England und Frankreich im 14. und 15. Jahrhundert: Der Hundertjährige Krieg

England und Frankreich im 14. und 15. Jahrhundert: Der Hundertjährige Krieg

1. Voraussetzungen und Vorgeschichte
- Frühe Voraussetzung war die Eroberung Englands durch den Normannen Wilhelm 1066 und die Schlacht von Hastings gegen die Angelsachsen.
- Normannische Herzöge waren damit Könige von England und Lehnsvasallen des französischen Königs gleichermaßen
- Normannischem Haus Anjou-Plantagenet gelang bis 1202 der Ausbau ihrer französischen Besitzungen, danach folgte die Rückeroberung durch Philipp II. Augustus
- Anfang des 14. Jahrhunderts störten die Plantagenet die Konsensbildung der französischen Fürsten am Königshof durch Forderung nach Unabhängigkeit ihrer Lehen
- Nach dem frühen Tod dreier französischer Könige ohne männliche Erben, kam es 1328 zur Forderung Eduards III. auf den Thron; als Antwort wurden seine Lehen eingezogen

2. Phasen des Krieges
Erste Phase: Der Thronstreit (1337 – 1386)
- Angriff Eduards III. führte zu großen Siegen von Crécy 1346 und Maupertuis 1356
- Friede von Brétiny 1360 sicherte Eduard III. große Territorialgewinne zu
- Karl V. (inthronisiert 1364) gelang von 1369 bis 1385 die Rückeroberung der Gebiete
- Aufstände und Finanzkrisen in beiden Ländern führten zu langem Waffenstillstand

Zweite Phase: Die Zeit der Ungewissheit (1387 – 1414)
- Karl VI. (seit 1380) litt unter schwerer Krankheit und war nur bedingt regierungsfähig
- Richard II. (seit 1377) wurde 1399 von Heinrich IV. in einem Staatsstreich gestürzt
- Ermordung Ludwigs von Orléans 1407 führte zum Bürgerkrieg der Burgunder und Armagnac
- Abkommen von Leicester 1414 brachte Annäherung Burgunds mit Heinrich V.

Dritte Phase: Das anglo-burgundische Bündnis (1415 – 1435)
- Schlacht von Azincourt (1415) ermöglichte Heinrich V. große Eroberungen
- Ermordung Johann Ohnefurchts 1419 führte zum Bündnisvertrag von Troyes 1420
- Belagerung Orléans 1428 markierte Höhepunkt englischer Macht, danach Jeanne d’Arc
- Im Vertrag von Arras 1435 verließ Burgund das englische Bündnis und schloss Frieden

Vierte Phase: Der Sieg der Valois (1436 – 1453)
- 1436-1444 gelang Karl VII. (seit 1422) die Rückeroberung fast aller Teile Frankreichs
- 1449/50 Eroberung der Normandie
- 1453 Fall von Bordeaux

3. Jeanne d’Arc
a. Jeannes Wirken
- Im Mai 1428 befahlen ihr Stimmen nach Vaucouleurs aufzubrechen
- Im Februar 1429 wurde sie nach einer Überprüfung nach Chinon zum König geschickt
- In Poitiers verfasste sie Brief an die Engländer, in Tours erhielt sie Fahne und Rüstung
- Am 29. April gelangte Jeanne nach Orléans, am 8. Mai war die Belagerung beendet
- Schlachten von Jargeau und Patay ebneten Weg zur Königskrönung von Reims im Juli
- Am 8. September scheiterte der Angriff auf Paris
- Im November wurde Jeanne mit ihren Familienangehörigen in den Adelsstand erhoben
- Gefangennahme der Jungfrau am 23. Mai 1430 vor Compiègne durch Vasall Burgunds
- Ab Februar 1431 Inquisitionsprozess in Rouen, Tod auf dem Scheiterhaufen 30. Mai

b. Gründe für ihren Erfolg
- Es gab viele Seherinnen, Jeanne besaß aber Glaubwürdigkeit durch ihre Frömmigkeit, Tapferkeit und ihren starken Willen, die Aufträge der Stimmen zu erfüllen.
- Jeanne war ein Kind ihrer Zeit. Sie verkörperte Volksfrömmigkeit, franziskanische Betonung des individuellen Glaubens und den Glauben an das royale Gottesgnadentum.
- Schwächung des Adels führte zum Ruf nach einer starken Monarchie. Jeanne verkörperte diesen neuen sakralnationalen Anspruch des Königs (Reims).
- Jeanne sprach den überall aufkommenden Protonationalismus der Bevölkerung an und konnte den dritten Stand mit radikalen Forderungen auch militärisch motivieren.

c. Gründe für ihren Niedergang
- Karl VII hatte seine Hauptziele mit der Krönung in Reims und dem abzusehenden Abfall der Burgunder vom englischen König erreicht und wollte diese sichern.
- Jeannes Ziel der vollständigen Verdrängung der Plantagenet vom Kontinent war zu radikal und weitere Verfolgung hätte zur Überlastung der militärischen Kräfte geführt.
- Das englische Königshaus hatte das zentrale Interesse, Jeanne zu fassen und sie in einem Prozess als teuflisch darzustellen, um die Monarchie Karls VII. zu delegitimieren.
- Jeanne war für Karl VII. nur ein weiteres Mittel, um die Monarchie im Bürgerkrieg am Leben zu halten. Die Abkehr von Jeanne war die logische Folge davon.

d. Inquisitionsprozess und Heiligsprechung
- Vorwürfe waren: Tragen von Männerkleidung, superbia, Gotteslästerung, fehlende Glaubensdemut. Beweise zu den 70 Artikel mit Vorwürfen waren größtenteils gefälscht.
- Jeannes Haftbedingungen waren miserabel, wurde von englischen Soldaten bewacht, es war nur Männerkleidung verfügbar, ein Mönch wurde als Spion eingesetzt.
- Universität von Paris stand auf der Seite von Burgund und besiegelte mit theologischen Gutachten Jeannes Schicksal.
- Nach Eroberung Rouens kam es von 1450 und 1456 zum Revisionsprozess, in dem das Urteil von 1431 kassiert wurde. Schuld wurde von der Kirche auf England abgeschoben.
- 1920 wurde sie heilig gesprochen und erhielt einen eigenen Feiertag. Zwischen 1456 und 1789 war sie allerdings in Vergessenheit geraten.

4. Auswirkungen und Folgen
- Durch das Haus Orléans wurde im 15. Jahrhundert die Politik des starken Zentralstaats entwickelt, während das Haus Burgund noch lange für die Partei der Traditionen und des Partikularismus stand.
- Im Wesentlichen ging es in diesem Fürstenkrieg um die Frage, ob die Monarchie oder die Territorialfürsten die Oberhand behalten würden. Die französische Monarchie wurde durch den Sieg von 1453 entscheidend gestärkt.
- Die englische Monarchie wurde in ihrer Entwicklung nach 1215 ein weiteres Mal schwer zurückgeworfen. Ihre aus der Niederlage resultierende Schwäche führte zu den englischen Rosenkriegen.
- Die Theorie der Doppelmonarchie stand im krassen Gegensatz zur aufkommenden nationalen Identität.
=> Protonationalismus des Volkes verband sich mit sakral-nationalem Charakter des Königtums
- Der Hundertjährige Krieg veränderte die Kriegsführung entscheidend: Nicht-adlige Kommandeure, Ablösung der schweren Kavallerie, Prinzip des Heiligen Krieges, Einführung des Schießpulvers, Erstürmung von Festungen möglich.

Literatur
Curry, Anne: The Hundred Years War, Basingstoke und London 1993.
Duby, Georges und Andrée Duby: Die Prozesse der Jeanne d’Arc, Berlin 1985.
Ehlers, Joachim: Der Hundertjährige Krieg, München 2009.
Krumeich, Gerd: Jeanne d’Arc, München 2006.
Hedwig Röckelein (Hg.): Jeanne d’Arc. Oder wie Geschichte eine Figur konstruiert, Freiburg im Breisgau 1996.
Smith, Edward Lucie: Johanna von Orléans. Eine Biographie, Düsseldorf 1977.

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