (wie bei den Kreuzzügen, v.a. 4. Kreuzzug) blieb die Zusammenarbeit extrem von Konkurrenz und gegenseitigem Missvertrauen geprägt, sogar soweit, dass man oft nicht von einer Zusammenarbeit sprechen konnte.
– Im Falle der Griechen in den Perserkriegen fußte die gemeinsame Identität eher auf einer lokaleren Ebene, in diesem Fall, der geographisch klar eingegrenzten „griechischen Ebene“.

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6 Antworten zu Die These der „Identitätsbildung durch Feindbildmarkierung“

  1. seyid schreibt:

    muss es bei Allgemeine beispiele nicht der FEIND meines Feindes ist mein freund heißen statt der freund meines feindes ist mein freund???

  2. Pingback: Europäische Identität durch Abgrenzung von den “Anderen” (kulturelle Identität) | Histoblog – Geschichte macht Schule

  3. Pingback: Überblick 10. Klasse: Vielfalt und Einheit? Die Geschichte der europäischen Identität | Histoproblog – Geschichte macht Schule

  4. Cara schreibt:

    Halte heute eine Präsentation über Nationalismus/Patriotismus und wollte diese Theorie nachschauen. Hab es gegooglet und erst gerade gemerkt, auf wessen Blog ich da gelandet bin 🙂
    ganz liebe Grüße,
    Cara

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